SPD im Hessen-Wahlkampf Der beißt nicht

Zum dritten Mal tritt Hessens SPD-Chef Schäfer-Gümbel bei der Landtagswahl an. Im Duell mit Ministerpräsident Bouffier setzt er auf Sachlichkeit und klassische SPD-Themen - aber es sieht nicht gut aus.

Thorsten Schäfer-Gümbel
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Thorsten Schäfer-Gümbel

Aus Frankfurt am Main berichtet


Der Frust muss raus. Als die ältere Dame den hessischen SPD-Spitzenkandidaten vor ihrem Haus erkennt, strebt sie auf ihn zu. "Das ist doch das Allerletzte hier, Herr Schäfer-Gümbel", ruft sie ihm entgegen. "Ich kann von meinem Fenster aus sehen, wie der Nachbar auf dem Klo sitzt."

Thorsten Schäfer-Gümbel hat gerade in Frankfurt ein neues Mehrfamilienhaus besichtigt, das mit günstigen Mieten wirbt. Bezahlbares Wohnen ist eines der Schwerpunktthemen des Sozialdemokraten im Hessen-Wahlkampf. Doch der Neubau geht den Nachbarn gehörig auf die Nerven.

Schäfer-Gümbel macht also das, was er auf seiner Wahlkampftour durchs Land häufig tut: Er zückt sein kleines schwarzes Notizbuch mit dem Verschlussbändchen, schreibt tief gebeugt Namen und Problem der Anwohnerin auf. Dann verspricht er: "Ich frag mal nach."

Stunden später beschäftigt ihn die Wutrede der Rentnerin immer noch: "Niemand hat gesagt, dass es einfach wird." Schäfer-Gümbel weiß, wovon er spricht. Schließlich fordert er bereits zum dritten Mal einen CDU-Ministerpräsidenten heraus.

Seit 19 Jahren regiert die CDU nun in Hessen. Am 28. Oktober wird ein neuer Landtag gewählt, und nach jetzigem Stand blieben die Konservativen auch weiterhin stärkste Kraft. Die jüngste Umfrage des Hessischen Rundfunks sieht die CDU von Ministerpräsident Volker Bouffier bei 31 Prozent, die SPD läge bei 22 Prozent. Beide Parteien würden damit knapp sieben Prozentpunkte im Vergleich zur Wahl vor fünf Jahren einbüßen. Die Grünen legen zwar drei Punkte auf 14 Prozent zu - doch das schwarz-grüne Regierungsbündnis wäre abgewählt. Ergänzt um die FDP könnte es für eine Jamaika-Koalition reichen.

Für die SPD aber würde es selbst für ein Dreierbündnis mit Grünen und FDP, zu der Schäfer-Gümbel gute Beziehungen unterhält, nicht reichen. So bliebe derzeit als einzige Machtoption für die Genossen eine Große Koalition. Doch die will Schäfer-Gümbel auf jeden Fall vermeiden. Zu schlecht ist das Verhältnis zu Bouffier. Zu groß die Angst, dass die Partei wie im Bund in einer GroKo unsichtbar werden könnte - und bei der nächsten Wahl die Quittung bekäme.

"Er oder ich"

Der hessische SPD-Chef setzt darauf, dass die Menschen im Land Veränderung wollen, dass die Stimmung in Hessen noch zu seinen Gunsten kippt. "Er oder ich", sagt Schäfer-Gümbel. Doch knapp zwölf Wochen vor der Landtagswahl stellt sich die Frage: Warum sollte es dieses Mal gelingen? Kann TSG, wie er häufig abgekürzt wird, auch Attacke? Kann er mit seinen Themen für die nötige Aufmerksamkeit sorgen?

Wer den 48-Jährigen im Wahlkampf begleitet, der erlebt einen engagierten Politiker, der sich in jedem Winkel hessischer Landespolitik und kommunaler Richtlinien auskennt. Dass das aber reicht, um die Wende herbeizuführen, daran kann man Zweifel haben.

