Bürgerversammlung in Tröglitz Die Rechten pöbeln, die Masse schweigt

Tröglitz in Sachsen-Anhalt wurde bundesweit bekannt, als der Bürgermeister vor dem Druck Rechtsextremer kapitulierte. Jetzt sollen 40 Flüchtlinge in den Ort kommen. Wer behält hier die Oberhand - Hetzer oder Humanisten?

Von , Tröglitz

Bürgerversammlung in Tröglitz :  500 Anwohner kamen
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Bürgerversammlung in Tröglitz: 500 Anwohner kamen


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"Warum geben wir für die Asylanten so viel Geld aus? Was soll die Scheiße? Für uns selbst wird nichts ausgegeben", ruft ein Mann oben vom Rang, blanker Neid in der Stimme. Die Arme vor der Brust verschränkt, hat er sich vor einem Mikrofon aufgebaut und schaut hinunter auf Landrat Götz Ulrich, der vor der Bühne des Saals steht.

Der Christdemokrat hat an diesem Abend zur Bürgerversammlung in das Tröglitzer Kulturzentrum geladen, dem ehemaligen Klubhaus Marx-Engels. Die Veranstaltung, so Ulrich, sollte etwas "Reinigendes" haben, die Leute sich "auskotzen" können. Nun also informiert er mit anderen Politikern, Vertretern von Kirche und Polizei über die Pläne für eine Asylbewerberunterkunft in der 2700-Einwohner-Stadt im südlichen Zipfel Sachsen-Anhalts.

Tröglitz ist ein junger Ort, der 1937 als Wohnsiedlung für Arbeiter der Braunkohle-Benzin-AG hochgezogen wurde. Die gibt es längst nicht mehr, Tausende Arbeitsplätze fielen nach der Wende weg. Jobs sind rar in der Gegend, die Verunsicherung groß, was sich auch widerspiegelt in Aussagen wie "Ich will das Tröglitz so bleibt, wie es ist, sich nicht weiter verändert".

500 Menschen sind in den Saal gekommen, auch Rechtsextremisten. NPD-Funktionär Steffen Thiel ist da, der wochenlang mit Bürgern und Anhängern durch den Ort gezogen ist, um gegen die Flüchtlinge zu demonstrieren. Rund 30 Anhänger hat er versammelt, einer trägt ein T-Shirt mit dem Logo der rechtsextremen Partei. Polizisten sind vor Ort.

Zwölf Wohnungen, ein Sozialarbeiter

Die Veranstaltung des Landrats ist bitter nötig, für viele kommt sie zu spät. In Tröglitz rumort es seit Monaten kräftig. Tiefpunkt war der Rücktritt des ehrenamtlichen Bürgermeisters Markus Nierth vor drei Wochen. Der parteilose Politiker hatte sich sehr für die Flüchtlinge eingesetzt, bis Nachbarn und NPD vor seine Haustür ziehen wollten (Nierth ist kein Einzelfall - mehr lesen Sie hier.). Da war für ihn Schluss, er fühle sich alleingelassen von Behörden und vielen Mitbürgern, teilte Nierth mit, kritisierte eine "schweigenden Mitte" - das Entsetzen bundesweit war groß, auch weil er Morddrohungen erhielt.

Der zurückgetretene Ortsbürgermeister von Tröglitz, Markus Nierth (l.)
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Der zurückgetretene Ortsbürgermeister von Tröglitz, Markus Nierth (l.)

Die Geschäfte führt nun erstmal sein Stellvertreter, doch Nierth engagiert sich weiter - "als Privatmann" (Lesen Sie hier ein Interview.). Er sitzt auch im Publikum. Der Kreistag hat kurz nach seinem Rückzug beschlossen, dass 40 Flüchtlinge im Ort leben sollen, zwölf Wohnungen werden hergerichtet, es soll einen Sozialarbeiter und einen Wachdienst geben.

Götz Ulrich schaut hoch zu dem Mann auf dem ersten Rang, der noch immer die Arme vor der Brust verschränkt hat. 6,5 Millionen Euro habe der Burgenlandkreis im Budget 2015 für die Asylbewerber eingeplant, es könnten auch bis zu zehn Millionen angesichts der steigenden Flüchtlingszahlen werden. 173 Millionen Euro bringe der Kreis für Sozialhilfeempfänger auf. "Es trifft nicht zu, dass wir nichts für uns ausgeben", sagt der CDU-Mann. Lauter Applaus.

