Totenkopf-Skandal Das unheimliche Schweigen der Islamisten

Deutschland könnte wegen der Skandalfotos aus Afghanistan ins Visier von Terroristen geraten. Noch schweigen die Terror-Websites nach der Totenkopf-Affäre - aber das muss keineswegs so bleiben: Islamisten haben schon aus geringerem Anlass hasserfüllt reagiert.

Von Yassin Musharbash


Berlin - Vor gut einem Jahr druckte die dänische Zeitung "Jyllands-Posten" die mittlerweile weltbekannten zwölf Mohammed-Karikaturen. In der gesamten islamischen Welt gab es danach Proteste, in Afghanistan starben zehn Menschen bei Ausschreitungen, in Beirut brannte ein Konsulat. In Berlin kaufte sich im Frühjahr der pakistanische Student Amer Cheema ein Messer und lauerte dem "Welt"-Chefredakteur Roger Koeppel auf, weil der einige der Bilder in seiner Zeitung dokumentiert hatte. Und auch die beiden verhinderten deutschen Kofferbomber Dschihad Hamad und Youssef al-Hajdib wollten wegen der Propheten-Beleidigung zu Mördern werden - das kristallisiert sich inzwischen heraus.

Afghanischer Junge grüßt deutsche Soldaten: Lässt sich der Skandal islamistisch instrumentalisieren?
REUTERS

Afghanischer Junge grüßt deutsche Soldaten: Lässt sich der Skandal islamistisch instrumentalisieren?

Seitdem haben auch in Deutschland einige scheinbar vergleichbare Anlässe Angstszenarien ausgelöst. Eine Rede des Papstes in Regensburg streifte auch das Thema Gewalt im Islam - der folgende Aufschrei nährte die Furcht vor Terroranschlägen in Europa. Eine Inszenierung an der Deutschen Oper in Berlin, an deren Ende unter anderem der abgeschlagene Kopf Mohammeds zu sehen ist, wurde gleich ganz abgesagt. Islamisten könnten das als Vorwand für einen Anschlag nutzen, warnten die Sicherheitsbehörden.

Passen die gestern von der "Bild"-Zeitung veröffentlichten Fotos aus Afghanistan in diese Reihe? Sind sie geeignet, Deutschland und seine Soldaten ins Visier von Terroristen zu bringen? Sicher ist: Jenen, die einen Anlass suchen, reichen immer geringfügigere Gelegenheiten, um Hass zu schüren.

Im Februar zum Beispiel stand in Nordrhein-Westfalen ein Rentner vor Gericht. Was der 60-Jährige getan hatte, nutzte ein Terrorsympathisant noch am selben Tag zur Hetze in einem Qaida-nahen Internetdiskussionsforum: "Ein deutsches Schwein hat einen Stempel mit dem Wort Koran darauf hergestellt und damit Toilettenpapierrollen bedruckt. Anschließend hat er die an Moscheen in Deutschland verschickt."

Schon 15 Klopapierblätter reichen als Anlass zur Hetze

Tatsächlich hatte der Mann 15 solcher Klopapierblätter an Moscheen geschickt, zusammen mit einem Schreiben, in dem er den Koran ein "Kochbuch für Terroristen" nannte. Er bekam ein Jahr Haft auf Bewährung. Seit dem Prozess erhält er Morddrohungen - so sehr wurde der Fall gleich hochgepeitscht. Der Terrorsympathisant schrieb in dem Internet-Forum: "An was für Feindseligkeiten des Westens gegen den Islam und die Muslime haben wir uns nicht schon gewöhnt! Wenn dieses Schwein ein einziges Wort gegen seine Brüder, die jüdischen Schweine, gesagt hätte, dann wäre natürlich die ganze Welt aufgestanden!"

"Radikale Kräfte suchen geradezu nach solchen Situationen, um die Afghanen gegen die westlichen Truppen oder speziell gegen die Deutschen aufzuhetzen", sagte der afghanische Wirtschaftsminister Amin Farhang gestern nach den Bundeswehr-Skandalfotos zu SPIEGEL ONLINE. Viele Afghanen hätten die Nachricht über die Verfehlungen der Soldaten bisher vermutlich nur vom Hörensagen erfahren. "Ich hoffe, dass die Afghanen ihre Sympathie für die Deutschen nicht verlieren werden, doch garantieren kann man das natürlich nicht", warnte Farhang.

