Gedenken an Lothar Bisky "Als wäre diese Welt gar nicht die deine"

Die Linke hat in Berlin ihres verstorbenen Ex-Vorsitzenden Lothar Bisky gedacht. Es war eine berührende Feier; ein seltenes Innehalten in der Hochphase des Wahlkampfs, bei dem es viel zu lernen gab.

DPA

Es ist leicht, sich an Lothar Bisky zu erinnern. Denn er hat es einem immer leicht gemacht, ihm nahezukommen, weil er zu der seltenen Spezies Politiker gehörte, die zuhören konnte - mit ehrlichem Interesse an der Meinung, dem Argument des Gegenübers.

Es ist aber schwer, Lothar Biskys zu gedenken in der Hochphase des Wahlkampfs. Macht man nichts, wird es als unwürdig beschimpft, macht man was Großes, ist der Vorwurf sicher, man instrumentalisiere den Tod für politisches Werben.

Der Linken ist es am Samstag gelungen, einen würdigen Mittelweg zu finden. In der Berliner Volksbühne lud sie zum Erinnern, Zuhören, Nachdenken - und Lachen über den Politiker und noch viel mehr den Menschen Lothar Bisky, der bereits am 13. August gestorben war.

Die linke Bundestagsfraktion hatte führende Vertreter aller anderen Parteien geladen - es kam so gut wie niemand. Dafür war fast die gesamte linke Prominenz versammelt, von Oskar Lafontaine, neben Hans Modrow sitzend, über Dietmar Bartsch und Katja Kipping bis Gregor Gysi. Nur Sahra Wagenknecht wurde nicht gesehen.

Immerhin machte Alt-Bundespräsident Horst Köhler seine Aufwartung, auch Brandenburgs Ex-Ministerpräsident Manfred Stolpe (SPD). Der Präsident des Europäischen Parlamentes, Martin Schulz (SPD), ließ einen Brief verlesen.

Aber wie schon zu Lebzeiten erfuhr Bisky noch mal die Missachtung und Ignoranz des Bundestags, was viel über das demokratische Selbstverständnis jener sagt, die sich schon mal geweigert hatten, Bisky zum Vizepräsidenten des Parlaments zu wählen. Wären sie gekommen, vielleicht nur um hinzuhören, sie hätten erfahren, welchen Menschen, welchen Geist die Politik - und das Land - verloren hat.

Dass sie nicht kamen ist umso beschämender, als Bisky nach der Wende zunächst als Landespolitiker in Brandenburg zu jenen gehörte, die den als "Brandenburger Weg" berühmt gewordenen Politikstil des Konsens über Lagerdenken hinaus etabliert haben: Lösungen finden statt Probleme erfinden. Eine Zeit, die Politiker hervorbrachte wie Regine Hildebrandt in der SPD und eben Bisky in der PDS. Menschen, die die Politik bereicherten, was diese ihnen nie zurückzahlte.

Mann mit brummigem Humor und geduldigem Gemüt

Bisky war, wie Gregor Gysi es sagte, ein "Anti-Politiker", eine "Rarität", der personifizierte demokratische Sozialismus mit menschlichem Antlitz. Egal, was man über die Ex-SED-Ex-PDS und Linke denken mag; es gehört zu den wirklichen Verdiensten dieser Partei, einen großen Teil der DDR-Bevölkerung in die Demokratie integriert und diese damit bereichert zu haben. Und in diesem Prozess gab es keinen Integrativeren und Versöhnlicheren als Bisky. Der Mann mit dem brummigen Humor und geduldigen Gemüt ist so auch für viele jüngere Linke-Politiker, die die DDR nie erlebt haben, zu einer Vaterfigur geworden.

Am Samstag flossen viele Tränen. Es ist auch das Trauern um Möglichkeiten, die diese Partei mit jemandem wie Bisky, dem stillen Denker, hatte. Nicht wenige im politischen Spektrum wünschen sich immer noch, dass diese Partei einfach verschwindet: Sie ist ihnen lästig, schmerzhaft, sie ist ihr schlechtes Gewissen.

Unter Lafontaine war diese Ablehnung der Linken leicht, weil die Partei immer so besserwisserisch daherkam. Aber unter Bisky hatte ihre Politik ein weiches, sympathisches und sensibles Gesicht. Er selbst hat am stärksten darunter gelitten, dass er seine PDS, die er durch so viele Häutungen und Selbsterkenntnisse leiten musste, nach der Vereinigung mit der WASG ausgerechnet gegen einen Sozialdemokraten aus dem Westen verteidigen musste, gegen den Rückfall in altes Denken und autoritäre Methoden. Bisky war ein viel besserer Demokrat als jene mit der Gnade westlicher Geburt, die glaubten als Demokraten geboren zu sein.

So ist es kein Zufall, dass der einzige Nicht-Politiker am Samstag die treffendste, bewegendste und schönste Rede auf Bisky hielt. Einer der besten deutschen Regisseure, Andreas Dresen ("Halbe Treppe"), hatte bei Bisky an der Potsdamer Filmhochschule studiert. Er hatte erlebt, wie Bisky sich vor seine Studenten gestellt hatte, sie schützte vor politischen Übergriffen.

