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Tod einer Ägypterin: Merkel will mit Mubarak über Bluttat von Dresden sprechen

Ein Mord mit politischen Folgen: Bundeskanzlerin Merkel will mit Ägyptens Staatspräsident über den tödlichen Messerangriff auf eine schwangere Ägypterin in Dresden sprechen. Muslime hatten von der Bundesregierung eine klare Reaktion gefordert - das Verhalten grenze an Beschwichtigung.

Berlin/Dresden - Eine "empörende Tat": Erstmals hat sich die Bundesregierung öffentlich zu dem Mord an einer Ägypterin geäußert. Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) werde den ägyptischen Staatspräsidenten Hosni Mubarak am Rande des G-8-Gipfels in L'Aquila treffen, sagte Vize-Regierungssprecher Thomas Steg am Mittwoch in Berlin. Dabei solle über den offenbar fremdenfeindlich motivierten Mord an der Muslima gesprochen werden. Muslimische Verbände in Deutschland hatten die zurückhaltende Reaktion der Bundesregierung zuvor heftig kritisiert.

Bundeskanzlerin Merkel beim G-8-Gipfel: Treffen mit Mubarak anberaumt Zur Großansicht
REUTERS

Bundeskanzlerin Merkel beim G-8-Gipfel: Treffen mit Mubarak anberaumt

Die 32-jährige Marwa al-Sherbini war am 1. Juli vor dem Dresdner Landgericht von dem Angeklagten W. mit 18 Messerstichen getötet worden. Der dreijährige Sohn der Frau wurde Zeuge des Blutbads, ebenso der Ehemann, der noch versuchte, seine schwangere Frau zu schützen, und dabei lebensgefährlich verletzt wurde.

Nach den Worten von Vize-Regierungssprecher Steg könnten Gewalttaten dieser Art - ob mit oder ohne fremdenfeindlichem Hintergrund - "nur aufs Schärfste verurteilt werden". Es handele sich um "eine abscheuliche Tat, eine Tat, die uns alle bestürzt und betroffen gemacht hat". Dazu habe die Bundesregierung nicht geschwiegen. In Deutschland gebe es keinen Platz für Ausländer- und Fremdenfeindlichkeit und auch nicht für "Islamophobie", sagte Steg offenbar in Anspielung auf mögliche Motive der Tat.

Der Koordinierungsrat der Muslime in Deutschland und auch der Zentralrat der Muslime hatten kritisiert, die Regierung habe nicht eindeutig Stellung bezogen. "Die Politik muss endlich die Islamphobie in unserem Land ernst nehmen", hieß es in einer am Mittwoch veröffentlichten Stellungnahme des Rates mit Sitz in Köln.

"Vorsicht ist gut, aber hier grenzt sie an Beschwichtigungspolitik", sagte der Generalsekretär des Zentralrats der Muslime, Aiman Mazyek, dem Berliner "Tagesspiegel". Angemessen wäre stattdessen "ein Signal der Anteilnahme, die das menschliche Antlitz Deutschlands zeigt". Damit könnte man auch die wütenden Reaktionen in Ägypten beschwichtigen.

Am Montag hatten Tausende Menschen in einer Moschee im ägyptischen Alexandria von al-Sherbini Abschied genommen. Trauernde hatten Deutschland des Rassismus' bezichtigt und den ägyptischen Präsidenten Hosni Mubarak aufgefordert, sich hart zu zeigen. "Es gibt keinen Gott außer Gott, und die Deutschen sind die Feinde Gottes", skandierten die Menschen. Einige forderten Vergeltung. Als "Märtyrerin mit Kopftuch" wird die Tote nun in ihrer Heimat verehrt. Die Mutter Laila Shams erklärte, ihre Tochter habe Schwierigkeiten gehabt, in Deutschland einen Job zu finden, weil sie die traditionelle Kopfbedeckung trug.

Vor dem Dresdner Rathaus ist für Samstag eine öffentliche Trauerfeier geplant, wie die Dresdner Ausländerbeauftragte mitteilte. Bereits am Freitag soll es in den deutschen Moscheen Gebete für die Getötete geben. Der Koordinierungsrat der Muslime in Deutschland rief zu friedlichen Schweigemärschen auf.

Wie der Berliner "Tagesspiegel" berichtet, zeigte der aus Russland stammende Alex W., der seit sechs Jahren in Deutschland lebt, Sympathien für die rechtsextreme NPD. Er habe im Gerichtssaal zu der Frau gesagt, sie habe in Deutschland "nichts zu suchen" und gedroht, "wenn die NPD an die Macht kommt, ist damit Schluss". Außerdem habe sich der 28-Jährige als NPD-Wähler zu erkennen gegeben, berichtete die Zeitung.

Das Dresdner Amtsgericht verurteilte den Mann wegen Beleidigung im November 2008 zu einer Geldstrafe - in dem nun verhandelten Berufungsverfahren ging es um die Höhe der Strafe. Dem Urteil zufolge beschimpfte der damals arbeitslose Lagerarbeiter al-Sherbini unter anderem als "Terroristin" und "Schlampe", nachdem sie ihn gebeten hatte, ihrem Sohn einen Platz auf einer Schaukel freizumachen.

kgp/ddp/AP/AFP

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