Transparency International Ehrung für die Helden der Korruptionsbekämpfung

Korruption ist ein weltweites Phänomen, doch sie lässt sich bekämpfen. Ein deutscher Pharmakologe, eine Richterin aus der Slowakei und ein Geschäftsmann aus Brasilien taten dies mit Erfolg. Die Anti-Korruptions-Organisation "Transparency International" zeichnet sie dafür mit "Integrity Award" aus.


Korruption: Schutz durch Transparenz und öffentliche Kontrolle
DDP

Korruption: Schutz durch Transparenz und öffentliche Kontrolle

Berlin - Peter Schönhöfer sagt von sich, er sei ein Grenzgänger. Mal arbeitete der Pharmakologe als Wissenschaftler, mal als Verwaltungsfachmann. Sowohl im Bundesgesundheitsamt, wo er von 1979 bis 1982 für Arnzeimittel-Sicherheit zuständig war, als auch als Leiter des Instituts für klinische Pharmakologie in Bremen erhielt er auf diese Art tiefen Einblick in die Methoden, mit denen Pharmakonzerne das deutsche Gesundheitswesen manipulieren.

Das Urteil des 67-Jährigen fällt vernichtend aus: "Sozialdarwinistisches Ausbeutungsverhalten" zu Lasten der Versicherten attestierte er der Arzneimittelindustrie. Schönhöfer legte schließlich einige korrupte Praktiken offen. Dafür ehrt ihn nun die Anti-Korruptions-Organisation "Transparency International" mit dem "Integrity Award" 2002. Die beiden anderen Preisträger dieses Jahres sind die slowakische Richterin Jana Dubovcova und der brasilianische Geschäftsmann Luis Roberto Mesquita.

Bei der Vorstellung der Preisträger in der Berliner Zentrale von Transparency International skizzierte Schönhofer noch einmal seine Analyse des Pharmageschäfts. Schon länger sei die Industrie kaum noch in der Lage, neue wirksame Medikamente zu entwickeln. Deshalb würden vermeintliche Innovationen schlichtweg "erfunden", um das betriebswirtschaftliche Ergebnis zu verbessern. So seien im Jahr 2000 etwa 1,5 Milliarden Euro in die Produktentwicklung geflossen, 4,5 Milliarden aber ins Marketing - der Löwenanteil davon in Fortbildungs-Veranstaltungen und Ärzte-Kongresse, die lediglich der Vermarktung dienen. Mediziner erhielten dabei lukrative Referenten-Verträge und so entstehe ein dichtes Geflecht aus Abhängigkeiten. Die Folge: Der Diskurs drehe sich nicht mehr um die Verbesserung der medizinischen Behandlung, sondern allein um Produkte. "Und das zahlt sich für die Firmen aus", sagt Schönhöfer. Ärzte verschreiben teure oder unnütze Medikamente. Die Zeche zahlen die Versicherten.

Weil das System auf Solidarität, Eigenverantwortung und Subsidarität beruhe, sei es gegen Missbrauch und Ausbeutung nicht geschützt, sagt Schönhöfer. So konnte er nachweisen, dass eine Studie für ein neues Antireuma-Medikament gefälscht war. "In Wirklichkeit war die Substanz nicht besser als konventionelle Mittel", so der Pharmakologe. In einem anderen Fall erwies sich eine vermeintlich innovative Hormon-Ersatz-Therapie als unwirksam. Briefe, mit denen der Chefarzt einer gynäkologischen Klinik für das Mittel warb, waren in Wirklichkeit vom Hersteller verfasst worden. Die Pharmafirma zog das Medikament auf Druck der Öffentlichkeit schließlich vom Markt zurück.

"Das System ist anfällig für Korruption", bilanziert Schönhöfer. Um so wichtiger sei eine strikte Aufsicht durch die Landes- und Bundesbehörden und ein strenger Verhaltenskodex für Mediziner.

Vor Missbrauch und Ausbeutung nicht geschützt

Wie einfach der Kampf gegen das Korruptionsgeschwür sein kann, bewies auch die slowakische Gerichtspräsidentin Jana Dubovcova. Um Schmiergeldzahlungen am Bezirksgericht von Banska Bytrica auf die Spur zu kommen, bediente sie sich einer simplen Umfrage unter den Akteuren am Gericht. Dabei gaben 30 Prozent der Befragten an, mit Korruption konfrontiert worden zu sein. Von diesen erklärten zwei Drittel, sie seien von Richtern aufgefordert worden, Bestechungsgelder zu zahlen.

Dubocova richtete darum mit Hilfe des Schweizer Justizministeriums ein elektronisches Managementsystem ein. Es zielt darauf ab, Verfahren zu beschleunigen und transparenter zu machen. So werden die Fälle den Richtern nun per Zufallsprinzip zugeteilt, was Korruption erschwert.

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Der brasilianische Geschäftsmann Luis Roberto Mesquita dagegen war mit einem Frontalangriff auf die Korruption erfolgreich. Seitdem ist er in seiner Heimatstadt Guarulhos ein bekannter Mann. Der 43-Jährige ist Vorsitzender einer lokalen Bürgerrechtsgruppe, der es gelang, den korrupten Bürgermeister der Millionenstadt zu stürzen. Während des Kommunalwahlkampfes 1996 hatte Mesquita von allen Kandidaten öffentlich ein schriftliches Versprechen eingefordert. Im Falle eines Wahlsieges sollten sie ohne Korruption regieren. Kaum war der neue Bürgermeister im Amt, stellt sich heraus: Sein Versprechen war nicht viel wert. Von einem auf den anderen Tag konnte seine Familie von der Stadt Grundstücke zu Spottpreisen erwerben.

Mesquita machte den Skandal öffentlich, rief eine Kampagne zum Sturz des Stadtoberhauptes ins Leben und ließ sich selbst durch Morddrohungen nicht einschüchtern - mit Erfolg. Der Bürgermeister wurde aus seinem Amt entfernt, wegen "ungesetzlicher Bereicherung" angeklagt und zu 50 Tagen Haft verurteilt. Sein Eigentum wurde beschlagnahmt. Zur Kommunalwahl 2000 stieß Mesquita abermals eine öffentliche Debatte über Korruption an. Das Ergebnis: Von 21 Stadträten blieben nur acht im Amt.

Schutz vor Repressalien

Mit der Ehrung solcher Vorkämpfer will Transparency International Mut machen, Leuten wie Schönhöfer, Dubovcova und Mesquita nachzueifern. Dabei ist der Integrity Award lediglich eine ideelle Auszeichnung, Geld gibt es keines. Aber die öffentliche Aufmerksamkeit, die den Preisträgern zuteil wird, soll sie vor Repressalien schützen. "Die Anti-Korruptionsbewegung lebt von der Inspiration durch mutige Einzelpersonen", sagt TI-Vorsitzender Peter Eigen.

Dass sie zuweilen durch ihr Engagement ein hohes persönliches Risiko eingehen, musste einer der Preisträger des Jahres 2000 am eigenen Leib erfahren. Der marokkanische Offizier Hauptmann Mustapha Adib hatte die Korruption in der Armee des Landes öffentlich gemacht und wurde daraufhin ins Gefängnis geworfen. Erst im Mai 2002 kam Adib wieder frei. Seinen Integrity Award soll er nun gemeinsam mit den drei Preisträgern dieses Jahres am 11. Oktober in Casablanca entgegen nehmen.

Marcus Schymiczek



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