Thomas de Maizière Minister für höhere Aufgaben

Er war der Mann im Hintergrund, jetzt prägt er die deutsche Politik wie kaum ein anderer: Durch die Terrorwarnungen ist Innenminister Thomas de Maizière ins Zentrum der Aufmerksamkeit gerückt. Manchen gilt er schon als Merkels heimlicher Kronprinz - wenn er die jetzige Bewährungsprobe übersteht.

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Innenminister de Maizière: "Handwerksmeister der Regierungskunst"
dapd

Innenminister de Maizière: "Handwerksmeister der Regierungskunst"


Berlin - Thomas de Maizière ist jetzt auf Sendung. Überall. "Es gibt Grund zur Sorge, aber keinen Grund zur Hysterie" - das ist der Satz, den der Innenminister seit Tagen wiederholt. Seine Botschaft: Die Deutschen sollen gewappnet sein für einen Anschlag, aber nicht von Terrorangst gelähmt. Nur die Ruhe bewahren. De Maizière sagt das in allen Talkshows, vor Polizisten, er beantwortet damit Bürgerfragen.

Seinen monoton-sonoren Tonfall kennt mittlerweile das ganze Land. Der 56-Jährige verleiht dem Kampf gegen den Terror Stimme und Gesicht - er, nicht die Kanzlerin, nicht der Bundespräsident.

Es ist eine neue Rolle für de Maizière. Jahrelang war er der Maschinist der Macht, der Mann in Reihe zwei. Als Merkels Kanzleramtsminister in den Jahren 2005 bis 2009 werkelte er im Hintergrund, sorgte für eine reibungslose Zusammenarbeit von Union und SPD in der Großen Koalition. Sein Motto: "Nichts allzu sehr." Einen "Handwerksmeister der Regierungskunst" nannte er sich, den "ersten Gehilfen" für die Kanzlerin.

Seine Vorgänger waren echte Polizeiminister

Dann machte ihn Merkel in ihrer schwarz-gelben Koalition zum Innenminister. Und wieder wollte de Maizière lieber mehr im Hintergrund wirken als die Schlagzeilen bestimmen. Ganz anders als seine Vorgänger Otto Schily (SPD) und Wolfgang Schäuble (CDU), die sich mit Leidenschaft dem Terror-Alarmismus hingaben. Das waren echte Polizeiminister, Männer der inneren Sicherheit.

Thomas de Maizière spricht lieber von innerem Frieden.

Stark sei nicht, "wer lauthals etwas fordert, stark ist, wer leise etwas durchsetzt". Das war so ein Satz aus seinen ersten Amtswochen im vergangenen Jahr. Er habe sich entschlossen, ab und zu mal auf die abstrakte Terrorgefahr hinzuweisen, nicht aber ständige Warnungen auszustoßen, sagte er.

Doch plötzlich ist die Terrorgefahr konkret, de Maizière steht im Mittelpunkt der Politik. Er ist jetzt Merkels wichtigster Minister.

Die neue Rolle bringt es mit sich, dass er unter verschärfter Beobachtung steht - durch die Medien, die Konkurrenten in den eigenen Reihen, die Opposition. De Maizières Arbeit ist ein ständiger Balanceakt, er kann als Superminister punkten, aber auch abstürzen. Jederzeit. Der Terroralarm ist, wenn man so will, sein politischer Elchtest.

Wie schnell in Zeiten des Terroralarms und Terroralarmismus etwas schiefgehen kann, musste der Minister in den vergangenen Wochen bereits zwei Mal erleben.

Über die Anfang November entdeckte und aus dem Jemen per Luftfracht verschickte Paketbombe, die auf dem Flughafen Köln/Bonn in Richtung England umgeladen wurde, unterrichtete nicht de Maizière die Kanzlerin - sondern der britische Premierminister David Cameron. Peinlich für Merkel, noch peinlicher für de Maizière. Als im namibischen Windhuk vor dem Abflug einer Air-Berlin-Maschine nach München ein vermeintlicher Bombenkoffer gefunden wurde, brauchte es Tage der Untersuchung, bis de Maizière verkünden konnte, dass es sich nur um eine Attrappe gehandelt habe.

Zwei Missgeschicke. Doch einen wirklich hundertprozentigen Fehler hat er sich noch nicht geleistet.

Kommt de Maiziére für höhere Ämter in Frage?

So beginnt es im politischen Berlin zu rumoren: Wenn de Maizière die anstehenden Wochen und Monate konkreter Terrorbedrohung ordentlich meistert, kommt er dann nicht auch für höhere Ämter in Frage? Und damit ist nicht das des Finanzministers gemeint, für das de Maizière ebenfalls - erneut als Schäuble-Nachfolger - gehandelt wird.

Die Frage ist vielmehr: Kann Thomas de Maizière Kanzler? Er, der als spröde geltende, kühle Jurist, der Mann der Verwaltung?

Bisher waren sich die politischen Großdeuter da recht einig: Der Mann sei für die Kanzlerin "kein Konkurrent um die Macht", legte sich die "Süddeutsche Zeitung" fest. "Ohne persönliche Ambitionen", meinte "Cicero". Von keinem anderen drohe Merkel "weniger Gefahr". Stimmt das wirklich?

