S.P.O.N. - Der Schwarze Kanal War die Wiedervereinigung ein Fehler?

Der Osten weist den Vorwurf stets von sich, fremdenfeindlich zu sein. So wie der Islam stets abstreitet, mit Terror etwas zu tun zu haben. Warum aber votiert jenseits der Elbe jeder Dritte für Parteien, die ein Problem mit Andersartigkeit haben?

Pegida-Kundgebung in Dresden: Völlige Abwesenheit jeder christlichen Vorstellung
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Pegida-Kundgebung in Dresden: Völlige Abwesenheit jeder christlichen Vorstellung

Eine Kolumne von


Ich habe Helmut Kohl immer für einen großen Kanzler gehalten. Wie er die beiden Teile Deutschlands gegen alle Widerstände in die Einheit führte, ist eine politische Leistung, von der noch Generationen von Historikern reden werden. Ich bin gerne in den neuen Bundesländern, einige meiner besten Freunde kommen von dort. Aber seit ein paar Wochen frage ich mich, ob die Wiedervereinigung nicht doch ein Riesenfehler war. Es tut mir leid, dass ich das so sagen muss.

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Heft 51/2015
Verliert Deutschland seine Mitte?

Überall kann man jetzt lesen, die politische Mitte radikalisiere sich. Einige erinnert die Situation bereits an Weimar, wo sich ganze Bevölkerungsteile von der Demokratie abwandten. Ich halte das für eine unzutreffende Behauptung, die in ihrer vornehmen Pauschalität etwa so wahr ist wie der Satz, dass der Terror nichts mit dem Islam zu tun habe. Die Wahrheit ist: Wir haben keinen neuen Rechtspopulismus in Deutschland - wir haben einen spezifischen Rechtspopulismus in Ostdeutschland.

Wenn eine der größten Errungenschaften des Westens das "angstfreie Andersseindürfen für alle" ist, wie es der Philosoph Odo Marquard genannt hat, dann hat der Osten auch 26 Jahre nach Mauerfall nicht wirklich aufgeschlossen. Wer für das Recht auf Individualismus und gegen die Kuhstallwärme der Volksgemeinschaft eintritt, hat dort bis heute einen schweren Stand.

Was ist von einem Landesteil zu halten, in dem jeder dritte Wähler Parteien gut findet, die ein Problem mit Unterschieden haben? Um die 20 Prozent der Leute dort votieren für die Linkspartei, die eine Nivellierung sozialer Andersartigkeit verspricht. Weitere 16 Prozent sind den Umfragen zufolge für die AfD, die gegen zu viel Fremdheit im Straßenbild antritt. Die Linkspartei möchte uns glauben machen, dass zwischen der AfD und ihr Welten lägen, aber das muss man nicht weiter ernst nehmen.

Der Wunsch nach Gleichförmigkeit

Das zentrale Versprechen ist Homogenität, das ist das Wort, um das hier alles kreist. Die einen versprechen soziale Homogenität, die anderen kulturelle. Gegen zu viel Ungleichheit sind beide.

"Die verstörte Nation" ist die Titelgeschichte des SPIEGEL über die neue Querfront, in der sich links und rechts zusammenfinden, überschrieben. Die Kollegen haben viele Beispiele für den deutschen Ungeist gesammelt, der jeden, der irgendwie aus dem Rahmen fällt, als Zumutung empfindet. Wenn man genau hinschaut, stellt man allerdings fest, dass sich dieser Ungeist fast immer in Ostdeutschland manifestiert. Plauen, Meißen, Erfurt - das sind die Orte, in denen sich der Wunsch nach Gleichförmigkeit so vehement Bahn bricht, dass man von einer Bewegung sprechen kann.

Ich rede nicht von fremdenfeindlichen Straftaten, obwohl auch hier der Osten führt. Ich halte nicht viel davon, von den Verfehlungen einzelner auf ein gesamtgesellschaftliches Klima zu schließen. Mir geht es um eine Stimmungslage, bei der Einverständnis darüber herrscht, dass es besser ist, wenn man unter sich bleibt.

Ich war neulich in Dresden bei einer Diskussion über Patriotismus und Zuwanderung. Neben mir auf dem Podium saß Werner Patzelt, Politikprofessor an der TU Dresden und inzwischen so etwas wie Deutschlands führender Pegida-Versteher. Was mich erstaunte und dann wirklich auf die Palme brachte, war der süffisant-gehässige Ton, mit dem die Probleme der Flüchtlingskrise beschrieben wurden. So als könne man es gar nicht abwarten, bis die Kanzlerin scheitert und sich alle düsteren Prophezeiungen erfüllen.

