Thüringen: Opposition wirft Althaus Polit-Operette vor

Dem Parteitag blieb Thüringens Ministerpräsident Althaus fern - doch für ein ausführliches Gespräch mit der "Bild"-Zeitung fühlte er sich fit. Das erste Interview des CDU-Politikers nach dem Skiunfall empört nun die Opposition: "Wenn es ihm so gut geht, soll er die Amtsgeschäfte wieder aufnehmen."

Erfurt - Mit dem ersten Zeitungsinterview nach seinem schweren Skiunfall hat der Thüringer CDU-Ministerpräsident Dieter Althaus politische Gegner verärgert. Herausforderer Bodo Ramelow von der Linken befürchtet, dass die CDU jetzt mit einer täglichen Seifenoper um Althaus' Gesundheit von ihren politischen Problemen ablenken will: "Es trägt den Charakter einer Operette, wenn wir jetzt täglich Meldungen über den Genesungsprozess von Herrn Althaus bekommen ", sagte der Spitzenkandidat SPIEGEL ONLINE.

CDU-Ministerpräsident Althaus: "Dann soll er sich bei den Bürgern zeigen"
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CDU-Ministerpräsident Althaus: "Dann soll er sich bei den Bürgern zeigen"

Dieses Vorgehen habe nichts mit den "tatsächlichen Sorgen der Thüringer" zu tun, sagte Ramelow. Seine Partei habe sich dazu bekannt, die Tragik des Skiunfalls nicht im Wahlkampf zu thematisieren - das Gleiche erwarte er auch von der CDU und dem thüringischen Regierungschef. "Wenn es ihm aber wieder so gut geht, wie er jetzt in dem 'Bild'-Interview gesagt hat, dann soll er sich bei den Bürgern zeigen und die Amtsgeschäfte wieder aufnehmen", sagte Ramelow.

Gegenüber der "Thüringer Allgemeinen" sprach Ramelow von einer "inakzeptablen Inszenierung". Offensichtlich werde nun versucht, mit einer "rührseligen Geschichte auf billige Weise Wählerstimmen zu ergattern", sagte der stellvertretende Vorsitzende der Linken-Bundestagsfraktion.

Auch Thüringens SPD-Chef Christoph Matschie wirft Althaus vor, sich fragwürdig in Szene zu setzen. Der
Ministerpräsident müsse sich entscheiden: "Entweder ist er krank, dann muss er sich zurückhalten. Oder er ist es nicht mehr, dann muss er die Regierungsgeschäfte wieder aufnehmen", sagte Matschie SPIEGEL ONLINE. Es könne nicht sein, dass Althaus Wahlkampf per "Bild"-Zeitung mache und gleichzeitig die Opposition zur Zurückhaltung aufgefordert werde.

"Ich brauche deutlich weniger Medikamente"

Verwirrung gab es um die Haltung von CDU-Landesgeschäftsführer und Wahlkampfchef Andreas Minschke zu Althaus' Interview. "Ich halte nichts davon", wurde er von der Nachrichtenagentur dpa zitiert: "Althaus ist noch krank, da besteht nicht der Zwang zum Fotoshooting." Minschke sagte SPIEGEL ONLINE dazu, seine Antworten hätten sich auf die Frage bezogen, wieso beim CDU-Landesparteitag am Wochenende weder Fotos noch eine Videobotschaft von Althaus gezeigt worden seien. Die dpa in Erfurt besteht auf der Darstellung, das Zitat "Ich halte nichts davon" habe sich eindeutig auf das Interview bezogen. Bei der anderen Äußerung sei es auch um den Parteitag gegangen.

Beim CDU-Landesparteitag war der 50-Jährige am Wochenende in Abwesenheit mit 94,6 Prozent der Stimmen zum Spitzenkandidaten für die Landtagswahl im August gekürt worden. An diesem Montag erschien dann das Interview in der "Bild"-Zeitung, in dem Althaus ausführlich über sein Befinden sprach. "Die Talphase habe ich hinter mir. Jetzt geht es aufwärts", sagte er. Er habe in den vergangenen zwei Wochen große Fortschritte gemacht: "Ich brauche deutlich weniger Medikamente. Auch die Therapie schlägt hervorragend an." In den ersten Wochen nach dem Unfall sei er durch die Verletzungen und starke Medikamente unkonzentriert gewesen. Jetzt fühle er sich viel besser.

Der Politiker war am Neujahrstag auf einer Skipiste in Österreich mit einer 41-jährigen Frau zusammengestoßen, die bei dem Unfall ums Leben kam. Wegen fahrlässiger Tötung wurde er zu einer Geldstrafe verurteilt. Althaus selbst erlitt ein Schädel-Hirn-Trauma mit einer Hirnblutung. Seit Wochen befindet er sich in einer Rehaklinik am Bodensee.

Anfang Februar hatte Althaus bei der Beerdigung seines Vaters auf Beobachter noch einen kranken Eindruck gemacht. Im Interview mit der "Bild"-Zeitung sagt er dazu, er habe gespürt, dass die vielen Menschen noch zu viel für ihn seien. "Aus heutiger Sicht war die Beerdigung für mich der Wendepunkt, der entscheidende Ansporn, in der Therapie mit aller Kraft zu kämpfen, um wieder der Alte zu werden."

An das Unglück habe er keine Erinnerung. Er erinnere sich noch an den Silvesterabend, an dem er kurz nach Mitternacht zu Bett gegangen sei. "Wir sind am nächsten Morgen zur Piste gefahren. Das sind die letzten Bilder", sagte Althaus der "Bild"-Zeitung. Das Unglück selbst nannte er "eine tragische Verkettung von Umständen".

Seine Frau habe ihm am ersten Tag, als er wieder ansprechbar war, gesagt, dass eine Skifahrerin bei dem Zusammenprall gestorben sei. Er sei "zutiefst traurig und entsetzt" gewesen. Auf die Frage, ob er sich schuldig fühle, sagte Althaus: "Ich glaube, Schuld ist nicht die richtige Kategorie, um solch ein tragisches Unglück zu bewerten. Ich fühle mich aber verantwortlich." In der "Bild"-Zeitung kündigt der Ministerpräsident seine Rückkehr in die Politik "noch vor der Sommerpause" an. Er habe sich in der ersten Zeit nur wenig auf dem Laufenden gehalten, in den vergangenen Wochen habe er das aber aufgeholt. Er lese alle wichtigen Zeitungen, sehe Nachrichten.

Nach der Entlassung aus der Klinik werde er in Thüringen noch weiter ambulant behandelt. "Richtig in die Vollen gehen, das ist wahrscheinlich erst im Frühsommer möglich", sagte Althaus.

Nach Informationen der "Thüringer Allgemeinen", die sich auf Parteikreise beruft, wird er wahrscheinlich am Mittwoch die Heimreise in seinen Wohnort Heiligenstadt im Eichsfeld antreten.

ffr/hen/sac/dpa/afp

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