Thüringens Ministerpräsident Althaus Aufsteiger mit scheuem Blick

Dieter Althaus will Ministerpräsident in Thüringen bleiben. Für das Ziel durchquert er derzeit unentwegt sein Bundesland. Seine Chancen für eine Wiederwahl stehen gut. Doch für eine Alleinregierung wird es wohl nicht mehr reichen.

Aus Erfurt berichtet Lars Langenau


Plakate zur Landtagswahl: Thüringer Weg in Lenin-Pose
DDP

Plakate zur Landtagswahl: Thüringer Weg in Lenin-Pose

Was sucht dieser Mann bloß immer auf der Tischkante? Brotkrümel? Kleine Tierchen? Antworten? Dieter Althaus, 45, ist Ministerpräsident des Landes Thüringen. Im Gespräch wirkt er mürrisch, antwortet in der Regel aber schnell und ausgiebig. Manchmal grinst er unkontrolliert. Irritierend ist vor allem dieser starre Blick auf den Tisch. Seinem Gegenüber schaut er, wenn überhaupt, nur flüchtig in die Augen.

Dieter Althaus befindet sich im Wahlkampf. Er kämpft um den Erhalt der absoluten Mehrheit der CDU, die sein Vorgänger Bernhard Vogel 1999 mit 51 Prozent erkämpft hatte. Zuvor hatte Vogel in einer großen Koalition als Regierungschef agiert, die den Sozialdemokraten nicht gut bekam. Vor fünf Jahren landeten sie auf mageren 18,5 Prozent, diesmal sehen die Prognosen die Genossen immerhin bei 24 Prozent.

Laut jüngsten Umfragen werden die Christdemokraten bei den Landtagswahlen am 13. Juni mit einem Stimmanteil zwischen 42 und 45 Prozent abermals stärkste Partei. Doch nach zehn Jahren in der außerparlamentarischen Opposition stehen die Grünen vor dem Einzug in den Landtag von Erfurt. Das könnte Althaus die Alleinregierung kosten - und womöglich der ersten schwarz-grünen Landesregierung den Weg ebnen.

"Wendehals mit Orden"

Wahlplakate, Dieter und Katharina Althaus: Sag es durch die Blume
DPA

Wahlplakate, Dieter und Katharina Althaus: Sag es durch die Blume

Althaus kämpft. Mit einem schwarzen BMW fegt er durch das Land, hechtet von einem Wahlkampftermin zum nächsten. Im Gegensatz zum Pfälzer Vogel ist Althaus ein Ureinwohner Thüringens, der sich in seinem Land wirklich auskennt. Seinen rätselhaften Blick, seine manchmal unwirschen Ausfälle und seine Profilierungsversuche auch auf Kosten seiner Bundespartei, entschuldigen die Thüringer oft mit seiner Herkunft aus dem erzkatholischen Eichsfeld. In dieser abgelegenen Region leben viele Sonderlinge.

Elf Jahre und vier Monate lang stand Althaus im Schatten seines Förderers und Vorgängers Bernhard Vogel, den er als dessen politischer Ziehsohn zuerst als CDU-Landeschef und dann vor einem Jahr im Amt des Ministerpräsidenten beerbte. Unumstritten war er nicht. Denn Althaus passte sich immer hervorragend den Gegebenheiten an - schon vor der Wende.

So wurde ihm als stellvertretender Schulleiter noch im Frühling 1989 eine "Medaille für hervorragende Leistungen bei der kommunistischen Erziehung in der Pionierorganisation Ernst Thälmann" verliehen. Er will die Auszeichnung nicht entgegengenommen haben. Die damit verbundene Geld-Prämie hat er freilich eingesteckt. Nach seinem Aufstieg zum Kultusminister ließ er jedoch weniger Gnade bei der Entfernung belasteter Lehrer aus dem Schuldienst walten, als er sich selbst zugestand.