Immerhin erinnert de Maizière an den SPD-Politiker Frank-Walter Steinmeier. Der war auch erst Maschinist der Macht - und dann plötzlich Kanzlerkandidat. Fakt ist: Thomas de Maizière hat nie den Kampf um die Macht gesucht. In all seine Ämter ist er gerufen worden - und das waren viele: Staatskanzleichef in Mecklenburg-Vorpommern und später in Sachsen. Finanz-, Justiz- und Innenminister in Dresden. Jedesmal aber, wenn de Maizière gegen einen anderen hätte kandidieren müssen, verzichtete er von sich aus.

Er hätte sächsischer Ministerpräsident werden können - wenn er gegen Georg Milbradt um die Biedenkopf-Nachfolge angetreten wäre. Doch de Maizière verzichtete.

"Dann kann man nicht ablehnen"

Stets fürchtete der gebürtige Bonner auch um seine Privatheit. Die Zeit mit seiner Frau und den drei Kindern bedeutet ihm viel. Als Merkel ihn zu ihrem Kanzleramtsminister machte, bat er sogar Journalisten um Rat, mit welcher zeitlichen Belastung er rechnen müsse.

Das ist allerdings nur eine Seite des Innenministers. Die andere ist geprägt von Pflichtbewusstsein: Wird er gerufen oder ist Not am Mann, dann sagt de Maizière nicht Nein. "Wenn man dieses Amt angeboten bekommt, kann man nicht ablehnen", sagte er einmal über den Job des Kanzleramtsministers.

"Wenn man böse ist, kann man sagen: Er funktioniert", beschrieb ihn sein Cousin Lothar de Maizière, der letzte DDR-Ministerpräsident. Und er erinnert sich an die in der Familie stets gepredigte Disziplin: "Uns wurde nicht gesagt, das tut man nicht, uns wurde gesagt, ein de Maizière tut das nicht."

Die Vorfahren des Innenministers hatten einen französischen Migrationshintergrund. Sie sind im 17. Jahrhundert als Hugenotten nach Preußen gekommen. Sie integrierten sich, sie wollten dem Gastland etwas zurückgeben. Ein Ahne des Ministers schrieb am Bürgerlichen Gesetzbuch mit, sein Vater war zwischen 1966 und 1972 Generalinspekteur der Bundeswehr.

Enge Vertraute: Angela Merkel

Regelmäßig traf sich die von der Frontlinie des Kalten Kriegs gespaltene Familie in Ost-Berlin, Thomas de Maizière reiste mit Tagespassierschein ein. "Blut ist dicker als Wasser", sagt Cousin Lothar. Als die Mauer 1989 fällt, ist Thomas Pressesprecher der West-Berliner CDU. Nach den DDR-Wahlen im März 1990 stellt sich der West-Vetter als Berater an die Seite des Cousins, arbeitet in dessen Regierung mit. Gemeinsam wurden sie auf Angela Merkel vom "Demokratischen Aufbruch" aufmerksam, machten sie zur Vize-Regierungssprecherin.

Seitdem schätzt man sich, verlässt sich aufeinander. Thomas de Maizière ist Merkels engster Vertrauter in der Regierung, nie würde er sie stürzen. Doch wenn ihm Merkel und die Partei die Macht antragen? Würde de Maizière dann Nein sagen?

Mit dem Innenminister stößt nun erneut ein Mitglied aus einer großen Familie in den Kreis der Kronprinzen vor - nachdem sich dort schon Arbeitsministerin Ursula von der Leyen und Verteidigungsminister Karl-Theodor zu Guttenberg eingerichtet haben. Der Vierte im Bunde, Umweltminister Norbert Röttgen, erscheint da fast schon als Außenseiter.

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Seite 1
Baracke Osama, 24.11.2010
1. --
Zitat von sysopEr war der Mann im Hintergrund, jetzt prägt er die deutsche Politik wie kaum ein anderer: Durch die Terrorwarnungen ist Innenminister Thomas de Maizière ins Zentrum der Aufmerksamkeit gerückt. Manchen gilt er schon als Merkels heimlicher Kronprinz - wenn er die jetzige Bewährungsprobe übersteht. http://www.spiegel.de/politik/deutschland/0,1518,730728,00.html
War die Wahl des Hintergrundbildes zufällig oder war es von SPON so vorgesehen?
Juan Pérez, 24.11.2010
2. Thomas Die Misere,
noch so einer aus der Klicke der Nepotisten der deutschen Bananenrepublik
intenso1 24.11.2010
3. ...
Zitat von sysopEr war der Mann im Hintergrund, jetzt prägt er die deutsche Politik wie kaum ein anderer: Durch die Terrorwarnungen ist Innenminister Thomas de Maizière ins Zentrum der Aufmerksamkeit gerückt. Manchen gilt er schon als Merkels heimlicher Kronprinz - wenn er die jetzige Bewährungsprobe übersteht. http://www.spiegel.de/politik/deutschland/0,1518,730728,00.html
Gestern Gutenberg heute de Maiziere und morgen?
sacco 24.11.2010
4. x
welche bewährungsprobe? die bevölkerung hinters licht zu führen?
a.maniac 24.11.2010
5. .
Zitat von sysopEr war der Mann im Hintergrund, jetzt prägt er die deutsche Politik wie kaum ein anderer: Durch die Terrorwarnungen ist Innenminister Thomas de Maizière ins Zentrum der Aufmerksamkeit gerückt. Manchen gilt er schon als Merkels heimlicher Kronprinz - wenn er die jetzige Bewährungsprobe übersteht. http://www.spiegel.de/politik/deutschland/0,1518,730728,00.html
Na dann besteht uns noch schlimmeres bevor. siehe auch Sächsische Korruptionsaffäre.
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