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Verdacht auf Brandstiftung in Flüchtlingsheim: "Eine Schmach für Tröglitz"

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Tröglitz: Feuer in künftiger Flüchtlingsunterkunft Fotos
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In Tröglitz in Sachsen-Anhalt ist das Dach der künftigen Flüchtlingsunterkunft in Flammen aufgegangen. Der Verdacht: Brandstiftung. Der wegen NPD-Drohungen zurückgetretene Bürgermeister Nierth will Asylbewerber nun privat unterbringen.

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Wo noch vor einem Tag rote Ziegel leuchteten, ragt jetzt nur noch ein schwarzes Balkengerippe in den Himmel: Das Dach des hell gestrichenen Hauses in der Ernst-Thälmann-Straße ist zerstört. In dem Gebäude sollten ab Mitte Mai 40 Flüchtlinge, überwiegend Familien, untergebracht werden. Das hatte der Landrat Götz Ulrich (CDU) angekündigt.

Doch nun ist die geplante Flüchtlingsunterkunft unbewohnbar. In der Nacht zum Samstag hat es in dem Gebäude gebrannt, die Flammen haben sich durch den Dachstuhl gefressen. Die Polizei spricht von einem sechsstelligen Schaden.

Nach dem Feuer zeigt sich der ehemalige Ortsbürgermeister Markus Nierth erschüttert: "Das ist fürchterlich, ich bin traurig. Die Wut hier ist groß. Viele Menschen sind entsetzt, sie wissen ganz genau, was das Feuer für den Ruf unser Stadt bedeutet", sagte er SPIEGEL ONLINE. "Ich gehe von Brandstiftung aus - wenn das sich bewahrheitet, ist das eine Schmach für Tröglitz, die uns nun mit Mölln und Hoyerswerda in eine Reihe bringt."

Ex-Bürgermeister von Tröglitz, Markus Nierth: "Ich gehe von Brandstiftung aus" Zur Großansicht
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Ex-Bürgermeister von Tröglitz, Markus Nierth: "Ich gehe von Brandstiftung aus"

Nierth rief die Tröglitzer auf, nun Wohnraum zur Verfügung zu stellen: "Wir müssen jetzt erst recht Einsatz zeigen und Unterkünfte für die Flüchtlinge anbieten. Ich stelle 150 Quadratmeter zur Verfügung." Er hoffe, dass noch mehr Bürger sich beteiligen werden. Ob es Asylbewerbern zuzumuten sei, jetzt in die Stadt zu kommen? "Ich denke ja, ich glaube, das war eine feige Bande." Es habe schon länger Befürchtungen im Ort gegeben, dass das Haus angezündet werden könnte.

Das Gebäude, in dem zuletzt noch zwei Bewohner zur Miete wohnten, liegt nur wenige Meter entfernt von Geschäften, von Schule und Kindergarten mitten in Tröglitz. Es stand mehrere Jahre überwiegend leer - wie mehrere Wohnblöcke in dem Ort. Gegen zwei Uhr am Samstagmorgen war das Feuer laut Polizei bemerkt worden. Die zwei Bewohner, eine 50-jährige Frau und ein 52-jähriger Mann, konnten sich unverletzt in Sicherheit bringen, nachdem eine Anwohnerin sie gewarnt hatte. Das erst vor Kurzem neu gemachte Dach des Gebäudes wurde durch die Flammen komplett zerstört.

Die Polizei ermittelt wegen des Verdachts auf schwere Brandstiftung. Wie der für Tröglitz zuständige Beamte Jörg Bethmann SPIEGEL ONLINE sagte, seien Brandermittler vor Ort. Zudem ermittelten das Landeskriminalamt (LKA) und der Staatsschutz.

Bürgerversammlung in Tröglitz mit Landrat Götz Ulrich :  500 Anwohner kamen Zur Großansicht
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Bürgerversammlung in Tröglitz mit Landrat Götz Ulrich: 500 Anwohner kamen

Bundesjustizminister Heiko Maas (SPD) äußerte sich auf Twitter: "Schlimmer Verdacht nach Brand in #Troeglitz macht fassungslos. Wir müssen weiter deutlich machen: Flüchtlinge sind bei uns willkommen!"

