Tod von Sepp Daxenberger "Selbstbewusst, kantig, willensstark"

Er war bodenständig wie ein CSU-Politiker, aber ein Öko aus Überzeugung: Mit Sepp Daxenberger haben die bayerischen Grünen ihren Hoffnungsträger verloren. Er starb nur drei Tage nach seiner Frau. Die Tragödie rührte Politiker zu Tränen - und Horst Seehofer zu einer eindringlichen Würdigung.

DPA

Von


Jedes Jahr, wenn der Münchner Oberbürgermeister auf dem Oktoberfest das erste Fass ansticht, eilen die Landes- und Bundespolitiker auf die Münchner Theresienwiese. Dann drängen sie sich auf der Ehrentribüne des Festzeltes und buhlen um die Plätze vorne an der Balustrade, um dem Volk von oben zuzuprosten. Die bayerischen Politiker schlüpfen in ihre Trachtenanzüge und Dirndl, Bundespolitiker wie der Grüne Jürgen Trittin binden sich ein Trachtentüchlein um den Hals.

Auch Sepp Daxenberger stürzte sich 2008 eine Woche vor der bayerischen Landtagswahl in den Oktoberfesttrubel. Doch der damalige Spitzenkandidat der Grünen kam in Jeans und Sakko. Ob er denn als Urbayer keine Lederhose besitze, wurde er gefragt. Doch, sagte Daxenberger. Er besitze sogar eine echte Tracht aus seinem Heimatort. "Aber die zieh' ich bloß daheim an. Die passt nicht hierher."

Sich als schicker Parade-Bayer zu präsentieren - das war nicht Daxenbergers Stil. Er wollte authentisch sein. In breitem Dialekt hielt der bärtige Biolandwirt aus dem oberbayerischen Waging am See seine Wahlkampfreden in Bierzelten und Gaststätten. Statt Trachtenanzügen trug er selbst bei Empfängen Holzfällerhemd und Jeans zum Jackett.

"Ich will als Person das Volksmäßige vertreten, dieses 'Ich-bin-einer-von-Euch'", sagte der gelernte Schmied einmal. Doch vorspielen könne man den Bürgern nichts. "Da hilft kein Programm, wenn Du ein Ekel bist." Selbst politische Gegner beeindruckte er mit seiner Art. "Ihm nimmt man ab, dass er wirklich denkt, was er sagt", gestand ein CSU-Politiker aus Daxenbergers Nachbarstimmkreis ein.

"Selbstbewusst, kantig, und erfüllt von tiefer Liebe zu seiner Heimat"

Umso bestürzter reagierten Politiker aller Parteien auf seinen Krebstod an diesem Mittwoch mit nur 48 Jahren. Daxenberger starb auf der Palliativ-Station des Traunsteiner Krankenhauses. Seine Parteifreunde hatten zuletzt keinen Kontakt mehr zu ihm gehabt, Besucher wollte er nicht mehr empfangen.

Mit Daxenberger habe Bayern "einen Politiker aus innerster Überzeugung und tiefster Leidenschaft verloren", sagte Ministerpräsident Horst Seehofer. Er sei eine Persönlichkeit gewesen, "wie sie typischer für unser Land nicht sein könnte. Selbstbewusst, kantig, willensstark und dabei erfüllt von einer tiefen Liebe zu seiner oberbayerischen Heimat."

Grünen-Landeschefin Theresa Schopper kämpfte mit den Tränen, als sie zum Tod ihres Parteifreundes vor die Kameras trat. Der Sepp habe "ein Herz gehabt wie ein Bergwerk", sagte sie.

Die bayerischen Grünen trifft der Tod ihres populärsten Landespolitikers und jahrelangen Fraktionschefs hart. Seine Krebserkrankung hatte ihn schon im Juni zum Rücktritt vom Fraktionsvorsitz gezwungen. Es war eine seltene Mischung aus Blut- und Knochenkrebs, gegen die Daxenberger seit 2003 kämpfte. Zwischendurch hatte er immer wieder Hoffnung, die Krankheit zumindest aufzuhalten. Politik, das sei für ihn "auch a bisserl psychologische Kriegsführung gegen den Krebs, ich hab noch was zum Tun", sagte er im Landtagswahlkampf 2008.

