Türkischer Spion in Deutschland Vogel ohne Kopf

Ein mutmaßlicher Mitarbeiter des türkischen Geheimdienstes MIT redet sich in seinem Prozess um Kopf und Kragen. Ob er auch geplant hatte, kurdische Politiker zu ermorden, bleibt im Dunkeln.

Angeklagter Fatih S. (r.)
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Angeklagter Fatih S. (r.)

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Fatih S. hat auf den ersten Blick nicht viel von einem professionellen Geheimdienstagenten. Von Zurückhaltung und Verschwiegenheit jedenfalls keine Spur. Der Angeklagte hangelt sich gleich in den ersten Tagen im besonders gesicherten Saal 288 des Hanseatischen Oberlandesgerichts in Hamburg von Erklärung zu Erklärung. Manchmal muss ihn die Vorsitzende Richterin zügeln, vielleicht sogar zu seinem eigenen Schutz. Seinen Verteidiger Marvin Schroth jedenfalls hat er zum Schweigen verdammt, er will selbst sprechen.

Die Verhandlung ist erst angelaufen, da präsentiert Fatih S. den Richtern eine dritte Version der Wahrheit, nachdem er in den Monaten zuvor in Befragungen durch das Bundesamt für Migration und Flüchtlinge (Bamf) und dem Bundeskriminalamt (BKA) bereits Versionen eins und zwei kundgetan hatte. Version eins lautete: Er habe im Auftrag des türkischen Geheimdienstes MIT kurdische Politiker in Deutschland ausgespäht und, ja, es sei auch um Mordpläne gegangen.

Version zwei: Es war nicht der MIT, der ihn beauftragt habe, sondern die Bewegung des islamistischen Predigers Fethullah Gülen. Von Mordplänen war nicht mehr die Rede. Und nun Version drei: Es waren in Wirklichkeit Beamte einer Anti-Terroreinheit, denen er in Ankara von den deutschen Kurden erzählt haben will.

Es sind nicht die einzigen Widersprüche in diesen Tagen.

Obwohl die Verhandlung manchmal tragisch-komische Momente hat, ist ihr Anlass ernst: Der Generalbundesanwalt wirft Fatih S. eine geheimdienstliche Tätigkeit gegen die Bundesrepublik vor. Er soll seit 2013 Mitarbeiter des türkischen Nachrichtendienstes MIT sein. Spätestens im Herbst 2015 soll er den Auftrag erhalten haben, die kurdische Szene in Deutschland auszuforschen. 30.000 Euro Lohn seien ihm dafür bezahlt worden.

Mit dem Hamburger Prozess erreichen die politischen Spannungen zwischen Deutschland und der Türkei nun auch die deutsche Justiz. Agenten des türkischen Geheimdienstes sind nach Einschätzung der Sicherheitsbehörden schon lange in Deutschland aktiv. Vermutlich nicht 6000, wie manchmal spekuliert wird, aber eine niedrige dreistellige Zahl halten Experten für realistisch. Zuletzt machten Spionagelisten von Imamen des Moscheevereins Ditib Schlagzeilen. Beim Generalbundesanwalt laufen derzeit gegen knapp 20 Beschuldigte Verfahren wegen des Verdachts der Agententätigkeit für die Türkei, die meisten gegen Geistliche.

Angeklagter gab sich als Reporter aus

Am zweiten Verhandlungstag ist Yüksel Koç als Zeuge geladen. Für ihn hatte sich Fatih S. besonders interessiert. Als Co-Vorsitzender des Kongresses der kurdisch-demokratischen Gesellschaft Kurdistans in Europa vertritt Koç einen Großteil der Exilkurden in 437 Mitgliedsverbänden, auch Japan, Kanada und Australien gehören dazu.

Fatih S. hatte als Reporter des kurdischen Senders Denge TV 2014 mit Koç Kontakt aufgenommen. Koç habe sich darüber gefreut, wie er vor Gericht nun sagt, er habe den vermeintlichen Reporter zum Interview in seine Wohnung eingeladen. Gewundert habe er sich erst, als Fatih S. danach wie eine Klette an ihm hängen blieb. Mehrmals in der Woche habe er angerufen, Koç sagt, er habe irgendwann nicht mehr abgenommen.

Auf den wahren Grund der Kontaktaufnahme kam Koç erst im vergangenen Jahr, als sich die Assistentin und mutmaßliche Geliebte des Reporters über einen Journalisten an ihn gewandt habe. Sie hatte Fotos bei Fatih S. gefunden und handschriftliche Aufzeichnungen. Als sie ihn damit konfrontierte, habe Fatih S., so sagte es zumindest die Frau in ihrer Vernehmung, zugegeben, für den MIT zu arbeiten. Er habe ihr dann angeboten, das Gleiche zu tun, für 5000 Euro im Monat. Sie habe abgelehnt.