Am Mittag um 13 Uhr wollen Polizei, Staatsanwaltschaft mit dem Landrat, Ministerpräsident Reiner Haseloff (CDU) und Innenminister Holger Stahlknecht (CDU) eine Pressekonferenz in Halle geben. Landrat Ulrich: "Wir müssen jetzt erst einmal klären, wie es zu dem Feuer gekommen ist. Wir sind alle schockiert." Er sprach von dem "Unfassbarsten", was geschehen konnte. "Für mich ist auf jeden Fall klar, dass der Brand kein Anlass ist, von der dezentralen Unterbringung der Flüchtlinge im Burgenlandkreis abzuweichen - auch nicht in Tröglitz."

Ein Anwohner, der neben dem Haus wohnt, berichtete SPIEGEL ONLINE, dass sich die Flammen im Dachbereich schnell nach rechts und links ausgebreitet hätten. Er vermutet wie der Ex-Bürgermeister Nierth ebenfalls Brandstiftung als Ursache.

"Die meisten Tröglitzer sind freundlich"

Tröglitz war bundesweit bekannt geworden, weil Nierth vor rund vier Wochen zurücktreten war (Lesen Sie hier ein Interview mit ihm). Der parteilose Politiker hatte sich seit Monaten für die neue Asylbewerberunterkunft eingesetzt, bis Bürger und NPD vor seine Haustür ziehen wollten. Wochenlang hatte es zuvor unter der Führung des rechtsextremen Funktionärs Steffen Thiel Protestzüge durch den Ort gegen die neue Unterkunft gegeben. Er fühle sich alleingelassen von Behörden und vielen Mitbürgern, teilte Nierth mit, und kritisierte eine "schweigende Mitte". Das Entsetzen bundesweit war groß, auch weil er Morddrohungen erhielt. Der 46-Jährige engagiert sich weiter für die Asylbewerber.

Nierth nahm wie rund weitere 500 Bürger an einer Versammlung am Dienstagabend teil, auf der Landrat Ulrich über die neue Flüchtlingsunterkunft informierte. Auf der Bürgerversammlung kam es auch zu Pöbeleien. Viele der Anwesenden schwiegen, Mitgefühl und Solidarität mit den Flüchtlingen wurde nur selten laut geäußert (Lesen Sie hier den Bericht von vor Ort). "Viele haben sich später geärgert, dass sie sich nicht zu Wort gemeldet haben. Die meisten Tröglitzer sind freundlich. Wir sind kein brauner Ort, auch wenn es scheint, als sei die braune Saat aufgegangen", sagte Nierth. Er hat zusammen mit Pfarrer Matthias Keilholz eine Bürgerinitiative ins Leben gerufen, sie wirbt für ein Willkommen der Flüchtlinge.

Am Nachmittag wollen der Landrat und der Innenminister das schwer beschädigte Wohnhaus in Tröglitz besuchen. Für 17 Uhr hat Nierth zu einer Kundgebung für ein Miteinander im Ort aufgerufen.

Zusammenfassung: In einer künftigen Flüchtlingsunterkunft in Tröglitz in Sachsen-Anhalt hat es am frühen Samstagmorgen gebrannt. Das Dachgeschoss des Wohnhauses wurde durch das Feuer schwer beschädigt, die Polizei spricht von einem Schaden im sechsstelligen Bereich. Die Ursache ist unklar, die Polizei ermittelt wegen des Verdachts auf schwere Brandstiftung. Zwei Bewohner, die in dem Gebäude noch zur Miete wohnten, konnten sich unverletzt retten. Ex-Bürgermeister Markus Nierth, der sich für die Asylbewerber engagiert und wegen NPD-Drohungen zurückgetreten war, spricht von einer "Schmach für Tröglitz".

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