Wohnungsbesichtigung in Frankfurt
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Wohnungsbesichtigung in Frankfurt

Station in Frankfurt am Main: Damit Wohnen dort wieder bezahlbar werde, brauche es mehr sozialen Wohnungsbau, findet TSG. Dieses Thema habe Schwarz-Grün komplett vernachlässigt. Allein in Frankfurt werden bis 2030 mehr als 70.000 Wohnungen benötigt. Als neuer Ministerpräsident würde der SPD-Mann in einer Sofortmaßnahme zehn Hektar Landesfläche für den Wohnungsbau zur Verfügung stellen - mehr ein Symbol im Wahlkampf als wirkliche Abhilfe.

Das Projekt, an dem sich der Zorn der Anwohner entlädt, ist so eine Idee, wie preiswertes Wohnen in der Stadt möglich sein soll: Unter zehn Euro kalt soll der Quadratmeter in dem neuen Mietshaus kosten, in anderen Stadtteilen sind es 14 oder 15 Euro. Funktionalität statt Luxus. "Ich weiß, was es bedeutet, auf kleinem Raum zu leben", sagt Schäfer-Gümbel, als er in einer der Wohnungen steht. Mit den Eltern und den drei Geschwistern lebte er auf 80 Quadratmetern, teilte mit zwei Brüdern ein Zimmer von acht Quadratmetern.

Einfachere Sprache

Keine Frage: TSG hat in den vergangenen Jahren an Profil gewonnen. Das bescheinigen ihm viele Wegbegleiter, und das wird auch auf der Wahlkampfreise deutlich: Er bemüht sich, frühere Fehler zu vermeiden, versucht, eine einfache Sprache zu verwenden, auch wenn ihm trotzdem immer wieder Bürokratensätze rausrutschen. Sein Posten als stellvertretender SPD-Bundesvorsitzender hat ihm mehr Gewicht und Ansehen verliehen.

Schäfer-Gümbel übernahm die hessische SPD in schwieriger Zeit: Seine Vorgängerin Andrea Ypsilanti hatte der Partei 2008 zwar ein überraschend gutes Wahlergebnis beschert. Doch dann wollte sie entgegen ihrer Ankündigung mithilfe der Linken eine rot-grüne Minderheitsregierung bilden - einige SPD-Abgeordnete machten da nicht mit, es kam zum Bruch. Bei den Neuwahlen sprang Schäfer-Gümbel ein, verlor deutlich gegen Amtsinhaber Roland Koch.

"Noch beiße ich nicht"

In der Folge musste er geschmacklose Kritik ertragen: zu dicke Brillengläser, schlecht sitzende Anzüge, Witze über seinen Namen. Die Botschaft: Sein Profil und Auftreten seien eines Ministerpräsidenten nicht würdig. Schäfer-Gümbel machte dennoch weiter.

Schäfer-Gümbel in Frankfurt
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Schäfer-Gümbel in Frankfurt

2014 legte die SPD sieben Prozentpunkte zu, kam knapp über die 30-Prozent-Marke - doch auch dieses Mal reichte es nicht.

Nun kommt die dritte Wahl - also volle Attacke? "Sie dürfen ruhig aufrücken, noch beiße ich nicht", scherzt Schäfer-Gümbel beim Besuch des Frankfurter Architekturmuseums.

Der Satz überspielt die Schwäche des Spitzenkandidaten: Eigentlich beißt TSG nie. Die nötige Härte geht ihm bisweilen ab. "Ich bin kein Mann für die Schlagzeilen, war ich noch nie", sagt er. "Mal einen raushauen", das liege ihm nicht. Er wolle auch keine Schlammschlacht gegen einzelne Personen führen. "Das ist nicht mein Stil."

Das ist ehrenwert. Doch mit Zurückhaltung kommt man schlecht aus der Defensive.

