Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.

"Titanic"-Satire in Bayern: "Wir geben auf. SPD"

Angesichts ihrer katastrophalen Umfragewerte in Bayern hat sich die SPD jetzt aus dem Wahlkampf zurückgezogen, unter dem Motto "mit Anstand verlieren": Ist zwar nur ein Gag der Satire-Zeitschrift "Titanic", in Aschaffenburg wunderte sich jedoch kaum jemand über die frustrierten Genossen.

"Sie kennt niemand, Herr Maget": Titanic-Bus in Aschaffenburg
Titanic

"Sie kennt niemand, Herr Maget": Titanic-Bus in Aschaffenburg

Hamburg - Die SPD hat's wirklich nicht leicht im bayerischen Wahlkampf. Ihren Spitzenkandidaten Franz Maget kenne in Bayern eh keiner, heißt es; die Umfragewerte der Partei fallen ins Bodenlose - derzeit werden den Sozialdemokraten gerade noch 20 Prozent prophezeit. Wozu braucht es in Bayern die SPD eigentlich noch? Wäre es nicht viel günstiger, zur Landtagswahl nicht mehr anzutreten und Kraft und Kosten für eine spätere Wahl zu sammeln, fragte sich das Satiremagazin "Titanic" - und begab sich auf Spurensuche.

Ganz so weit trauten sich die Frankfurter Satiriker dann aber doch nicht in bayerische Gefilde. Gerade mal ins nahe gelegene Aschaffenburg in Unterfranken machten sie sich auf. Doch tiefer mussten Chefredakteur Martin Sonneborn und seine fünf Mitarbeiter auch gar nicht in den Freistaat vorstoßen, um den mitleiderregenden Zustand der bayerischen SPD zu erfahren.

Mit einem professionell beklebten Mercedes Sprinter des Frankfurter AStA fuhr die Titanic-Mannschaft hupend in die Aschaffenburger Fußgängerzone. "Wir geben auf. SPD" und "Mit Anstand verlieren. SPD" waren die Parolen, die in großen Buchstaben auf dem Wagen standen. Bei den Passanten stießen die vermeintlichen Genossen auf Verständnis. "Wir geben auf? Haha, schön wär's!", "Super-Entscheidung!" oder "Recht so, ihr habt eh keine Chance", bekamen sie zu hören. Verwunderung gab es dagegen kaum. Nicht einmal die SPD-Wähler waren erstaunt, berichtet Sonneborn.

"Haha, schön wär's": In Aschaffenburg stieß die Aufgabe der SPD auf wenig Verwunderung
Titanic

"Haha, schön wär's": In Aschaffenburg stieß die Aufgabe der SPD auf wenig Verwunderung

Neben ihrem ziemlich spartanisch gestalteten Infostand hatten seine Leute auch noch ein paar Plakate aufgestellt, mit Slogans wie "Dabei sein ist alles. SPD", "Ihre bewährte Opposition im Landtag: SPD" und "SPD Landtagswahl 2011". Im Jahr 2011 sind zwar keine Wahlen in Bayern, aber: Warum nicht?

Interessante Gespräche entwickelten sich denn auch rund um das kleine Tischchen: Einem SPD-Wähler drückte Sonneborn eine Autogrammkarte mit seinem Bild und dem Aufdruck "Bökel. Weil die SPD keinen anderen hat" in die Hand. Die Karte war von einer Aktion während des hessischen Wahlkampfes übrig geblieben. Der Genosse ließ sich davon allerdings nicht irritieren: "Wir werden es schwer haben bei der Wahl: Den Stoiber kennt hier jeder. Aber Sie, Herr Maget, sind hier völlig unbekannt."

"Warum sollte ich Sie wählen?", schimpfte ein anderer Passant, als er "Ortsgruppenleiter" Sonneborn zu Gesicht bekam. "Warum nicht?", konterte dieser und drückte dem Mann ebenfalls eine Bökel-Autogrammkarte in die Hand. "Ich bin auch nicht schlechter als die anderen." Antwort: "Das reicht nicht. Überhaupt: Was heißt hier Landtagswahl 2011?" Nun ja, man müsse langfristig denken, entgegnete Sonneborn, und die nächsten beiden Wahlen verliere die SPD ja ohnehin. "Wir können die Plakate dann noch zweimal benutzen."

Auch CSU-Wähler verirrten sich an den Stand: "Wenn die Renate Schmidt spricht, dann hör ich zu. Ich versteh die nicht. Die mag ja rhetorisch gut sein, aber ich weiß nicht, was die redet. Stoiber spricht wie Strauß: ganz klar. Was Stoiber sagt, ist oft nicht richtig oder vernünftig - aber man versteht ihn." Aber auch mit einem gut gemeinten Lösungsvorschlag stieß Sonneborn-Bökel-Maget auf taube Ohren: "Würden Sie denn SPD wählen, wenn Stoiber in die SPD wechselt?" Die empörte Reaktion lautete: "Nein, dann würde ich die nicht wählen - weil die den genommen haben."

Die Probleme der Parteibasis lernten die falschen Sozialdemokraten ebenfalls kennen. Ein Ehepaar - sie ist eigenen Angaben zufolge 2. Ortsvorsitzende der SPD - erklärt, dass die Sozialdemokraten in Bayern erst wieder eine Chance hätten, "wenn der Filz raus ist". Die Partei müsse "mehr aufklären, mehr mit den Leuten reden". Denn: "Die Leute müssen sich ändern, vor allem die Heidi und der Heinz, die lassen sich zu wenig im Ortsverein blicken, die kommen höchstens mal zum Plakatekleben."

Den Besuchern des Standes legten die "Titanic"-Macher einen Fragebogen vor, der ebenfalls interessante Ergebnisse zu Tage förderte: So antworteten auf die Frage, wann mit einem Wahlsieg der SPD zu rechnen sei, 67 Prozent der Befragten mit "nie". An der Alternative "Was würden Sie eher tun: SPD wählen oder mit nackten Füßen durch einen Ameisenhaufen gehen?" schieden sich dagegen die Geister. Immerhin die Hälfte entschied sich für den Ameisenhaufen.

Dem Frankfurter AStA gefiel sein umgestaltetes Auto übrigens so gut, dass er darauf verzichtete, die Slogans zu entfernen. Seitdem sieht man bisweilen einen roten Wagen durch die Stadt fahren: "Wir geben auf. SPD".

Dominik Baur

Diesen Artikel...

© SPIEGEL ONLINE 2003
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH




Der kompakte Nachrichtenüberblick am Morgen: aktuell und meinungsstark. Jeden Morgen (werktags) um 6 Uhr. Bestellen Sie direkt hier: