Helsinki-Gipfel Trumps Rache am Westen

In Helsinki besiegelten Donald Trump und Wladimir Putin das vorläufige Ende der transatlantischen Partnerschaft. Europa sollte endlich aufwachen.

US-Präsident Donald Trump erhält einen Fußball vom russischen Präsidenten Wladimir Putin
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US-Präsident Donald Trump erhält einen Fußball vom russischen Präsidenten Wladimir Putin

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Es ist etwas über ein Jahr her, dass Donald Trump erstmals als US-Präsident nach Europa reiste. Seitdem ist viel geschehen, aber im Großen und Ganzen kann man die Wirkungskräfte zwischen der alten und der neuen Welt so zusammenfassen: Europa hat noch intensiver versucht, sich bei Trump einzukratzen, während Trump seine Verbündeten noch aggressiver zurückwies. Es ist wie in einer hoffnungslosen Liebesbeziehung. Der Gipfel mit Wladimir Putin in Helsinki war ein weiterer, sehr großer Schritt Amerikas in Richtung Abkapselung von Europa.

Natürlich gibt es auf beiden Seiten des Atlantiks Menschen, die sich schätzen, und natürlich spricht der US-Präsident nicht für ganz Amerika. Aber Trump verfügt über das Selbstbewusstsein, den Willen und die Macht, Europa zu erniedrigen, wie das bislang kein Präsident vor ihm getan hat. In Helsinki konnte man beobachten, wo seine wahre Sehnsucht liegt: bei einem Autokraten, der in seiner grauen Fahlheit immer mehr Montgomery Burns ähnelt, dem Atomkraftwerkbesitzer aus den "Simpsons".

Der geschichtslose Präsident

Die Verehrung Putins ist Trumps Rache am Westen, der die USA aus seiner Sicht seit Jahrzehnten ausbeutet. Wenn es ein Geräusch zum vorläufigen Ende der transatlantischen Partnerschaft gibt, dann das helle, etwas hohl klingende Pong des Fußballs auf dem Boden, den Trump seiner Frau Melania zuwarf. Der Ball war ein Geschenk Putins. Es ist keine Übertreibung zu sagen, dass sich Trump darüber freute wie ein kleines Kind: "Den bekommt mein Sohn Barron", strahlte er.

Keine Frage: Es ist hilfreich, wenn die Anführer zweier Nuklearmächte miteinander reden, anstatt Krieg zu führen. Trump tut aber so, als agiere er im luftleeren, geschichtslosen Raum. Er tut so, als sei Putin nicht mitverantwortlich für den blutigen Krieg in Syrien; als unterdrücke er zu Hause nicht die Presse, die Opposition, die wütende Jugend; als attackiere er nicht ständig westliche Demokratien; als habe er nicht das Völkerrecht gebrochen, als er die Krim-Halbinsel besetzte; als habe er nicht in die US-Präsidentschaftswahl eingegriffen.

Trump wischt all das beiseite, weil er Putin mehr traut als seinen eigenen Geheimdiensten und weil er ein neues Bündnis schmieden will. Trump hat sich in Europa umgeschaut, aber wohin er auch blickte, sah er anstrengende, komplizierte Leute, die Geld wollen und militärischen Beistand, aber nichts dafür tun. Helsinki ist der Beleg dafür, dass Trump im russisch-amerikanischen Verhältnis die Zukunft sieht, nicht mehr in Europa. Wie Obama sich dem Pazifik zuwendete, so kippt Trump in Richtung Moskau.

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Trump trifft Putin: Der Gipfel von Helsinki

Merkel, Trumps Boxsack

Dabei hatten wir uns doch so bemüht. Emmanuel Macron hatte sich für die Taktik der Männerfreundschaft entschieden und wollte Trump mit einem Dinner im Eiffelturm und einer Militärparade auf die Seite Frankreichs ziehen. Theresa May versuchte, ihn mit guten Handelsbeziehungen zu locken, die ihr nach dem Ausstieg Großbritanniens aus der EU helfen sollten. Angela Merkel probierte es mit einer Mischung aus deutschem Schweigen und Schönreden. Nichts hat funktioniert. Alle sind gescheitert.

Macron übt sich in Schadensbekämpfung, May durfte sich vergangene Woche auf peinlichste Weise von Trump in einem Interview mit der "Sun" bloßstellen lassen, während sie einen Staatsempfang für den US-Präsidenten organisierte. Und Merkel hat die undankbare Rolle als Trumps Boxsack eingenommen. Es vergeht praktisch kein Tag, an dem er Deutschland nicht attackiert oder verächtlich macht.

