60. Geburtstag von Jürgen Trittin Der Unvollendete

Vizekanzler, Finanzminister, Grünen-Leitwolf. So wollte Jürgen Trittin in sein siebtes Lebensjahrzehnt gehen. Stattdessen ist er nun einfaches Mitglied der kleinsten Oppositionsfraktion - strotzt aber vor Kraft. Was hat er vor?

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AFP

Berlin - Es hat auch seine Vorteile. Zum Beispiel konnte Jürgen Trittin in aller Ruhe seinen 60. Geburtstag an diesem Freitag vorbereiten. Er hat sich um alles persönlich gekümmert: ein besonders idyllisches Plätzchen im Osten Berlins ausgesucht, die Liste nach dem Kriterium "Wer schon mal bei mir oder bei wem ich schon zu Hause war" zusammengestellt, die Einladungen kopiert. Trittin hat ja jetzt genug Zeit dafür.

Als Chef der Grünen-Bundestagsfraktion wie in den vergangenen vier Jahren hätte er das nicht ohne Weiteres geschafft. Erst recht nicht als Vizekanzler und Finanzminister: Da wäre Trittin so in der Arbeit erstickt, dass er vor lauter Zahlen seinen Geburtstag vielleicht gar nicht mehr auf dem Zettel gehabt hätte.

Es ist anders gekommen. Und so sitzt man nun dem einfachen Abgeordneten Jürgen Trittin gegenüber, Mitglied im Auswärtigen Ausschuss. Sein Büro ist klein. Neulich ist Trittin nach Russland und in die Ukraine gereist, genau ein Mitarbeiter hat ihn begleitet. In Moskau kam trotzdem eine Reihe deutscher Korrespondenten in aller Früh zum Pressegespräch mit dem Grünen-Politiker.

Auch wenn die Natur das nicht so vorsieht: Ein bisschen wirkt Trittin wie ein Leitwolf, der sich ans Ende des Rudels hat fallen lassen - und in einem Wimpernschlag wieder vorne wäre. Er ruht sich nur ein bisschen aus.

Aber was hat Trittin vor?

Wenn man ihn darauf anspricht, äußert er sich unverbindlich. Genauso gut kann man Angela Merkel, die gerade 60 geworden ist, nach ihrer politischen Zukunft fragen. Klar, Trittin und die Kanzlerin gehören zu der Sorte Politiker, die sich nie in die Karten schauen lassen. Aber vielleicht gilt in diesem Fall auch für beide: Sie wissen es einfach selbst nicht.

Kann es das schon gewesen sein?

Was Trittin nicht will: wieder Fraktionschef werden. Wer so etwas verbreitet, ist entweder ahnungslos oder bösartig. Die Fraktion führt als Vertreter des linken Parteiflügels Trittins Freund Anton Hofreiter. Der Alte lässt die Jungen ran. Aber dann schaut man ihn an, körperlich und geistig fit - und denkt sich: Das kann es noch nicht gewesen sein.

Von seinen bald 60 Lebensjahren hat Trittin weit mehr als die Hälfte in der Politik verbracht. Er war Landes- und Bundesminister, Partei- und Fraktionschef. Neben Joschka Fischer hat niemand eine so dominierende Rolle bei den Grünen gespielt wie Trittin - Erfinder des Dosenpfands, Talkshow-Kotzbrocken, lange oberstes Feindbild aller Grünenhasser. Die Krönung blieb ihm jedoch verwehrt: Er wollte Vizekanzler und Finanzminister werden im vergangenen Herbst, die Grünen zurück in die Regierung führen, stattdessen endete die Bundestagswahl im Fiasko.

Aber das Leben geht ja weiter. Im Dezember heiratete Trittin seine langjährige Lebensgefährtin. Und er fing an, ein Buch zu schreiben über die aus seiner, also aus linker Sicht, reformunfähige Republik. Der Titel: "Stillstand made in Germany". Trittin ist weiterhin der Meinung, dass der Staat höhere Steuern braucht, mehr für den Ausgleich zwischen Arm und Reich tun sollte. Das Buch erscheint Ende September, ein prominenter Vorabdruck ist geplant, etliche Lesetermine stehen schon fest.

