Theresa May in Berlin Gauck warnt EU vor "Pose des Gekränkten" gegenüber Großbritannien

Vor Theresa Mays Antrittsbesuch in Berlin appelliert Bundespräsident Joachim Gauck an die EU-Staaten: Sie sollten bei den Brexit-Verhandlungen keine allzu harte Haltung gegenüber den Briten einnehmen.

Joachim Gauck
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Bundespräsident Joachim Gauck hat sich dagegen ausgesprochen, Bürger über politische Fragen auf Bundesebene abstimmen zu lassen. "Als ich vor vielen Jahren in die Politik kam, war ich ein Anhänger von Volksentscheiden", sagte er der "Bild"-Zeitung. "Inzwischen habe ich einige Erfahrungen damit gesammelt und sehe es differenzierter."

Es gebe eine ganze Reihe von Themen wie etwa Sicherheit, Steuern und Währungspolitik, "bei denen einfache Antworten wie Ja oder Nein nicht ausreichen", sagte er. "Oft müssen schwierige Kompromisse gefunden werden, die mit Volksentscheiden nicht möglich sind."

In dem Interview sprach Gauck auch über die Konsequenzen aus dem Brexit-Referendum der Briten: Eine harte Haltung gegenüber Großbritannien bei den bevorstehenden Verhandlungen über den EU-Austritt halte er nicht für den geeigneten Weg. "Man ist in der Politik immer gut beraten, erst dreimal tief durchzuatmen und dann das Gespräch mit den Anderen zu suchen."

Die Briten hatten bei dem Referendum am 23. Juni mit einer Mehrheit von knapp 52 Prozent für den EU-Austritt gestimmt. Am Mittwoch wird die neue Premierministerin Theresa May zum Antrittsbesuch nach Berlin reisen und dort Kanzlerin Angela Merkel treffen. Themen sind neben dem Brexit auch die Flüchtlingskrise und die Entwicklung in der Türkei.

Theresa May
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Gauck warnte davor, die Briten jetzt demonstrativ und besonders hart die Folgen ihrer Entscheidung spüren zu lassen: Das "wäre mit Blick auf künftige Generationen kein guter Weg". Die anderen 27 EU-Länder sollten "jetzt nicht so handeln, als wären wir die Schwächeren, Gedemütigten". Die "Pose des Gekränkten" bringe nicht weiter.

Er sehe derzeit aber keine großen Gefahren für Europa nach dem Brexit-Votum. "Ich bin optimistisch, dass wir auch diese Krise meistern werden." Europa-Kritiker und Populisten würden zwar die öffentlichen Debatten beherrschen. Sie hätten aber in den meisten Ländern gar keine Mehrheit - und außerdem keine Vision für die Zukunft. Sie hätten nichts Überzeugendes anzubieten.

Gerade mit Blick auf die Terrorbekämpfung sagte Gauck: "Das Entscheidende wird auch hier sein, dass wir zusammenhalten in Europa. Gerade jetzt dürfen wir uns nicht auseinanderdividieren lassen."

aar/dpa/AFP/Reuters

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