"Thor Steinar"-Prozess Sieg für den Satire-Storch

Das Urteil ist gesprochen: "Storch Heinar" hat im Rechtsstreit gegen "Thor Steinar" gewonnen. Das bei Neonazis beliebte Modelabel wollte die politische Persiflagefigur verbieten lassen - vergebens. Vom Erfolg beflügelt, planen die Macher des "Führerstorchs" nun den nächsten Coup.

Von Dominik Peters

ddp

Berlin - Der juristische Krieg ist vorbei. "Storch Heinar" hat einen Sieg im "Nürnberger Modeverbrecherprozess" errungen und seinem Gegner eine herbe Niederlage zugefügt: dem Modelabel "Thor Steinar", hinter dem die brandenburgische Firma Mediatex steht. Die hatte auf Markenrechtsverletzung und Verunglimpfung geklagt - und ist nun in erster Instanz in die Schranken verwiesen worden.

Horst Rottmann, Vorsitzender Richter am Landgericht Nürnberg-Fürth, erklärte, es bestehe erstens keine Gefahr, dass potentielle Kunden statt Kleidung von "Thor Steinar", welche von "Storch Heinar" kaufen würden, weil diese sich in ihrem Motiv-Logo ähnelten.

Auch den zweiten Vorwurf, die beiden Markennamen ähnelten sich, ließ Rottmann nicht gelten. Zwar wiesen beide die gleiche Anzahl an Silben und Vokale auf, es bestehe aber dennoch ein Unterschied.

Drittens und letztens liege keine Verunglimpfung der Marke "Thor Steinar" zum Zweck der Gewinnerzielung vor. Vielmehr handele es sich um eine Persiflage als kritische Gegenüberstellung, ergo: Kunstfreiheit.

Ein Storch mit strammem Seitenscheitel und Zweifingerbärtchen

Hintergrund des Streits war der zerrupfte, schmalbrüstige "Storch Heinar". Ein von Kopf bis Fuß hässlicher Vogel, ins Leben gerufen von der Initiative "Endstation rechts" aus Mecklenburg-Vorpommern. Über das Internet vertreibt die Initiative Kleidungsstücke mit dem Motiv des "Führerstorchs". Der Erlös fließt nach eigenen Angaben in die Aufklärungsarbeit über Rechtsextremismus.

Mediatex hatte nun vor Gericht gegen die Macher von "Storch Heinar" geklagt, weil sie eine Verwechslungsgefahr mit der eigenen Modelinie "Thor Steinar" befürchtete. Die ist in der rechtsextremen Szene überaus beliebt - und wurde 2009 vom Brandenburger Verfassungsschutz als "identitätsstiftendes Erkennungszeichen" eingestuft.

Auf den Kapuzenpullis und T-Shirts von "Thor Steinar" finden sich allerhand Anspielungen auf den Zweiten Weltkrieg, die deutsche Kolonialzeit und nordische Mythologie. Das Label-Logo des aktuellen Neonazi-Chic ist das Andreaskreuz mit zwei Punkten auf einem grauen Hintergrund. Genau dieses Emblem wollte man bei der linken Konkurrenz von "Endstation rechts" wiedererkannt haben.

Auf den "T-Hemden" und Spaghettiträger-Tops - oder "Nudelhemden", wie die Kleidungsstücke mit dem Vogel im korrekt-persiflierten Szenedeutsch heißen - streckt "Storch Heinar" seine Flügel in die Höhe und breitet sie aus, nach beiden Seiten, rechts und links. Zwischen seinen Beinen liegt ein Ei, und für sein schlaues Köpfchen hat sich Heinar außerdem einen Wehrmachtshelm besorgt, unter dem ein strenger, schwarzer Seitenscheitel zum Vorschein kommt - farblich abgestimmt mit dem markanten und bekannten Zweifingerbärtchen.

"Achse Rostock-Leipzig"

Nun, nachdem Richter Rottmann Recht gesprochen hat, darf die Initiative "Endstation rechts" also weiterhin ihre Klamotten-Kollektion mit dem Satire-Storch verkaufen. Besonders der Rostocker Mathias Brodkorb freut sich darüber.

Er ist SPD-Abgeordneter in Mecklenburg-Vorpommern und einer der geistigen Väter des kleinen Federviehs, das Mediatex so stört. Brodkorb sagte nach der Urteilsverkündung gegenüber SPIEGEL ONLINE: "Der Versuch der Mediatex, uns mit rechtlichen Mitteln mundtot zu machen, ist vorerst gescheitert. Wir freuen uns natürlich alle riesig über dieses Urteil. Nur unser Storch Heinar macht uns ein bisschen Sorgen. Der hat nämlich im Siegesrausch verkündet, er wolle nun endgültig die Modeweltherrschaft an sich reißen."