Auch Bundesverteidigungsminister Franz Josef Jung (CDU) und der Vorsitzende der Bundeswehrverbandes, Bernhard Gertz, sind in Sorge. Die Taliban haben Afghanistan den ganzen Sommer mit einer militärischen Großoffensive überzogen. Auch im Norden, wo die deutschen Soldaten stationiert sind, war das zu spüren. Nicht auszuschließen, dass es nun wegen der Fotos vermehrt zu ganz gezielten Anschlägen gegen die deutschen Camps kommt. Das Auswärtige Amt hat heute sicherheitshalber gleich in der gesamten islamischen Welt die Botschaften zu erhöhter Aufmerksamkeit angewiesen.Auch die europäische Presse sieht Deutschland nun im Fadenkreuz.

Angriff auf den Islam schwerlich zu konstruieren

In der ersten Aufregung werden allerdings entscheidende Unterschiede zwischen den früheren Krisen des vergangenen Jahres und dem aktuellen Bundeswehr-Skandal verdrängt. Denn noch ist gar nicht sicher, dass er sich überhaupt von Islamisten in ihrem Sinne skandalisieren lässt - es hat bis jetzt auch noch kein Islamistenführer öffentlich versucht.

Zwar sind die Bilder grauenhaft und mit Sicherheit geeignet, das afghanische Sittlichkeitsempfinden zu stören: Sie zeigen deutsche Soldaten, die mit einem Totenkopf herumspielen; auf einem Foto hält ein Soldat den Schädel neben seinen entblößten Penis. Aber eine Beleidigung des Islams oder seines Propheten Mohammed lässt sich daraus nur schwerlich konstruieren. Genau das war allerdings bei den vorherigen Fällen der Treibstoff für die Erregung.

Afghanistan ist zwei Jahrzehnte lang ein einziges Schlachtfeld gewesen. Vermutlich wird man nicht einmal in Erfahrung bringen können, ob es überhaupt das Skelett eines Muslims war, das hier geschändet wurde - und nicht etwa das eines gefallenen russischen Soldaten.

Die Uhren von al-Qaida & Co. ticken anders

Es mag sein, dass es an dieser Unschärfe des Falles liegt, auf jeden Fall ist im Geflecht der dschihadistischen Webseiten im Internet bisher keine einzige Reaktion auf die Affäre zu lesen. Auch die großen panarabischen Tageszeitungen "al-Hayat" und "al-Scharq al-Awsat", wichtige Gradmesser für die Befindlichkeit zwischen Marokko und Indonesien, berichteten heute noch nichts darüber. Selbst der Fernsehsender "al-Dschasira" dokumentierte den Vorfall auf seiner Website nicht.

Möglich, dass dies nur die Ruhe vor dem Sturm ist. Denn auch Nachrichten dieser Art brauchen Zeit, bis sie in Afghanistan ankommen. Die Fotos aus "Bild" waren dort laut Farhang bis gestern nicht zu sehen. Schon die Karikaturenkrise hat gezeigt, dass die Uhren der militanten Islamisten langsamer laufen als jene der westlichen Mediengesellschaft. Die Spottbilder erregten erst Monate nach dem Abdruck in der dänischen Zeitung internationale Proteste. Und erst als dann das Thema im Westen schon als abgehakt galt, riefen Osama Bin Laden, sein Stellvertreter Aiman al-Zawahiri und das irakische Ansar-Netzwerk zur Vergeltung auf - um Wochen zeitversetzt.

Eine endgültige Gefahrenanalyse für Deutschland und die Bundeswehr lässt sich schlicht noch nicht abgeben. Sicher ist: Selbst für militante Islamisten wäre es nur mit einer gehörigen Portion Demagogie und Skrupellosigkeit möglich, den Bundeswehrskandal in eine Liga mit dem Karikaturenstreit zu katapultieren. Leider ist genauso sicher: Es gibt Hassprediger, die dieses Handwerk beherrschen.



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