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Terrorwarnungen: Politiker fordern schärfere Überwachung

Die Terrorwarnung von Innenminister de Maizière hat eine neue Sicherheitsdebatte ausgelöst. Die Polizeigewerkschaft prangert zahlreiche Versäumnisse an, Politiker von CDU und SPD fordern eine strengere Überwachung per Vorratsdatenspeicherung.

Bundespolizei: Mehr Präsenz an Flughäfen und Bahnhöfen Fotos
REUTERS

Berlin - Die Gefahr eines Anschlags in Deutschland ist nach Einschätzung von Innenminister Thomas de Maizière größer geworden. Binnen kurzer Zeit wurden deshalb die Sicherheitsvorkehrungen verschärft: Bewaffnete Polizisten patrouillieren an Flughäfen und Bahnhöfen, Grenzen werden strenger kontrolliert. Die Warnungen haben nun eine Diskussion darüber ausgelöst, wie gut das Land vorbereitet ist - und wie es sich besser schützen kann.

Die Sicherheitsbehörden halten die Anschlagsgefahr in Deutschland derzeit für größer als zur Bundestagswahl 2009, erklärte Berlins Innensenator Ehrhart Körting (SPD) im Deutschlandfunk. Damals hätten islamische Extremisten der Bundesrepublik vor allem eine Propagandaschlacht per Video und Internet geliefert - nun aber gebe es Hinweise auf konkrete Anschlagsplanungen. Die Lage sei "brisanter als 2009".

Es gebe jedoch Defizite bei der Sicherheit in Deutschland, bemängelte der Chef der Gewerkschaft der Polizei (GdP), Konrad Freiberg. "Hier wurden in der Entwicklung einige Schritte verpasst", sagte er dem "Hamburger Abendblatt". Die Lage sei ernst. Die Bürger seien jedoch nicht ausreichend auf die Folgen eines Anschlags vorbereitet. "Wenn ein Anschlag passiert, gilt es schließlich auch, damit fertigzuwerden und die Situation aufzuarbeiten", sagte Freiberg.

Politiker von Union und SPD wollen die Möglichkeiten zur Überwachung der Telekommunikation verbessern: Sie plädieren für die Vorratsdatenspeicherung. Das Bundesverfassungsgericht hatte die bisherige Regelung zur Vorratsdatenspeicherung im März gekippt. Seither dürfen Telefon- und Internetdaten nicht mehr ohne Grund sechs Monate lang gespeichert werden. Die Union drängt auf eine baldige Neuregelung, die FDP hat sich bislang gegen die Vorratsdatenspeicherung ausgesprochen.

"Wenn sich der Terrorist auf den Weg gemacht hat, hat der Staat verloren"

Der innenpolitische Sprecher der Unionsfraktion, Hans-Peter Uhl, erhöhte nun in der "Financial Times Deutschland" den Druck auf den Koalitionspartner: "Wer sich jetzt noch gegen die Vorratsdatenspeicherung wehrt, hat die Bedrohungslage nicht verstanden." Nur die Nachrichtendienste könnten helfen, terroristische Bedrohungen frühzeitig zu erkennen. "Wenn diese Chance vertan wird und sich der Terrorist mit der Bombe unterm Arm auf den Weg gemacht hat, hat der Staat verloren", sagte er dem "Kölner Stadt-Anzeiger".

Auch sozialdemokratische Innenminister plädieren für die Vorratsdatenspeicherung. Wie der Berliner Innensenator Körting hält auch sein Kollege in Nordrhein-Westfalen, Ralf Jäger, dieses Instrument für dringend geboten. "Datenschutz ist selbstverständlich. Allerdings dürfen wir im Sinne der Opfer nicht so weit gehen, dass Straftaten nicht mehr ordentlich ermittelt und Straftäter nicht zur Rechenschaft gezogen werden können", sagte er der "Rheinischen Post".

Der niedersächsische Innenminister Uwe Schünemann (CDU) warnte seinerseits vor einer steigenden Bedrohung durch deutschstämmige Islamisten. "130 Islamisten deutscher Herkunft werden derzeit als hochgradig gewaltbereite Gefährder eingestuft", schrieb er in einem Papier, über das die "Neue Presse" aus Hannover berichtet. Rechne man zu diesem harten Kern in Deutschland die Gruppe der Sympathisanten hinzu, liege das militante Potential sogar bei 400 Personen. Diese Gruppe müsse lückenlos beobachtet werden.

"Grund zur Sorge, aber keinen Grund zur Hysterie"

Die Innenminister von Bund und Ländern beraten an diesem Donnerstag über die Hinweise auf Terroranschläge. Bei ihrer Herbsttagung in Hamburg werden sie darüber vor Beginn der regulären Tagesordnung sprechen, sagte der Gastgeber, Hamburgs Innensenator Heino Vahldieck (CDU).