Doch die Krankheit kam zurück. Chemotherapien und parallel Bestrahlungen habe er im Frühjahr bekommen, schilderte Daxenberger im Juli im Interview mit dem "SZ-Magazin" seinen Kampf gegen den Krebs. Seinen trotzigen Optimismus wahrte er - zumindest nach außen hin. "Man kann mit diesem Krebs auch alt werden", sagte er. Sogar über eine Kandidatur bei den Kommunalwahlen in vier Jahren dachte er vor wenigen Wochen noch nach. "Wenn ich halbwegs fit bin, dann überleg ich mir das."

In Waging wurde er zum CSU-Schreck

Seine Kommunalpolitik ebnete Daxenbergers Karriere zu einem der beliebtesten und angesehensten Landespolitiker. In seiner Heimatgemeinde Waging am See stieg er zum CSU-Schreck auf. 1996 wurde er dort erster Bürgermeister der Grünen in Bayern. Im Kernland der CSU bezwang er deren Kandidaten und wurde sechs Jahre später mit einem Ergebnis wiedergewählt, von dem selbst die Christsozialen träumen: 75,6 Prozent.

Seinen Bürgermeisterposten gab Daxenberger nach zwölf Jahren ab, um sich auf die Landespolitik zu konzentrieren. Von 2002 bis 2008 war er Landeschef seiner Partei. Vor zwei Jahren trat er noch bei der Landtagswahl als grüner Sympathie- und Hoffnungsträger gegen Günther Beckstein an.

Kampf gegen Gentechnik und Atomkraft waren für Daxenberger kein Gegensatz zur Heimatverbundenheit. "Weiß-blaue Seele, grünes Gewissen" stand auf seinen Wahlplakaten. Als überzeugter Biolandwirt wollte er Bayern zur gentechnikfreien Zone machen. Im Wahlkampfspot betonte er vor einer Bergkulisse seine Heimatverbundenheit. Bei Bierzeltauftritten am Aschermittwoch oder auf dem Traditionsvolksfest Gillamoos teilte er leidenschaftlich gegen die CSU aus. "Grad dass sie nicht behaupten, dass sie den Chiemsee ausgehoben haben und die Alpen aufgeschüttet", wetterte er gegen die schwarze Übermacht.

Mit dem Erdrutsch-Verlust der CSU bei der Landtagswahl 2008 hatte Daxenberger eines seiner politischen Ziele erreicht: die absolute Mehrheit der CSU zu brechen. "Ich will dabei sein, wenn der Verfall der CSU beginnt", hatte er im Wahlkampf verkündet. "Wir müssen die Machtfrage stellen", forderte er von seiner Partei, mit der er damals 9,4 Prozent der Stimmen holte.

Doch trotz aller politischen Gegensätze galt Daxenberger als Pragmatiker, mit dem ein schwarz-grünes Bündnis möglich werden könnte. "Schwarz-Grün wäre sicher ein schmerzlicher Kompromiss für uns, aber es würde Bewegung in die politische Landschaft bringen", sagte er einst in einem Interview mit der "Süddeutschen Zeitung". Den Linken dagegen warf er "Freibier-Mentalität" vor und schloss eine Zusammenarbeit mit ihnen aus.

Unvorstellbarer Schicksalsschlag für die Familie

Die CSU-Nachwuchsorganisation Junge Union hatte Ende der siebziger Jahre bei Daxenberger angefragt, ob er nicht bei ihnen mitmachen wolle. Er ging dann zwar lieber zu den Grünen, doch Scheuklappen waren nie sein Ding. "Ich bin für CSUler kompatibel", verkündete er selbstbewusst und nicht ohne Stolz.

Den Sieg über die CSU hätte Daxenberger vielleicht in den nächsten Jahren noch erreichen können - doch am Ende musste er sich dem Krebs geschlagen geben. Die Krankheit hatte aus dem Einmeterneunzig-Mann mit den kräftigen Händen einen schmächtigen, blassen Menschen gemacht. Zeitweise konnte er nicht mehr alleine gehen. "Mein Krebs frisst mir ja Löcher in die Knochen", beschrieb er die Krankheit.

"Das bisschen Kraft, das ich habe, brauche ich für mich selbst", sagte er bei seinem Abschied vom Fraktionsvorsitz im Juni. Er wolle sich um seine krebskranke Frau und seine drei Söhne kümmern. Die Kinder müssen nun einen doppelten Schicksalsschlag verkraften: Ihre Mutter Gertraud starb erst vor drei Tagen - am Tag der Beerdigung seiner Frau starb auch Sepp Daxenberger.



© SPIEGEL ONLINE 2010
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.