Todesfall Möllemann Vorwürfe, Mutmaßungen und ein letztes Interview

Der Tod von Jürgen W. Möllemann wirft weiterhin Rätsel auf. Die Polizei hat die Suche nach einem Metallstab seines Fallschirmes eingestellt, sein Freund Wolfgang Kubicki will nicht an einen Selbstmord glauben und Möllemann selbst zeigte sich in seinem letzten Interview äußerlich optimistisch. Unterdessen regte die FDP-Spitze einen Staatsakt an.


 Frührerer FDP-Politiker Möllemann: Inszenierter Selbstmord?
DDP

Frührerer FDP-Politiker Möllemann: Inszenierter Selbstmord?

Berlin - Parteichef Guido Westerwelle habe ein solches Gedenken im Bundestag bei der Regierung vorgeschlagen, sagte ein FDP-Sprecher am Samstag. Bei allen Differenzen stünden nun Möllemanns Verdienste als Ex-Bundesminister und -Vizekanzler im Vordergrund. Den Antrag werde die Fraktion Anfang der Woche stellen. Es habe aber bereits Gespräche gegeben, hieß es.

Unklar blieb zunächst, ob es zur Beerdigung Möllemanns einen Staatsakt geben wird, wie er für frühere Regierungsmitglieder angeordnet werden kann. Möllemann war zwischen 1987 und 1993 Minister und zeitweise auch Vizekanzler. Nach Angaben einer FDP-Sprecherin berieten die Witwe und die Töchter Möllemanns derzeit darüber, ob sie einen solchen offiziellen Akt befürworten würden.

Zwei Tage nach dem tödlichen Absturz gab die Polizei die Suche nach einem fehlenden Metallteil des Fallschirms nahe dem Absturzort am Flughafen Marl auf. "Wir haben alles durchkämmt und das Feld sogar mähen lassen", sagte ein Polizeisprecher am Samstag in Recklinghausen. "Das ist chancenlos - die berühmte Suche nach der Stecknadel im Heuhaufen." Die Ermittler warteten nun auf die für Dienstag erwarteten Ergebnisse der Untersuchung am Sicherungssystem.

Eine erste Untersuchung der Fallschirme Möllemanns hatte am Freitag nach Angaben der Staatsanwaltschaft Essen ergeben, dass keine Fremdmanipulationen oder Mängel am Hauptschirm vorlagen. Damit verdichteten sich die Hinweise darauf, dass Möllemann den nach Zeugenaussagen bereits normal geöffneten Hauptschirm selbst ausgeklinkt und sich damit das Leben genommen hat. Einen gesicherten Hinweis auf einen Freitod haben die Ermittler jedoch bisher nicht. Der Hauptschirm habe sich aus noch nicht geklärter Ursache in einer Höhe von 1000 Metern gelöst, den Reserveschirm zog Möllemann nicht.

Letztes Interview

"Herz, Kreislauf, Magen - alles wieder okay! In dieser Woche kann ich erstmals wieder mit dem Fallschirm abspringen in Marl-Loemühle, sofern das Wetter es zulässt." Ein Satz, den Jürgen W. Möllemann bei seinem letzten Interview mit der "Welt am Sonntag" sagte. Auch sonst zeigte sich der frühere FDP-Politiker keinesfalls lebensmüde - zumindest nach außen hin.

Wichtig sei für ihn der Rückhalt der Familie, versicherte Möllemann: "Nach den Erfahrungen um die Jahreswende habe ich mir vorgenommen, politisch nichts mehr ohne die Rückkopplung zu Hause zu unternehmen. Im Klartext: Ohne meine Familie passiert da nichts." Der Klärungsprozess in dieser Frage werde die Zeit "bis Ende der Sommerpause" beanspruchen: "Das heißt nach dem Urlaub auf Gran Canaria, der diesmal erst im August beginnen kann."

Die Frage einer von ihm immer wieder erwogenen Parteineugründung ließ er offen: "Noch ist nichts entschieden." Es hänge "vor allem von drei Voraussetzungen" ab. "Wir brauchen Manpower, Unterstützer. Da machen wir im Moment Bestandsaufnahme. Es melden sich unheimlich viele, die mitmachen würden. Darunter sind gute Leute".