In den 18 Monaten seiner Amtszeit ist Trump selbstbewusster geworden, unabhängiger von Ratschlägen. Bereits Wochen vor seiner Abreise nach Europa steigerte er sich auf Twitter in eine Wut gegen den Kontinent hinein, die sich in Brüssel als eine Art Urschrei entlud. Am Sonntag nannte er Europa einen "Gegner" Amerikas. So stieg der US-Präsident zum wichtigsten Lobbyisten Putins auf, der die Aufnahme Russlands in die G7 betreibt, während er den russischen Präsidenten für seine Machtfülle beneidet.

In Moskau mehr zu holen

Was also tun? Das schlechteste Rezept wäre, weiter nur auf Trump zu schauen. Europa ist gut damit beraten, Beziehungen zu Akteuren außerhalb der US-Regierung auf- und auszubauen, zu Wirtschaftsführern, Bundesstaaten und Privatleuten. Das tun europäische Diplomaten hier und dort bereits, aber noch zu vorsichtig. Es gilt, Amerikaner davon zu überzeugen, wie gewinnbringend und nützlich die transatlantischen Beziehungen sind - das ist bei den wenigsten bisher angekommen. Und warum reaktivieren wir nicht das transatlantische Freihandelsabkommen, diesmal transparent und richtig?

Was die europäische Verteidigung angeht, hat Trump in seiner Brachialität recht: Wer sich auf Amerika nicht mehr verlassen kann, muss die Wähler darauf vorbereiten, künftig mehr fürs eigene Militär auszugeben. Dazu gehört leider auch Deutschland.

Der giftige Auftritt in Brüssel und London und die Schmeichelei von Helsinki gehen Hand in Hand. Man kann es nicht Strategie nennen, eher ein Bauchgefühl, dass in Moskau mehr zu holen ist als zwischen Berlin und Lissabon. Bislang hat Europa zu wenig beigetragen, diesem Eindruck entgegenzuwirken. Wenn wir weiter auf Trump fixiert bleiben, gehört das 21. Jahrhundert zwei schlecht gelaunten weißen Männern.

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Seite 1
zeitungzeitung 17.07.2018
1.
Meine Güte wie die europäischen Medien jetzt wie aufgeschreckte Hühner herumlaufen, weil ein Präsident endlich mal den Weg der Verständigung mit Russland geht. Keine Angst, wenn wieder alle auf Trump einprügeln, wird er seine Meinung in Null komma Nichts ändern. Also Keep cool.
seit1973 17.07.2018
2. Trump ist nicht....
...Amerika.
StefanXX 17.07.2018
3. Zum Glück Europa noch nicht zwischen USA und Russland aufgeteilt
Ich hatte ja schon befürchtet, dass Trump und Putin beim Gipfel verkünden Sie hätten jetzt Europa unter sich aufgeteilt. Falls es irgendwann mal soweit ist, möchte ich trotz Trump trotzdem lieber zu den Amis :-)
fleischwurstfachvorleger 17.07.2018
4. Ein echt
bescheuerter Kommentar. Einseitig und keinerlei Mehrwert erzeugend. Eine echte Null-Nummer. Man merkt Ihrem Kommentar an, dass Sie kein Freund von Russland / Putin sind. Die BILD-Schlagzeilen nachzuplappern ist jetzt wirklich sonderlich schlau. - Den Fall Skripal haben Sie in Ihrer Aufzählung vergessen. Absicht oder Versehen?
aggro_aggro 17.07.2018
5. Militär
Die Europäer und ganz besonders die Deutschen WOLLEN einfach nicht mehr Geld fürs Militär ausgeben. Sie WOLLEN auch den Schutz der USA nicht, und ganz sicher auch kein höheres US-"Verteidigungs"budget. Das machen die Amerikaner gern freiwillig. Ich glaube aber das ist Trump entweder nicht bewusst, oder egal. Er will fehlende Steuereinnahmen durch Zölle ersetzen (wahrscheinlich haben die ihn als Geschäftsmann gestört und er hält sie für eine unerschöpfliche staatliche Geldquelle) und er will dass die Europäer entweder direkt einen Teil des wahnwitzigen US-Militärs bezahlen oder zumindestens US-Waffen kaufen. Er hat die Steuern gesenkt und die Militärausgaben erhöht und Zölle und Schutzgeld sollen das ausgleichen. Gedankengänge eines Zwölfjährigen.
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