In Zukunft soll das Reich des klapprigen Storchs also noch wachsen. Dafür hat sich Heinar, der bisher im "virtuellen Kaufmannsladen" nur sein eigenes Konterfei feilbot, Verstärkung besorgt: die "Front Deutscher Äpfel", ein ähnliches pazifistisches Parodieprojekt.

Die Leipziger "Nationale Initiative gegen die Überfremdung des deutschen Obstbestandes und gegen faul herumlungerndes Fallobst" wurde 2004, nach dem Einzug der NPD in den sächsischen Landtag, gegründet. Inoffizieller Namensgeber: der NPD-Fraktionsvorsitzende Holger Apfel. Seither ist die Gruppe auf rechtsradikalen Demonstrationen dabei - mit eigenen Gegenveranstaltungen und -parolen: "Was gibt der deutschen Jugend Kraft? Apfelsaft! Apfelsaft!", skandieren sie dann, tragen schwarze Anzüge und rote Armbinde mit Apfellogo, um die Neonazis mit ihren vermeintlich eigenen Symbolen und Sprechchören zu persiflieren und entlarven. Ihre eigene Mode mit dem markanten Apfel haben sie natürlich auch.

Die kann man nun über das Internetportal des befreundeten "Storch Heinar" bekommen. Die neu gegründete "Achse Rostock-Leipzig", da ist sich der Erfinder des gefiederten "Führerstorchs" sicher, wird ein durchschlagender Erfolg werden.

Schadensersatz für "Kampftasche Wüstenfuchs"

Bevor der Kampf jedoch fortgesetzt wird, müssen die Erfinder von "Storch Heinar" in ihre Kriegskasse greifen und sechs Prozent der Prozesskosten bezahlen - die Firma Mediatex hingegen die restlichen 94 Prozent.

Neben den Prozesskosten wird "Endstation rechts" noch weitere Kosten stemmen müssen, denn in einem Punkt bekam Mediatex recht: Auf der "Storch Heinar"-Homepage wurde eine sogenannte "Kampftasche Wüstenfuchs" für 29,90 Euro vertrieben - die brandenburgische Firma Mediatex aber hatte eine eigene, eingetragene Marke namens "Wüstenfuchs". Dagegen hatte man geklagt. Mit Erfolg.

Nun wird "Endstation rechts" eine Schadensersatzzahlung an Mediatex überweisen müssen. Aber auch in diesem Fall dürfte der Betrag nicht zu hoch sein, da die "Kampftaschen" nur viermal verkauft wurden, einen Gesamtumsatz von 119,60 Euro brachten und üblicherweise fünf Prozent der Lizenzgebühren in solchen Fällen gezahlt werden müssen.

"Storch Heinar" jedenfalls war nach der Urteilsverkündung euphorischer denn je und ließ über seinen Erfinder Brodkorb - natürlich nicht ganz ernst gemeint - verkünden: "Ich habe heute im Nürnberger Modeverbrecherprozess meinen Gegner vernichtend geschlagen."



Forum - Diskussion über diesen Artikel
insgesamt 103 Beiträge
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Seite 1
Bre-Men, 11.08.2010
1. Ab jetzt
Zitat von sysopDas Urteil ist gesprochen: "Storch Heinar" hat im Rechtsstreit gegen "Thor Steinar" gewonnen. Das bei Neonazis beliebte Modelabel wollte die politische Persiflagefigur verbieten lassen - vergebens. Vom Erfolg beflügelt, planen die Macher des "Führerstorchs" nun den nächsten Coup. http://www.spiegel.de/politik/deutschland/0,1518,711052,00.html
Dürfen ab jetzt alle Storch Heinar Läden beschmiert werden?
groj 11.08.2010
2. Brat mir 'nen...
Storch. Eines der wenigen Beispiele des Sieges des Humors über deutsche Dumfbacken.
raka, 11.08.2010
3. .
Zitat von sysopDas Urteil ist gesprochen: "Storch Heinar" hat im Rechtsstreit gegen "Thor Steinar" gewonnen. Das bei Neonazis beliebte Modelabel wollte die politische Persiflagefigur verbieten lassen - vergebens. Vom Erfolg beflügelt, planen die Macher des "Führerstorchs" nun den nächsten Coup. http://www.spiegel.de/politik/deutschland/0,1518,711052,00.html
"Storch Heinar", einfach lustig, eine Kampagne mit Witz. Sie zeigt übrigens sehr schön auf, wie verkniffen und humorlos die rechte Bande ist. Das ist gut so. Hätten die Rechten den Ball aufgenommen und zurück gespielt, hätte ihnen das Punkte bringen können. So bleibt nur Kopfschütteln ...
Graphite 11.08.2010
4. top
finds Klasse dass hier FÜR die Kunst- und Meinungsfreiheit Recht gesprochen wurde! werde mir heut abend gleich mal ein Storchen-Shirt bestellen!
Heinz Elmann 11.08.2010
5. Bravo
Solche Urteile kann es gar nicht genug geben.
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