Doch im Osten der Republik interessiert seine Vergangenheit niemanden mehr. Regierungsamtlich ist der Freistaat Thüringen "Zukunftsland" - wer will da schon zurückblicken auf eine Zeit, in der Karriere in Margot Honeckers Schulbetrieb nur möglich war, wenn man Loblieder auf kommunistische Erziehungsideale sang und gegen die imperialistische BRD wetterte? Wirklich gestellt hat sich Althaus diesem Opportunismus nie - vielleicht ist das ein Grund für seinen flackernden Blick.

Auch Margot Honecker hätte ihre Freude gehabt

Ortstermin Sondershausen. Althaus bei der Wiedereröffnung der Grund- und Regelschule Östertal - einer von 19 alten Plattenbauschulen, die in Thüringen kürzlich mit Millionenaufwand totalsaniert wurden. Althaus wird ehrfürchtig begrüßt. "Guck mal, das ist der Ministerpräsident, das kannst du heute Abend zu Hause erzählen", raunt ein Parteifreund von Althaus einem Mädchen am Fahrradparcour zu.

"Jana, immer weiter", brüllt unterdessen eine Erzieherin einem anderen Mädchen zu, das auf dem Schulhof eben diese Hindernisfahrt zu absolvieren versucht. Althaus streichelt Kinderköpfe und tut interessiert. Als Jana nach mehrmaligem Überfahren der Hindernisse und einem Sturz endlich errötet ankommt ("Jana, zwölf Fehler"), ist der Ministerpräsident schon davongeeilt.

Zu seinen Ehren spielt die Schulband auf. Auf dem in Thüringen unvermeidlichen Bratwurststand brutzelt das Hauptnahrungsmittel der 2,4 Millionen Eingeborenen und der ehemalige Lehrer, Vize-Schulleiter und Kultusminister Althaus empfängt die Ehrerbietungen der örtlichen Honoratioren. "Dank der weitsichtigen Entscheidung der thüringischen Landesregierung" sei "die materiell und moralisch verschlissene Plattenbauschule" nun endlich fit für die Zukunft, heißt es in den Reden, die zu einer anderen Zeit auch Volksbildungsministerin Honecker Freude gemacht hätten.

Dann hält Althaus eine Lobrede auf die Familie und auf "Eliten, die voran gehen". Dabei schaut er sein Publikum schon wieder nicht an, sondern mal über die Köpfe hinweg und mal durch sie hindurch. Im Anschluss schmettern 50 Grundschüler ein dreifaches Öster-Tal. Die Liebe und Dankbarkeit der Thüringer zu ihrem Landesvater scheint grenzenlos.

Zu Althaus' Ehren tanzen auch noch ein paar kleine Mädchen unbeholfen in der noch nicht ganz fertigen Turnhalle, doch als die nervlich ziemlich angespannte Judotruppe zur Präsentation ansetzt, verschwindet Althaus klammheimlich. Der nächste Termin ruft. Es ist Wahlkampf.

Wahlkampf in Lenin-Pose

CDU-Spitzenkandidat Althaus: Große Ehre, neben dem Ministerpräsidenten zu stehen
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CDU-Spitzenkandidat Althaus: Große Ehre, neben dem Ministerpräsidenten zu stehen

CDU-Kinderfest in Artern - eine der schwierigsten Regionen des Landes, seit Jahren an der Spitze der Arbeitslosenstatistik in Deutschland. Wieder ein Wettbewerb - diesmal ein Gesangswettstreit, bei dem man elektrische Zahnbürsten gewinnen kann. Abermals streichelt Althaus Kinderköpfe.

Er schreibt Autogrammkarten und unterhält sich bevorzugt mit seinen Fans unter einem Lautsprecher, aus dem in voller Lautstärke Pop dröhnt. Althaus bezeichnet diese fast nonverbale Kommunikation etwas später dann als "interessante Gespräche, die ich mit vielen Kindern und ihren Eltern geführt habe".

