Polizei Feuer in Flüchtlingsheim Tröglitz wurde vorsätzlich gelegt

Im Mai sollten die ersten Flüchtlinge in die frisch renovierte Flüchtlingsunterkunft in Tröglitz einziehen: Jetzt brannte der Dachstuhl. Es war Brandstiftung, sagt die Polizei.


Das Feuer in dem geplanten Tröglitzer Flüchtlingsheim ist nach Erkenntnissen der Ermittler vorsätzlich gelegt worden. Eine oder mehrere Täter seien in der Nacht auf Samstag in das Wohnhaus eingebrochen und hätten dort Feuer gelegt, hieß es in einer Mitteilung der Polizei Sachsen-Anhalt Süd.

"Dabei wurde mit großer Wahrscheinlichkeit auch Brandbeschleuniger verwendet", heißt es weiter. Der ausgebaute Dachstuhl des Gebäudes war durch das Feuer zerstört worden. Die Polizei schätzt den Schaden auf eine sechsstellige Summe. Ab Mitte Mai sollten in dem Wohnhaus 40 Flüchtlinge untergebracht werden.

Eine politisch motivierte Tat könne nicht ausgeschlossen werden, sagte Staatsanwalt Jörg Wilkmann am Samstag in Halle. Es handle sich um eine gemeingefährliche Straftat schlimmster Art. Auch eine versuchte Tötung könne nicht ausgeschlossen werden, sagte er. Die zwei Bewohner, eine 50-jährige Frau und ein 52-jähriger Mann, die noch in dem Haus wohnten, konnten sich unverletzt in Sicherheit bringen. Eine Anwohnerin hatte sie am frühen Samstagmorgen gewarnt. Das Landeskriminalamt (LKA) und die Polizeidirektion Sachsen-Anhalt Süd haben eine Ermittlungsgruppe gebildet, der Staatsschutz ermittelt.

Ein NPD-Funktionär hatte seit Januar jede Woche sonntags mit Gegnern der Unterkunft Tröglitz gegen die geplante Aufnahme der Asylbewerber protestiert. Der ehemalige Ortsbürgermeister Markus Nierth engagiert sich für die Flüchtlinge. Er war Anfang März zurückgetreten, weil Rechtsextreme vor seinem Haus demonstrieren wollten. Nierth fühlte sich und seine Familie nicht ausreichend geschützt, von Behörden und Politik im Stich gelassen.

Der zurückgetretene Ortsbürgermeister von Tröglitz, Markus Nierth: "Die Wut hier ist groß. Viele Menschen sind entsetzt"
DPA

Der zurückgetretene Ortsbürgermeister von Tröglitz, Markus Nierth: "Die Wut hier ist groß. Viele Menschen sind entsetzt"

Er hatte mit Unterstützern an Sonntagen zu Friedensgebeten in die Kirche eingeladen. Mittlerweile hat er mit anderen eine Bürgerinitiative gegründet, die für ein Miteinander in Tröglitz wirbt. "Das ist fürchterlich, ich bin traurig", sagt Nierth jetzt über den Brandanschlag. "Die Wut hier ist groß. Viele Menschen sind entsetzt, sie wissen ganz genau, was das Feuer für den Ruf unser Stadt bedeutet. Ich gehe von Brandstiftung aus - wenn das sich bewahrheitet, ist das eine Schmach für Tröglitz, die uns nun mit Mölln und Hoyerswerda in eine Reihe bringt."

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Tröglitz: Feuer in künftiger Flüchtlingsunterkunft
Nierth rief die Tröglitzer auf, nun Wohnraum zur Verfügung zu stellen: "Wir müssen jetzt erst recht Einsatz zeigen und Unterkünfte für die Flüchtlinge anbieten. Ich stelle 150 Quadratmeter zur Verfügung." Er hoffe, dass noch mehr Bürger sich beteiligen werden. Ob es Asylbewerbern zuzumuten sei, jetzt in die Stadt zu kommen? "Ich denke ja, ich glaube, das war eine feige Bande." Es habe schon länger Befürchtungen im Ort gegeben, dass das Haus angezündet werden könnte.

Ministerpräsident Reiner Haseloff (CDU) sprach laut MDR von einem "gemeinen Verbrechen". "Hier geht es um unsere Demokratie. Wir weichen keinen Schritt zurück." Eine "beschämende Tat", twitterte Bundesjustizminister Heiko Maas (SPD). Bundesinnenminister Thomas de Maizière (CDU) sagte: "Im Moment spricht alles dafür, dass es sich bei den Ereignissen in Tröglitz um vorsätzliche Brandstiftung gehandelt hat. Wenn sich das tatsächlich bestätigen sollte, ist das eine abscheuliche Tat, die unverzüglich aufgeklärt werden muss. Die Täter gehören hinter Schloss und Riegel."

Das beschädigte Gebäude liegt nur wenige Meter entfernt von Geschäften, von Schule und Kindergarten mitten in Tröglitz. Es stand mehrere Jahre überwiegend leer - wie mehrere Wohnblöcke in dem Ort.

Die Bürgerinitiative hat für 17 Uhr zu einer Demonstration und Lichterkette auf dem Friedensplatz in Tröglitz aufgerufen. "Es wird Zeit, Gesicht zu zeigen!!!", heißt es in einem Aufruf auf Facebook.

heb/dpa

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