Dann kam Möllemann, der am Freitag nach einem Sprung mit dem Fallschirm unter bislang ungeklärten Umständen in den Tod stürzte, auf die finanzielle Unterstützung für die neue Partei zu sprechen.

Darüber, ließ er die "Welt am Sonntag" wissen, führe er zahlreiche Gespräche. Das nehme am meisten Zeit in Anspruch. "Schließlich muss man sehen, dass einem an sich finanzkräftige Freunde nicht nur für die paar Anfangstage helfen. Da geht es schon um einen sehr langen Atem."

Dubiose Geschäfte

 Spurensicherung: Ergebnisse frühestens Dienstag
DDP

Spurensicherung: Ergebnisse frühestens Dienstag

Am Samstag berichtete die "Berliner Zeitung" unter Berufung aus Ermittlerkreisen von bislang unbekannten Rüstungsgeschäften. Eines dieser Geschäfte habe einen Umfang von fast einer halben Milliarde Mark gehabt. Über Scheinfirmen habe Möllemann dafür Provisionen in Höhe von mehreren Millionen Mark kassiert, die zum Teil nicht versteuert worden seien.

Bisher war Möllemann nur mit der Lieferung von Fuchs-Spürpanzern an Saudi-Arabien Anfang der 90er Jahre in Verbindung gebracht worden. Die Einkünfte aus den Rüstungsgeschäften und ihr geschäftlicher Hintergrund seien bereits weitgehend aufgeklärt gewesen, schrieb die Zeitung. Aus diesem Grund habe Möllemann auch zunächst einem Angebot der Staatsanwaltschaft zugestimmt, die Verfahren gegen einen Strafbefehl sowie eine Steuernachzahlung samt Strafzuschlag zu beenden. Sein Einverständnis zog er dann aber vor wenigen Wochen zurück, als ihm die zu zahlende Gesamtsumme mitgeteilt wurde. In Ermittlerkreisen hieß es weiter, dass man die Steuerforderung aufrechterhalte, auch wenn das Strafverfahren gegen Möllemann wegen seines Todes eingestellt worden sei.

Gleichzeitig wurde laut "Berliner Zeitung" bekannt, dass die Spendenaffäre der nordrhein-westfälischen FDP offenbar eine noch größere Dimension habe als bislang angenommen. Der Düsseldorfer Staatsanwaltschaft lägen Hinweise darauf vor, dass dort bereits seit 1996 mit verschleierten Parteispenden gearbeitet worden sei.

Vorwürfe gegen FDP-Spitze

Während die FDP-Spitze sich um einen Staatsakt bemüht, ging der Weggefährte Wolfgang Kubicki die Parteispitze an. Zwar trage kein FDP- Politiker Schuld an Möllemanns Tod, so der FDP-Vorsitzende in Schleswig-Holstein. "Aber sicherlich werden einige Herren aus der Führungsspitze meiner Partei es heute bereuen, dass sie nicht nur den Politiker, sondern auch die Persönlichkeit Jürgen Möllemann so massiv in Frage gestellt haben", sagte Kubicki der "Bild am Sonntag".

Er glaube trotz zunehmender Hinweise nicht an einen Freitod des langjährigen FDP-Spitzenpolitikers Möllemann, sondern eher an einen Unfall. Auch Fremdverschulden schloss er nicht aus.

DDP
Flugplatz Marl: Gedenken für den Fallschirmspringer Möllemann

"Für einen Selbstmord gibt es keinen nachvollziehbaren Grund», sagte Kubicki der Zeitung. "Warum sollte er sich gerade jetzt umbringen? Er hat es im November nicht getan, als klar wurde, dass seine Karriere in der FDP zu Ende ist. Er hat es im März nicht getan, als er zum Parteiaustritt genötigt wurde."

FDP-Generalsekretärin Cornelia Pieper wies dagegen Vorwürfe zurück, ihre Partei habe eine Hetzjagd auf den früheren Vize-Vorsitzenden betrieben. Die FDP habe sich im Zusammenhang mit seinem Tod nichts vorzuwerfen, sagte sie "Märkischen Oderzeitung".



© SPIEGEL ONLINE 2003
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.