Die Qualität der handschriftlichen Notizen war durchwachsen. Themen und Termine von kurdischen Organisationen standen darin, die man auch im Internet nachlesen konnte. Andere Notizen enthielten Fehler. Koç war nicht nach Toulouse gereist, wie es hieß, sondern nach Marseille. Andere Details waren richtig, auch sehr private wie die anstehende Hochzeit von Yüksel Koçs Sohn. Dass Fatih S. vorgehabt habe, Koç zu ermorden, konnte die Assistentin nicht bestätigen. Den Mordvorwurf haben die Bundesanwälte unter anderem deshalb nicht in die Anklage aufgenommen.

"Hier wohnt die Person, die wir im Visier haben"

Das wiederum hält Yüksel Koç für eine Nachlässigkeit. Er dürfe hier nicht als Zeuge sitzen, sondern müsste eigentlich Nebenkläger sein, sagte er der Vorsitzenden Richterin. Und dann erzählt er, warum er glaubt, auf einer Todesliste des türkischen Präsidenten Recep Tayyip Erdogan zu stehen.

Das habe ihm im Mai vergangenen Jahres ein Mitarbeiter des türkischen Geheimdienstes verraten, der sich ihm anvertraut habe. Drei Teams aus jeweils drei Leuten, so habe es der Mann erzählt, seien in Deutschland unterwegs, um Kurden zu töten. Obwohl er den Namen des Informanten weiß, hält sich Koç an seine Zusage, diesen nicht zu offenbaren.

Der Kurdenfunktionär führt noch andere Belege auf. Er liest eine Nachricht vom 28. Juni 2016 vor, die ihn über Facebook erreicht habe. Ebenfalls eine handschriftliche Notiz, womöglich auch von Fatih S.: "Wenn Yüksel Koç sterben soll", steht darin, "dann müssen wir mit dem Team im Dauerkontakt stehen und alles genau besprechen".

Erst kürzlich habe jemand einen Vogel mit abgeschlagenem Kopf vor seine Tür gelegt, sagt Koç, ein klares Warnsignal. Und seine Hauswand sei beschmiert worden, sinngemäß mit den Worten: "Hier wohnt die Person, die wir im Visier haben."

Es klingt nach einem bedrohlichen Szenario, das erst erschüttert wird, als Fatih. S. dann doch seinen Verteidiger ein paar Fragen stellen lässt. Bei all diesen Bedrohungen, fragt der Anwalt den Zeugen Koç, wechsele er doch sicher ab und an seine Telefonnummer. Yüksel Koç muss kurz überlegen. Nein, er habe sie noch nie gewechselt. Der Prozess wird am 21. September fortgesetzt.



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ntfl 10.09.2017
1. Eines jedenfalls
scheint er mit seinem Präsidenten an Gemeinsamkeit zu haben: er labert viel Zeug und Logisches und Überprüfbares ist nicht dabei!
frenchie3 10.09.2017
2. Entweder dieser Spion
ist ein Meister der Verwirrungsstiftung oder nur ein dämlicher Amateur. Viel Spaß beim rausfinden. Was wohl als Strafe dabei rauskommt? Na, mindestens eine Standpauke von Erdo, so wegen nazimäßiger Unrechtsjustiz. Aber daß für/durch (?) diesen komischen Vogel ein echter Vogel getötet wurde, daß nehme ich übel
conrath 10.09.2017
3. Märchen aus 1001
Ein Hütchenspieler der ein Verwirrspiel nach orientalischem Muster auflegt und nichts davon ist wahr. Durch Fakten widerlegen. Sonst ist es nur Zeitverschwendung.
Atheist_Crusader 10.09.2017
4.
Ich bin ja für Version zwei: Gülen. Es ist immer Gülen. Wenn es nicht gerade die Kurden sind. Aber wahrscheinlich auch dann. Wenn man der türkischen Regierung glauben kann, dann ist der Kerl ein kriminelles Meistergenie gegen den sich sämtliche James-Bond-Bösewichte wie inkompetente Kleinkinder ausnehmen, ein Manipulator mit gottartigen Fähigkeiten der den halben Globus um den Finger gewickelt und gegen die Türkei aufhetzt. Da man der türkischen Reigerung aber erwiesenermaßen NICHT glauben kann, könnte er das Ganze für uns zumindest interessanter gestatlen, indem er seinen Namen auf "Emanuel Goldstein" ändern lässt. Zugegeben, der durchschnittlich verdummte AKP-Anhänger wird die Referenz wohl nicht mitbekommen, aber für alle Anderen würde es die Sache zumindest unterhaltsamer gestalten.
deathmetalfoehn 10.09.2017
5.
Natürlich sind türkische Agenten in D tätig, das wird schon dadurch wahrscheinlich, dass es hier eine große türkische Community gibt, so dass sich Agenten locker einschleußen lassen. Und es gibt ein reiches Betätigungsfeld: Gülen-Anhänger und andere Erdogan-Gegner, Kurden, Armenier. Und dann sind da ja auch noch deutsche Politiker, die nicht so wollen wie Erdogan. Es gibt hier also viel auszuspäen und sonstige Dinge anzustellen. Also: viele Agenten. Aber ob dieser Dilettant dazugehört? Fraglich. (Andererseits: "Wie der Herr, so's Gescherr", nicht wahr? Erdogan agiert ja auch eher dilettantisch.)
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