Ich halte die Flüchtlingspolitik der Bundesregierung auch für falsch. Aber ich käme nie auf die Idee, mir deshalb zu wünschen, dass Angela Merkel mit ihrer sonnigen Annahme, das Land werde seine Probleme schon bewältigen, Schiffbruch erleidet. Die Menschen, die jemand wie Patzelt vertritt, sind nicht gegen die Flüchtlingspolitik, wie mir klar wurde: Sie sind gegen Flüchtlinge. Das ist etwas ganz anderes.

Die Remissionierung des deutschen Ostens

In Ostdeutschland gebe es eine andere politische Kultur, heißt es. Wenn man nach den Gründen fragt, wird man auf die lange Diktaturerfahrung verwiesen. Der entscheidende Unterschied für mich ist die Abwesenheit jedes christlichen Bewusstseins außerhalb des Kirchenmilieus. Man kann nicht einmal von Heidentum reden, die Heiden hatten ihre eigenen Götter. In weiten Teilen Ostdeutschlands hingegen ist sogar die Erinnerung erloschen, was mit dem Glauben verloren gegangen ist.

Man hat das auch bei den Auftritten der Kanzlerin gesehen, bei denen sie mit Verweis auf das Evangelium für ihren Kurs warb. Im sächsischen Schkeuditz schlug ihr erst Unverständnis und dann Wut entgegen, als sie an die christliche Nächstenliebe appellierte. In Wuppertal oder Nürnberg hatten die meisten Parteimitglieder am Ende ein Einsehen, auch wenn sie die gleichen Sorgen quälen wie die Parteifreunde im Osten.

Die Remissionierung des deutschen Ostens ist eine Operation, die Jahrzehnte in Anspruch nehmen würde. Vielleicht liegt, wie so oft, der erste Schritt zur Besserung in der Anerkennung der Wirklichkeit. Viele ostdeutsche Politiker beeilen sich zu betonen, dass der Osten mit Fremdenfeindlichkeit nichts zu tun habe - beziehungsweise, dass Fremdenfeindlichkeit ein Problem des ganzen Landes sei. Aber das ist erkennbar falsch.

Gibt es Ostdeutsche, die weltoffen sind, gebildet, freundlich, dem Neuen aufgeschlossen? Natürlich gibt es die, ich kenne viele, die so sind. Es gibt sie genauso wie es eine große Zahl an Muslimen gibt, die tolerant, weltoffen und Freunde der Demokratie sind. Dennoch fordern wir aus gutem Grund die islamische Welt dazu auf, ihre Dämonen in den Blick zu nehmen. Wir sollten von uns selber nicht weniger verlangen.

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Forum - Diskussion über diesen Artikel
insgesamt 466 Beiträge
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Leser161 15.12.2015
1. Denkanstoss
Vielleicht sind die Menschen im Osten einfach misstrauischer gegenüber den Versprechungen und Durchhalteparolen der Politik? Die Erinnerung an eine abgehobene Führungskaste und verordnete Meinungen ist dort weit frischer als im Westen. Denken Sie mal drüber nach.
ke_karolus 15.12.2015
2. ganz schön starker und arroganter Tobak ...
... Herr Fleischhauer. Ein kurzes Innehalten und mal hinter sich treten hätte vielleicht gehölfen. Auch Sie selbst haben offensichtlich Probleme mit Andersdenkenden und anders agierenden. Gratulation zum Eigentor!
jensschmiller 15.12.2015
3. Toleranz im Osten
viele Wessis können oder wollen es nicht anders, als von oben herab über den Osten zu denken und zu behandeln hier gibt es keine schlechten Menschen, nur andere Randbedingungen 30% Arbeitslosigkeit direkt nach der Wende, weil die falsch vollzogen wurde(nur vom Westen aufdoktoyiert) nicht auf Augenhöhe, kein Respekt für die Menschen hier und Verständnis für ihre Lebenssituation, viel zu Oft der Mülleimer des Westens was hier alles schlecht war und ist mal was positives über den Osten? kaum
seinedurchlaucht 15.12.2015
4. Sehe ich anders
Ich sehe es so, dass die Menschen im Osten weniger "weichgewaschen" sind als die Menschen im Westen. Deshalb geht man dort eben eher gegen die Missstände auf die Strasse, als im Westen. Die Politik in Berlin verstehen nur noch wenige und noch weniger fühlen sich durch sie vertreten. Das ist der Ausdruck dessen. Ich glaube nicht, dass das im Westen anders ist, nur kommt es dort nicht zum Ausdruck.
Galgenstein 15.12.2015
5. Guter Artikel
klare Meinung. Manchmal wähnt man sich als weltoffener Konservativer in den Foren ja allein auf weiter Flur. Dass Toleranz den Menschen, die vor der Wende im Osten geboren wurden, ja nicht gerade in die Wiege gelegt wurde, ist zwar keine ganz neue Erkenntnis, erklärt aber eben auch, weshalb man sich mit Abweichung von Normen so schwer tut.
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