Und Bisky hatte ihm sein erstes demokratisches Erlebnis verschafft, indem er sich vor seine Studenten stellte und 1989 geheim darüber abstimmen ließ, ob sie ihn behalten wollen. Es war ein Hundert-Prozent-Ergebnis, und zwar ein ehrliches. "Zum ersten Mal hatte ich die Kraft wahrer Demokratie erlebt, echter, wirklicher Legitimation", sagte Dresen.

"Wir hätten Lothar leben lassen sollen"

Bisky ließ sich in den Wendezeiten in die Pflicht nehmen, ging in die Politik, die "Welt der belegten Brötchen", wie er es nannte, der so gerne Kartoffelsuppe aß. "Es schien, als wäre diese Welt gar nicht deine", sagte Dresen. "Als wäre da eine riesige Kluft zwischen dir und diesen anderen Leuten mit den eingeübten Gesten und dem so sicheren Auftreten."

Als der Deutsche Bundestag Bisky viermal bei der Wahl zum Vizepräsidenten durchfallen ließ, saß Dresen vor dem Fernseher und konnte es nicht fassen: "In diesem Augenblick würde ich am liebsten dort vor den Bundestag ziehen und den Ignoranten erzählen, wer du bist, was du eigentlich geleistet hast." Über 20 Jahre Politgaleere vermochten ihn "nicht zu verderben". Er, so Dresen, hatte es nicht verdient, "die elenden politischen Grabenkämpfe in der eigenen Partei erleben zu müssen und dabei aufgerieben zu werden".

Dresen zeigte in seiner Rede den Menschen Bisky, den er auch vermisste: "Dass du in die Politik gegangen bist, begriff ich, lieber Lothar, dass du dort geblieben bist, nicht." Aber auch das hatte wohl mit dem "aufrechten Charakter" zu tun: "Verläßlich wolltest du sein, auf keiner konjunkturellen Welle reiten. So vergeht Zeit, so vergeht Leben."

Nach der Veranstaltung stand Dresen draußen auf der Treppe vor der Volksbühne und erzählte, wie Bisky ihn jedesmal angerufen habe, wenn die Partei ihn bat, doch wieder ein Amt zu übernehmen, weiterzumachen. "Jedesmal habe ich ihm gesagt: Mach es nicht!" Aber Bisky war ein Pflichtmensch.

Draußen lief dann ein sichtlich aufgelöster Gregor Gysi durch die Menge, auf der Suche nach Dresen: "Ich muss es ihm sagen, wo ist er denn?" "Was sagen?" "Er hat so recht, wir hätten Lothar leben lassen sollen."

So vergeht Zeit, so vergeht Leben.

Bisky war kein religiöser Mensch. Vielleicht sieht sein Himmel so aus: Eine große Bibliothek, viele gute Filme, Blick ins Grüne - und er genießt zusammen mit seinem vor ihm gestorbenen Sohn Stephan eine Kartoffelsuppe. Und ein Glas Rum. Kubanischen.

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insgesamt 115 Beiträge
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Seite 1
Lesender01 14.09.2013
1. Das Ihr Forum ...
diesen tollen Beitrag veröffentlicht hat, freut mich sehr. Neben allen anderen Themen, wie Wahlkampf und Schnüffelei etc., finden Sie Zeit, Menschen auch persönlich zu beschreiben. Klasse!
samojede 14.09.2013
2. optional
Lothar Bisky war ein ehrenwerter Mann, der sich redlich um sein Vaterland verdient gemacht hat. Der hier gedruckte Nachruf gehört zum Besten von Spiegel Online.Ein Nicht-Kommunist sagt Danke.
timepiece123 14.09.2013
3. Vielen Dank
Zitat von sysopDPADie Linke hat in Berlin ihres verstorbenen Ex-Vorsitzenden Lothar Bisky gedacht. Es war eine berührende Feier; ein seltenes Innehalten in der Hochphase des Wahlkampfs, bei dem es viel zu lernen gab. http://www.spiegel.de/politik/deutschland/trauerfeier-von-lothar-bisky-in-berlin-a-922279.html
für diesen tollen Artikel über einen tollen Menschen.
kayhawai 14.09.2013
4. Wohl wahr
Ein wunderschöner Text über einen großen Politiker, der wohl an seiner Ehrlichkeit und Geradlinigkeit gescheitert ist. Ich bin kein linker, aber Bisky gehörte wirklich zu den Charakterköpfen in der Politik. Dass die geschniegelte und gelackte Politprominenz der anderen Parteien nicht erschienen ist, legt nicht nur beredtes Zeugnis über deren Demokratieverständnis ab, sondern auch über deren Menschenbild. Erschreckend.
katzekaterkarlo 14.09.2013
5. Warum heben wir ...
... nichtssagende "Rauten" in den Himmel und vergessen Menschen, die uns etwas zu geben haben?
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