Althaus ist auf der Suche nach einer Rolle. Auf Plakaten scheint er sie schon gefunden zu haben. Auf einem steht er in einer berühmten Pose von Lenin und weist mit den Stichwörtern "Arbeit, Familie, Bildung" den "Thüringer Weg". Sein Sprecher, Uwe Spindeldreier, weist den Vergleich zurück und sagt schmunzelnd, der sowjetische Revolutionsführer habe in eine andere Richtung geguckt. Auf einem anderen Wahlplakat sieht man Althaus breit grinsend mit seiner Frau Katharina vor ein paar Tulpen. Slogan: "In Thüringen gern zu Hause". Althaus fordert in nahezu jeder seiner Reden ein "Ja zu Ehe, Familie und Kindern".

Inhaltsleerer kann ein Wahlkampf kaum sein. Doch unvermutet kam dann doch noch etwas Dramatik in diesen "Sag-es-durch-die-Blume"-Wahlkampf. Insbesondere im Süden des Freistaates regt sich in wütenden Protesten, Demonstrationen und gar der zeitweiligen Besetzung des Landtages der Unmut über horrende Wasserrechnungen, die manche Leute in den Ruin stürzen könnten. In einem schier unglaublichen Vorgang sollen Grundstücksbesitzer (gleich ob Privatpersonen oder Unternehmen) die seit der Wende angehäuften Schulden der örtlichen Wasser- und Abwasserverbände begleichen. Diese Zweckverbände hatte oft überdimensional geplant und berechneten anstatt der tatsächlichen Bebauung den Bürgern auch Zukunftsprojekte, die auf absehbare Zeit nie verwirklicht werden.

Althaus reagierte mit der Vorlage eines neuen Gesetzes, das die überhöhten Kommunalabgaben künftig verhindern soll - allerdings soll es erst nach der Wahl verabschiedet werden. Das wirkt nicht nur für die Opposition wie ein reines Wahlkampfmanöver.

"Nicht ganz dicht im Kopf"

Althaus mit Vorgänger Bernhard Vogel: Mit einem Kippschalter ausgestattet
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Althaus mit Vorgänger Bernhard Vogel: Mit einem Kippschalter ausgestattet

Wahlkampf in der Arterner Blechverarbeitungsfabrikhalle "Alpha Tech", deren Chef der CDU wohlgesonnenen ist. Wieder ein Grill mit Bratwürsten. Wieder ein Wettbewerb. Diesmal allerdings nur die Ehrung von vorbildlichen Unternehmen durch die Junge Union. Bei der schier endlosen Auszeichnungsorgie entsteht der böse Verdacht, es könnte sich in dieser strukturschwachen Region um sämtliche Unternehmen handeln, die überhaupt dort noch tätig sind.

Zwischen Blechplatten und einem großen Banner "Für den Kyffhäuserkreis - starke CDU" feiern die örtlichen Christdemokraten ihren Spitzenkandidaten. Und Althaus zeigt, dass er mit einem Kippschalter ausgestattet ist. Da hier keine Kinderköpfe zum Streicheln vorhanden sind, präsentiert er sich als Krisenmanager, der zum Abwasserstreit drastische Worte findet: Die Bescheide über bis zu 40.000 Euro, die manche Bürger in Südthüringen erhalten haben, seien eine "kalte Enteignung", schimpft Althaus. "Wer so etwas entscheidet, kann nicht ganz dicht im Kopf sein."

Der Applaus seiner Parteifreunde ist ihm sicher. Doch viele Thüringer sind resigniert. Sie fragen sich, warum die Probleme fünf Jahre lediglich hin und her geschoben wurden und nun erst kurz vor der Wahl reagiert wird. Allerdings trauen sie der Opposition auch nicht mehr zu. Am Sonntag in einer Woche könnte es zu einer erschreckend niedrigen Wahlbeteiligung kommen. Und Althaus Blick wird dann wieder ins Leere schweifen.



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