Auch das schwierige Thema Flüchtlinge will der SPD-Spitzenkandidat nicht so recht anfassen - dabei treibt dieses Thema viele Menschen um. Selbst sprachlich wird das Thema umschifft. Schäfer-Gümbel spricht von einer "Humanitätskrise", das Wort Flüchtlinge fällt fast nie. Er setzt konsequent auf seine Wahlkampfthemen: Wohnen, Mobilität, Rente. Klassische Schwerpunkte der Sozialdemokraten, die auf Bundesebene zuletzt nicht mehr zogen.

Problem AfD

Hinzu kommt eine weitere Gefahr: die AfD. In der jüngsten Umfrage lag sie bei 15 Prozent. Zwei Wochen vor der Abstimmung in Hessen wird zudem in Bayern ein neuer Landtag gewählt, dort liegt die SPD in Umfragen hinter den Grünen, ringt mit den Rechtspopulisten um Platz drei. Läuft es dort richtig schlecht, könnte sich der Trend auch auf Hessen übertragen.

Über ein mögliches Scheitern am 28. Oktober will Schäfer-Gümbel nicht nachdenken, nicht öffentlich. "Ich beantworte keine 'Wenn-dann-Fragen'", sagt er.

Er freut sich lieber auf die Personalien, die er in den kommenden Wochen in seinem Schattenkabinett präsentieren will. Namen verrät er noch nicht, er grinst nur: "Da sind einige Überraschungen dabei." Er wird sie brauchen.



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insgesamt 78 Beiträge
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Seite 1
haarer.15 07.08.2018
1. Könnt ihr mir mal sagen ...
... für welche der etablierten Parteien CDSU/SPD/FDP es derzeit überhaupt gut aussieht ? Und Bouffier selbst, der bringt schon gar keinen frischen Wind mehr.
GoaSkin 07.08.2018
2.
Die SPD ist heute vor allem deshalb keine Volkspartei mehr, weil es den Typ Mensch, der sich von der SPD-Politik besonders angesprochen fühlt, immer weniger gibt - beispielsweise Arbeiter in der Industrie und Ungelernte, die in einer stabilen Erwerbskarriere ein vergleichsweise ordentliches Einkommen verdienten. Die SPD-Wähler von früher sind aber heute entweder in Rente, haben sich beruflich umorientert oder langzeitarbeitslos - eine Wählerschaft, die von 50% auf 20% geschrumpft ist. De Facto befinden sich Viele in heute in einer völlig anderen Lebenssituation, in der klassische SPD-Politik keine Lösung für die Probleme ist.
jschm 07.08.2018
3. naja
bei dem Namen und immer nur sachkiche, also langweilige, Themen kann es ja nichts werden.
kirschlorber 07.08.2018
4. Bundespolitik vermeiden
Mit Vermeiden von Bundespolitik wird das nix. Wohnungsbau schön und gut. Wieviel Prozent wird das besuchte Wohnviertel am Ende bringen? 0,0001 ? Herr Schäfer Gümbel muss sich gegen die Altvorderen stellen. Gegen Schröder, Müntefering und die ganze Agenda 2010 Bande. Die Menschen haben Rentenkürzungen und Zweiklassenmedizin nicht vergessen. Hat Herr Schäfer Gümbel den Mut dazu. Oder ist er doch eher mit dem was er hat zufrieden? Und alles soll bleiben wie es ist.
gutmichl 07.08.2018
5. Wahl = Auswahl ?
Bouffier hat sich klar als zweite Merkel positioniert und reitet damit dem Abgang entgegen. Die SPD vertritt eine linksgrüne Linie, diese aber nicht konsequent. Grüne und AFD bleiben sich wenigstens treu. Bleibt vielleicht noch die FDP, sofern diese nicht wieder in ihre Clientelpolitik zurückfällt. Wahl beinhaltet heute keine Auswahl mehr, weil sich alle etablierten Volksparteien hinter Merkel scharen.
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