Armenien-Resolution Türkei ruft Botschafter aus Berlin zurück

Die Armenien-Resolution des Bundestags hat Konsequenzen: Die Türkei ruft ihren Botschafter aus Berlin zurück. Der Vertreter der deutschen Botschaft in Ankara wurde außerdem zum Gespräch einbestellt.

Hüseyin Avni Karslioglu
DPA

Hüseyin Avni Karslioglu


Die türkische Regierung hat ihren Botschafter aus Berlin zurückbeordert. Das gab das Außenministerium in Ankara kurz nach der Abstimmung im Bundestag über die Resolution bekannt, welche die Vertreibung und Ermordung von bis zu 1,5 Millionen Armeniern durch das Osmanische Reich als Völkermord bezeichnet.

Botschafter Hüseyin Avni Karslioglu werde noch am Donnerstagnachmittag ins Flugzeug nach Ankara steigen, meldete die regierungsnahe Zeitung "Yeni Safak" auf ihrer Internetseite. Nach Informationen der Nachrichtenagentur AFP wurde der Geschäftsträger der deutschen Botschaft in Ankara von der türkischen Regierung zum Gespräch einbestellt. Der deutsche Botschafter Martin Erdmann hält sich demnach derzeit nicht in der türkischen Hauptstadt auf.

Die türkische Regierung erklärte die Resolution in einer ersten Reaktion nach der Abstimmung für "null und nichtig". Das deutsche Parlament habe die Massaker an den Armeniern im Ersten Weltkrieg auf der Grundlage "verzerrter und gegenstandsloser Unterstellungen" als Völkermord eingestuft und damit einen "historischen Fehler" gemacht, schrieb Regierungssprecher Numan Kurtulmus auf Twitter.

Von der Bundesregierung war der Abzug des Botschafters erwartet und als hinnehmbar angesehen worden. Ankara hätte auch erst den deutschen Botschafter in der Türkei einbestellen können, aber offenbar war das der Regierung als Signal zu wenig. Bereits in der Vergangenheit hatte die Türkei häufiger kurzfristig Botschafter aus jenen Ländern abgezogen, die das Massaker in Armenien als Völkermord bezeichnet hatten.

Die Südkaukasusrepublik Armenien begrüßte die Resolution des Bundestags als wertvollen Beitrag in der internationalen Debatte. "Während Deutschland und Österreich als frühere Verbündete des Osmanischen Reiches ihren Teil der Verantwortung anerkennen, leugnen die türkischen Behörden den unwiderlegbaren Fakt des Völkermords beharrlich", sagte Außenminister Edward Nalbandian. Die internationale Gemeinschaft warte "seit 101 Jahren darauf, dass sich die Türkei ihrer eigenen Geschichte stellt", so Nalbandian.

Bundeskanzlerin Angela Merkel hat nach der Abstimmung im Bundestag die engen Verbindungen zwischen Deutschland und der Türkei betont. Auch wenn man in einer Frage unterschiedlicher Meinung sei, so seien doch die freundschaftlichen und strategischen Beziehungen gut, sagte die Kanzlerin. Die Bundesregierung wolle den Dialog zwischen der Türkei und Armenien fördern.

jat/brk/cht/AFP/Reuters



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