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17. April 2017, 12:11 Uhr

Präsidialverfassung

Das merkwürdige Wahlverhalten der Deutschtürken

Ein Kommentar von

Eine deutliche Mehrheit der türkischen Wähler in der Bundesrepublik hat für Erdogans Präsidialsystem gestimmt - viele aus Trotz gegenüber Deutschland. Das zeigt, dass sie noch lange nicht angekommen sind.

Es tut weh, so etwas sagen zu müssen, aber man kann nicht für ein autokratisches System sein, für die Todesstrafe, für die Inhaftierung von kritischen Journalisten, für das Einsperren von politischen Konkurrenten, und sich dann beschweren, in Deutschland nicht als Deutsche akzeptiert zu werden. Das geht nicht. Da ist Integration gescheitert, und die Schuld liegt nicht nur bei Deutschland.

Eine klare Mehrheit der türkischen Wähler in Deutschland hat für ein Ja zu Erdogans autokratischem Präsidialsystem gestimmt. In der Türkei selbst war das Ergebnis knapp, so knapp sogar, dass am Ende die Stimmen der Türken im Ausland entscheidend gewesen sein können. Man kann also sagen: Obwohl diese Menschen in Demokratien leben, in Freiheit und Sicherheit, haben sie für eine Abschaffung der Demokratie in der Türkei gestimmt.

Interessanterweise werfen mir viele Deutschtürken jetzt vor, ich wolle doch nur "den Deutschen gefallen", weil ich Erdogan kritisiere. Ich erhalte derzeit Hunderte solcher E-Mails. Sie verkennen: Ich bin Deutscher. Sie stellen mein Deutschsein genauso wie die AfD und andere Rechtsextreme in Abrede und offenbaren dabei ihr größtes Problem: Nämlich dass sie zwar immer behaupten, sie seien Türken und Deutsche, dass sie sich aber nie wirklich als Deutsche fühlen, ihr Deutschsein nicht für sich beanspruchen und durchsetzen.

Und zwar gegen jene, die ihnen immer sagen, sie seien "Gastarbeiter" oder "Migranten" und sollten doch "dahin zurückgehen, wo ihr herkommt". Ihnen sollten sie selbstbewusst entgegenhalten: Wir sind auch Deutsche, wir gestalten mit, wir bestimmen mit, wir prägen die deutsche - unsere - Gesellschaft, denn wir mögen Deutschland, auch wenn es nicht perfekt ist. Es gibt in Deutschland vieles zu kritisieren, und das tun wir. Aber wir schätzen die Demokratie und dass wir überhaupt die Möglichkeit haben zu kritisieren, ohne dafür im Gefängnis zu landen.

Stattdessen stimmten sie für die Autokratie in der Türkei. Das muss man sich vorstellen: Istanbul, Ankara, Izmir votierten mit Nein - hingegen Berlin, Hamburg, München, ja alle 13 Städte in Deutschland, in denen die Wahlberechtigten ihre Stimmzettel abgeben konnten, mit Ja.

Sehr viele erzählen mir, sie hätten sich für das Präsidialsystem entschieden, weil sie sich in Deutschland schlecht behandelt fühlten. Und weil sie wüssten, wie kritisch die Mehrheit der Deutschen Erdogan und seine Pläne sieht, hätten sie für ein Ja gestimmt. Man muss sich diese Argumentation anhören. Man muss zur Kenntnis nehmen, dass die fehlende Willkommenskultur dazu beigetragen hat, dass selbst Menschen, die ihr ganzes Leben in Deutschland verbracht haben, die hier geboren sind, sich dennoch fremd fühlen. Man sollte über neue Bemühungen zur Integration nachdenken.

Aber Verständnis für die merkwürdigen Einstellungen vieler Deutschtürken, für ihr trotziges Wahlverhalten muss man, bei allem Respekt, nicht haben. Sie haben sich in den eigenen Fuß geschossen, um sich zu rächen. Das ist schon eine ziemlich seltsame Denkweise.

Am Ende schaden sie sich damit selbst. Denn nun müssen sie sich mehr denn je für ihre politischen Einstellungen rechtfertigen. Sie bringen all jene, die mit Nein gestimmt haben, in die Verlegenheit, sich ebenfalls verteidigen zu müssen. Dabei gibt es da kaum etwas zu rechtfertigen und zu verteidigen. Dennoch versuchen einige, für diese Haltung Verständnis aufzubringen - Leute, denen das bei der AfD nie einfallen würde.

Warum sie als Demokraten, die sie sein wollen, Rechtsextreme - zu Recht - kritisieren, aber einem islamistischen Autokraten Entgegenkommen zeigen und warum sie den Menschen in der Türkei in den Rücken fallen - denn das Ja-Lager hat nur unter großem finanziellen und personellen Aufwand und mit massiver Unterdrückung seiner Gegner sehr knapp gewonnen -, das bleibt ihr Rätsel.

Aber diese Fragen, da müssen wir nun alle durch, sollten sie schon beantworten.

Im Video: Außenminister Gabriel fordert "neue Gesprächsformate"

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