Falls die Innenminister sich für schärfere Gesetze aussprechen, müssen sie mit dem Widerstand besonders von zwei Koalitionspolitikern rechnen. Der Vorsitzende des Innenausschusses im Bundestag, Wolfgang Bosbach (CDU), und FDP-Fraktionsvize Gisela Piltz sind gegen solche Vorhaben, erklärten sie in der "Neuen Osnabrücker Zeitung". "Die veränderte Bedrohungslage ist kein Grund für gesetzgeberischen Aktionismus", sagte Bosbach. Gefragt sei vielmehr das richtige Maß an Aufmerksamkeit und Gelassenheit. Piltz sagte, die Behörden verfügten über "eine Vielzahl wirksamer Möglichkeiten, um die Sicherheit der Menschen in Deutschland zu gewährleisten". Ein "immer weiteres Drehen an der Verschärfungsschraube" sei daher nicht nötig.

Bundesinnenminister de Maizière hatte am Mittwoch davon gesprochen, es gebe "Grund zur Sorge, aber keinen Grund zur Hysterie". Nach Erkenntnissen der Bundesregierung planten radikale Muslime in den kommenden zwei Wochen Anschläge in Deutschland. Die USA haben den Deutschen mitgeteilt, dass ihren Erkenntnissen zufolge vier mutmaßliche Terroristen nach Deutschland unterwegs sind und für Ende November Anschläge planen. Zudem gab es weitere Hinweise. De Maizière rief die Bevölkerung zur Wachsamkeit auf.

Grünen-Fraktionschef Jürgen Trittin kritisierte die Terrorwarnung als zu vage. "Wenn der Innenminister Gefahren erkennt, dann darf er sich nicht in kryptischen Warnungen ergehen", sagte er der "Frankfurter Rundschau". Dadurch schüre de Maizière genau jene Angst und Verunsicherung, vor der er warne.

kgp/dpa/dapd/AFP/Reuters

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Forum - Ist Deutschland ausreichend vor Terror geschützt?
insgesamt 4767 Beiträge
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1.
boell 18.11.2010
Zitat von sysopDie Terrorwarnung von Innenminister de Maizière hat eine neue Sicherheitsdebatte ausgelöst. Ist der Terrorschutz in Deutschland ausreichend?
Der Terrorismus hat sein Ziel auf ganzer Linie erreicht: Selbstterorisierung spart eigene Kräfte, eine alte militärische Lehre.
2. "der Terrorist mit der Bombe unterm Arm" ist schon unterwegs
DerkurzeEugen, 18.11.2010
Und wer oder was ist Schuld daran ? Natürlich, wir alle, die wir uns gegen den Polizeistaat wehren, die wir z.B. die Vorratsdatenspeicherung verhindert haben. Uhl: "Ohne Vorratsdatenspeicherung können die Menschen nicht mehr geschützt werden. Das ist völlig undenkbar." Ich frage mich, wie es uns so lange ohne Vorratsdatenspeicherung gelungen ist, das Land vor den Terror-Bombern zu schützen !? Was dem einen sin Uhl, ist dem andern sin Nachtigall, lieber Herr Uhl und ich hoffe es bleibt - wie bisher - dabei, dass wir keine Daten auf Vorrat speichern UND keinen Terror im Lande haben.
3.
peter-bömmler 18.11.2010
Das sehe ich genauso ... de Maizière: ".. die Bürger sollen wachsam sein.." hä, worauf soll ich denn GENAU aufpassen ?
4.
plumperquatsch 18.11.2010
Sehr erfeulich ist aber, daß offensichtlich kaum noch einer der Foren Nutzer auf die gefakten "Terror" Warnungen hereinfällt. Betrüblich ist jedoch, die zunehmende Gleichschaltung der Medien. Alles wird gut...
5. Einladung an Terroristen aus dem Jemen
helmers 18.11.2010
Warum hat man schon wieder voreilig die Sperre des Flugverkehrs mit dem Jemen aufgehoben, diese Frage muss die Bundesregierung und die Kanzlerin beantworten, wenn dies hier in unserem Land für Sicherheit sorgen soll, dann ist dies hundert Prozent der falsche Schritt gewesen.
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Mögliche Kommandostruktur al-Qaidas