Das Buch wird ihm wieder Ärger einbringen

Trittin freut sich auf das Buch. Aber es wird ihm auch wieder Ärger in der eigenen Partei einbringen. Grünen-Chef Cem Özdemir, der Anführer des harten Teils der Realos, hat Trittin zuletzt mehrfach angezählt: Weil dieser im Bundestag nicht gegen die schwarz-rote Rente mit 63 gestimmt hat, weil Trittin auch als einfacher Abgeordneter seine Meinungen vertritt und dabei mitunter mehr Gehör findet als die erste Grünen-Reihe. Die FAS drückte kürzlich in einem Kommentar aus, was Özdemir und Co. wohl am liebsten wäre: "Der Seniorchef sollte gehen. Ganz."

Ihr Verdacht: Trittin spinnt im Hintergrund die Fäden für ein rot-rot-grünes Bündnis unter seinem niedersächsischen Kumpel Sigmar Gabriel. Ein Horrorszenario für die Freunde von Schwarz-Grün in der Partei.

In Trittins sehr aufgeräumtem Bundestags-Büro hängt an der Wand das berühmte Foto von Clint Eastwood aus "Für eine Handvoll Dollar", mit Cowboyhut und Zigarillostummel im Mund. Trittin mag das Italowestern-Genre, die Raubeinigkeit der Charaktere, die Ironie. Die von Eastwood gespielte Figur zieht am Ende des Films weiter.

Wohin wird es Trittin ziehen?

Ein Job als EU-Kommissar, das wäre was für ihn. Aber es gibt in dieser Posten-Liga auf absehbare Zeit nichts zu verteilen für Grüne. Und im Unterschied zu seinem ewigen Antipoden Joschka Fischer ist Trittin nicht aufs Geldverdienen aus. Fischer gründete nach dem Abschied aus der Politik eine Beratungsfirma, er arbeitete für BMW und Rewe. So was kommt für Trittin nicht infrage.

Bis zum Ende des Jahres wird ihn die Buchtour beschäftigen. Dann wird es spannend.

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insgesamt 59 Beiträge
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Seite 1
iffel1 25.07.2014
1. Ja, das sollte es gewesen sein !
Eine Dosensuppe kocht auch keiner ein zweites Mal auf.
mercutiool 25.07.2014
2. Glückwunsch!
Da gibt es gleich zwei Anlässe zum Gratulieren: natürlich dem Geburtstagskind zu seinem runden Geburtstag. Aber wir sollten Deutschland nicht vergessen, dem ein Vizekanzler und _Finanz_minister Trittin erspart geblieben ist. In diesem Sinne: auf die nächsten 60 Jahre, gerne auf den hinteren (und nur dort!) Plätzen im Bundestag!
kalim.karemi 25.07.2014
3. Glückwunsch
Zitat von sysopAFPVizekanzler, Finanzminister, Grünen-Leitwolf. So wollte Jürgen Trittin in sein siebtes Lebensjahrzehnt gehen. Stattdessen ist er nun einfaches Mitglied der kleinsten Oppositionsfraktion - strotzt aber vor Kraft. Was hat er vor? http://www.spiegel.de/politik/deutschland/trittin-gruenen-politiker-feiert-60-geburtstag-a-981603.html
Zeit sich aufs Altenteil zu verabschieden, genau da gehören Ströbeles, Trittins, Roths und wie sie alle heißen hin.
hermanbalk 25.07.2014
4. Hoffentlich ...
bleibt er unvollendet. Es wäre bedeutend vorteilhafter für unsere Gesellschaft.
fredadrett 25.07.2014
5. Schönes Alter
Da könnte man mal die Vergangenheit Revue passieren lassen, in sich gehen und versuchen Fehler in der Vergangenheit proaktiv anzugehen (z.B.: die pädophilen Unterstützung). Er könnte ja seine Geschenke gemeinnützigen Zwecken, für Kinder, zukommen lassen.
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