Terrorwarnung aus dem Libanon Sicherheitsbehörden geben Entwarnung

Nach einem Drohanruf bei der deutschen Botschaft in Beirut reagieren die deutschen Behörden nun gelassen. Sie gehen davon aus, dass in Deutschland keine Anschlägen drohen. Die anfängliche Aufregung zeigt jedoch, wie fragil die Sicherheitslage eingeschätzt wird.


Berlin – Am konkretesten formulierte am Montag das Bundeskriminalamt (BKA) in Wiesbaden die deutliche Entwarnung. Nach dem jetzigen Stand der Überprüfung des Warnhinweises aus dem Libanon könne "ein Anschlag ausgeschlossen werden". Auch das Bundesinnenministerium relativierte die teilweise aufgeregten Meldungen des Wochenendes. Wolfgang Schäubles Sprecher Stefan Kaller referierte die Lageeinschätzung der deutschen Sicherheitsorgane. Demnach sei von einer "geringeren oder geringen Ernsthaftigkeit" bei dem Hinweise aus dem Libanon auszugehen.

Hintergrund der Meldungen waren mehrere Anrufe eines Syrers bei der deutschen Botschaft in Beirut. Am 4. Januar hatte sich der Mann, dessen Namen die libanesischen Behörden mit Mohammed Ndoub angeben, erstmals bei der deutschen Vertretung gemeldet. Ziemlich konkret beschrieb der Anrufer, dass ein Team von drei Terroristen - seinen Angaben nach ein Türke, ein Australier und ein Mann aus Saudi-Arabien - in Deutschland einen Sprengstoffanschlag verüben wollten.

Anruf bei der Botschaft in Beirut

Angeblich sei ihr Plan, einen getarnten Lastwagen mit einer Tonne Sprengstoff über Russland und Finnland nach Deutschland einzuschleusen. Vor allem die Details und das Motiv des angeblichen Terror-Trios ließen die deutschen Behörden aufhorchen. Demnach sei die Aktion als Vergeltung wegen deutscher Verfahren gegen Mitglieder der al-Qaida und gegen die sogenannten Koffer-Bomber geplant worden. Vor allem der Prozess gegen einen der Koffer-Bomber, der im Libanon verhandelt wird, hatte in der Region große Aufmerksamkeit erregt.

Als Vergeltung sollten in Deutschland Justizbehörden wie das Ministerium für Justiz von Ministerin Brigitte Zypries (SPD) und Gerichte, die entsprechende Verfahren führen, ins Visier genommen werden. Umgehend nach dem ersten Anruf gelang es den libanesischen Behörden, den Anrufer zu identifizieren und ihn am vergangenen Donnerstag festzunehmen. In den ersten Vernehmungen soll er Kontakte zur al-Qaida eingeräumt haben. Gleichwohl gilt seine Glaubwürdigkeit als begrenzt. Dass er Karten mit möglichen Zielen bei der Festnahme bei sich hatte, wurde bisher nicht bestätigt.

Obwohl die Warnung schon Ende letzter Woche eher als vage eingestuft wurde, zeigen die Aktivitäten der deutschen Behörden, wie sensibel sie die Sicherheitslage für Deutschland einschätzen. Ohne großes Aufsehen wurden an den genannten Einrichtungen die Sicherheitsvorkehrungen intensiviert. Zusätzlich wurde die Polizei auf den Autobahnen und an den Grenzen angewiesen, noch intensiver nach verdächtigen Fahrzeugen Ausschau zu halten. Und in Beirut forschten die Verbindungsleute des BKA intensiv bei den lokalen Behörden nach weiteren Details.

Terror-Magnet Libanon

Die Gesamtlage hat sich nach Angaben von Experten im letzten Jahr deutlich verschärft. Als deutlichsten Beleg werten die Fahnder vor allem die Entdeckung einer Terrorzelle, die in Deutschland offenbar mehrere Bomben vor US-Einrichtungen zünden wollten. Die Gruppe wurde jedoch observiert und schließlich im Sauerland festgenommen.

Spätestens seitdem Deutschland in Terrorpropagandavideos wegen des deutschen Engagements in Afghanistan oder der neuen Nähe zu den USA konkret als Ziel benannt worden ist, hören die Analysten der Polizei und der Geheimdienste deshalb sehr genau hin, wenn es Warnungen gibt. "Wir sind immer sehr vorsichtig", erläuterte am Montag ein hoher Sicherheitsbeamter in Berlin, "gerade wenn etwas aus dem Libanon kommt". Auch wenn sich die Quelle am Ende eher als unglaubwürdig herausstellte, nimmt niemand einen solchen Alarm auf die leichte Schulter - und wenn er anfänglich noch so obskur klingt.

Denn die Erfahrungen aus dem letzten Jahr haben den Sicherheitsexperten verdeutlicht, dass sich der Libanon neben dem Irak und Afghanistan zu einem neuen Magneten für Dschihadisten aus aller Welt entwickelt hat. Erst kürzlich hatte DER SPIEGEL über die spektakulären Fälle von zwei Männern, beide deutsche Staatsbürger, berichtet. Beide sollen in den Libanon gereist sein, um an der Seite der lokalen Terror-Gruppe Fatah al-Islam zu kämpfen.Einem der Männer, ein junger Deutscher mit türkischem Hintergrund, droht in Beirut nun deswegen die Todesstrafe.

Die Nachlese des brutalen Kampfes der libanesischen Armee gegen die Fatah al-Islam enthüllte auch, wie sehr ausländische Kämpfer in die lokale Gruppe eingebunden waren. So sitzen in Beirut neben den beiden Deutschen weitere Männer mit EU-Pässen und mehrere Saudis in Haft. "Die Lage im Libanon ist instabil", sagt der Berliner Sicherheitsbeamte, "und das lieben die Terroristen."

mgb



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