Sicherheit bei der Luftfracht
Wie funktioniert die Luftfrachtkontrolle in Deutschland?
dapd
Die Zuständigkeit für die Luftfrachtkontrolle liegt in Deutschland beim Bundesverkehrsministerium bzw. beim Luftfahrtbundesamt. Vorgenommen werden die Kontrollen aber größtenteils durch Transportunternehmen wie die Deutsche-Post-Tochter DHL oder die US-Unternehmen UPS und FedEx. Grundsätzlich müssen alle Frachtsendungen vor ihrer Verladung kontrolliert werden. Das gilt auch für Transferfracht, die umgeladen wird. Das bedeutet aber nicht, dass auch jede einzelne Sendung tatsächlich durchleuchtet wird. Denn in Deutschland wie in der gesamten EU gilt das Prinzip der "sicheren Lieferkette".
Wie funktioniert die "sichere Lieferkette"?
Die "sichere Lieferkette" besteht im Prinzip aus drei Gliedern: dem Versender, also einer Person oder einem Unternehmen, dem Spediteur, der den Sendevorgang abwickelt, und den Fluggesellschaften, die den Lufttransport durchführen. Wird der Versender von den Spediteuren als vertrauenswürdig eingestuft - etwa weil schon eine jahrelange Geschäftsbeziehung besteht -, werden seine Sendungen nicht kontrolliert. Ist der Spediteur vom Luftfahrtbundesamt anerkannt, verlässt sich auch die Fluggesellschaft auf eine sichere Fracht.

Mit technischem Gerät kontrolliert werden muss nur die Fracht von sogenannten unbekannten Versendern. Dazu zählen auch Privatpersonen, die Postpakete per Luftfracht verschicken. Experten schätzen den Anteil geprüfter Sendungen im gesamten Frachtverkehr aber lediglich auf einen einstelligen Prozentsatz.
Welche Probleme gibt es bei der Frachtkontrolle?
Nur Fracht bis zur Größe einer Europalette kann mit Röntgengeräten auf Sprengstoff untersucht werden. Schwierigkeiten machen größere Sendungen wie etwa tonnenschwere Maschinenbauteile. Sie passen nicht in die Durchleuchter.

In solchen Fällen können nur Wischproben an verschiedenen Stellen der Oberfläche genommen werden, die dann mit Hilfe eines Massenspektrometers auf Spuren von Sprengstoff untersucht werden. Moderne Geräte können zwar mehr als acht verschiedene Sprengstoffe unterscheiden. Wenn die Terroristen sauber gearbeitet haben und die Oberfläche nicht kontaminiert ist, laufen die Kontrollen jedoch ins Leere.

Bisher gibt es kein Kontrollverfahren, mit dem alle Sprengstoffe nachgewiesen werden können: Jede Methode eignet sich immer nur für eine bestimmte Art der Detektion. Üblicherweise eingesetzte Röntgengeräte sind etwa dafür konzipiert, Metalle aufzuspüren. Organische Materialien und Flüssigkeiten tauchen auf dem Monitor nur als Schattierungen auf.

Eine bessere Technik könnte die Computertomografie sein: Sie kann auch die innere räumliche Struktur von Dingen sichtbar machen. Doch diese Geräte sind sehr teuer.
Wie sind Sicherheitsprüfungen bei der Luftfracht international geregelt?
Eine global geltende Regel, wie Fracht kontrolliert werden muss, gibt es nicht. In der EU ist die Frachtsicherheit zumindest auf dem Papier schon einheitlich geregelt. Seit April 2010 gilt eine neue Verordnung, nach der es nicht mehr im alleinigen Ermessen der Transportunternehmen liegen soll, welche ihrer Kunden als bekannte Versender gelten. In jedem EU-Mitgliedstaat soll stattdessen die jeweilige Luftsicherheitsbehörde Zertifikate an die Versender vergeben.

In Deutschland ist das Luftfahrtbundesamt dafür zuständig. Innerhalb einer Übergangsfrist von drei Jahren muss jeder Versender von einem LBA-Beamten vor Ort in Augenschein genommen werden. Kriterien für die behördliche Anerkennung sind zum Beispiel, dass der Versender seine Luftfracht vor unbefugten Eingriffen schützt und seine Mitarbeiter schult.

Zertifizierte Spediteure und Versender werden zukünftig in einer EU-Datenbank aufgelistet, um ihren Einsatz in allen Mitgliedstaaten zu ermöglichen.
Was kostet ein Mehr an Sicherheit?
In den USA wird seit kurzem die gesamte Fracht auf Inlandsflügen kontrolliert. Der US-amerikanische Spediteursverband errechnete Kosten in Höhe von 700 Millionen Dollar - allein für das erste Jahr der Umstellung. Schon ein einzelner Scanner, der Luftfrachtcontainer durchleuchten kann, kostet etwa 350.000 Euro. Hinzu kommen weitere 50.000 Euro für Instandsetzung, Personalausbildung und Betrieb.

Genaue Berechnungen für Deutschland oder Europa sind laut Logistikexperten schwierig. An den meisten europäischen Flughäfen wären Massen-Screenings auch gar nicht möglich, da es an Lagerkapazitäten fehlt.

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