"Das halte ich nicht für undemokratisch"

Ulrich referiert viele Zahlen - es werden kritische Fragen gestellt, zur Sicherheit im Ort oder zu möglichen Jobs für Flüchtlinge. Schon anfangs stellt der CDU-Mann klar, er sei als Landrat wie auch der Kreistag von den Bürgern dafür gewählt worden, Entscheidungen wie die Unterbringung von Flüchtlingen zu treffen: "Das halte ich nicht für undemokratisch."

Bei kommenden Wahlen könnten die Menschen reagieren. Es ist ruhig im Saal, auch als der Landrat Fehler eingesteht: "Ich schließe nicht aus, dass ich und einige andere Verantwortliche im Vorfeld nicht ausreichend den Bewohnern zugehört haben."

Landrat Götz Ulrich (CDU) bei der Bürgerversammlung
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Landrat Götz Ulrich (CDU) bei der Bürgerversammlung

Doch zuhören wollen nicht alle. Als ein älterer Bewohner daran erinnert, dass es in Tröglitz nach dem Zweiten Weltkrieg 1600 Flüchtlinge gab und 4600 Einwohner gab, kommen Zwischenrufe - es ist die Ecke, wo der NPD-Mann sitzt: "Aber das waren Deutsche." Das stimme, sagt der Mann, "wir sollten aber heute Solidarität mit anderen Flüchtlingen weltweit üben". "Dann nimm du die doch zu Hause auf", ruft Thiel.

Thiel versucht die Versammlung als Bühne zu nutzen - und es gelingt ihm auch deshalb, weil sich die Unterstützer der Flüchtlinge nur selten zu Wort melden, Kritiker und seine Anhänger aber sehr wohl - und dazu gehört auch der Mann, der vom Rang runterpöbelte. Er steht mittlerweile unten im Saal bei Thiel. Dieser tritt selbst zweimal ans Mikrofon, ohne sich allerdings als NPD-Mitglied vorzustellen. Er sagt, er habe Eigentum in Tröglitz. Zum geplanten Wachdienst will Thiel wissen: "Wer wird da vor wem geschützt? Die Bürger vor den Asylbewerbern oder die Asylbewerber vor den Bürgern?"

Unterstützer halten sich lieber zurück

Landrat Ulrich sagt, der Sicherheitsdienst habe für Sicherheit zu sorgen. Er bleibt auch gelassen, als ein Rechtsextremist aus Thüringen, der bei einer der Anti-Flüchtlings-Demos von "begattungsfreudigen Afrikanern" gesprochen hat, laut brüllt, man solle nicht das "Sozialamt der Welt" sein. Kopfschütteln bei vielen Zuhörern.

Einen "Aufstand der Anständigen", wie ihn Ex-Bürgermeister Nierth bei seinem Rücktritt gefordert hat, gibt es an diesem Abend nicht - zumindest nicht laut. "Wir haben alle genug Probleme. Packen wir sie gemeinsam an", appelliert eine Frau. Die meisten Unterstützer, eine Mehrheit im Saal, halten sich lieber zurück. Einzig am Applaus lässt sich erahnen, wer auf welcher Seite steht - und an den 100 Unterschriften für die Tröglitzer Erklärung, die für ein "Miteinander und Füreinander" im Ort wirbt.

"Das ist leider das Bild auch im Ort, eine pöbelnde Minderheit, die die Stimmung prägt", sagt Nierth. Noch, ergänzt er. Denn es gebe Tröglitzer, die nicht nur schimpfen, sondern mithelfen wollen. Ab Mitte Mai sollen die ersten Flüchtlinge kommen, es sollen überwiegend Familien sein.

Zusammenfassung: In Tröglitz in Sachsen-Anhalt sollen 40 Flüchtlinge ab Mai in Wohnungen untergebracht werden. Landrat Götz Ulrich (CDU) informierte die Einwohner auf einer Bürgerversammlung über die Lage. 500 Menschen kamen, mit dabei auch Ex-Bürgermeister Markus Nierth (parteilos), der sich für die Asylbewerber engagiert. Vor drei Wochen war er zurückgetreten, nachdem NPD-Funktionär Steffen Thiel mit Bürgern vor dessen Haus demonstrieren wollten. Der Rechtsextremist war auch einer der Wortführer der Versammlung. Es gab Pöbeleien, doch der Abend blieb friedlich. Die Masse, vor allem Unterstützer der Flüchtlingsunterkunft, schwieg.

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