Präsidialverfassung Das merkwürdige Wahlverhalten der Deutschtürken

Eine deutliche Mehrheit der türkischen Wähler in der Bundesrepublik hat für Erdogans Präsidialsystem gestimmt - viele aus Trotz gegenüber Deutschland. Das zeigt, dass sie noch lange nicht angekommen sind.

Erdogan-Anhängerinnen in Berlin
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Erdogan-Anhängerinnen in Berlin

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Es tut weh, so etwas sagen zu müssen, aber man kann nicht für ein autokratisches System sein, für die Todesstrafe, für die Inhaftierung von kritischen Journalisten, für das Einsperren von politischen Konkurrenten, und sich dann beschweren, in Deutschland nicht als Deutsche akzeptiert zu werden. Das geht nicht. Da ist Integration gescheitert, und die Schuld liegt nicht nur bei Deutschland.

Eine klare Mehrheit der türkischen Wähler in Deutschland hat für ein Ja zu Erdogans autokratischem Präsidialsystem gestimmt. In der Türkei selbst war das Ergebnis knapp, so knapp sogar, dass am Ende die Stimmen der Türken im Ausland entscheidend gewesen sein können. Man kann also sagen: Obwohl diese Menschen in Demokratien leben, in Freiheit und Sicherheit, haben sie für eine Abschaffung der Demokratie in der Türkei gestimmt.

Interessanterweise werfen mir viele Deutschtürken jetzt vor, ich wolle doch nur "den Deutschen gefallen", weil ich Erdogan kritisiere. Ich erhalte derzeit Hunderte solcher E-Mails. Sie verkennen: Ich bin Deutscher. Sie stellen mein Deutschsein genauso wie die AfD und andere Rechtsextreme in Abrede und offenbaren dabei ihr größtes Problem: Nämlich dass sie zwar immer behaupten, sie seien Türken und Deutsche, dass sie sich aber nie wirklich als Deutsche fühlen, ihr Deutschsein nicht für sich beanspruchen und durchsetzen.

Und zwar gegen jene, die ihnen immer sagen, sie seien "Gastarbeiter" oder "Migranten" und sollten doch "dahin zurückgehen, wo ihr herkommt". Ihnen sollten sie selbstbewusst entgegenhalten: Wir sind auch Deutsche, wir gestalten mit, wir bestimmen mit, wir prägen die deutsche - unsere - Gesellschaft, denn wir mögen Deutschland, auch wenn es nicht perfekt ist. Es gibt in Deutschland vieles zu kritisieren, und das tun wir. Aber wir schätzen die Demokratie und dass wir überhaupt die Möglichkeit haben zu kritisieren, ohne dafür im Gefängnis zu landen.

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Stattdessen stimmten sie für die Autokratie in der Türkei. Das muss man sich vorstellen: Istanbul, Ankara, Izmir votierten mit Nein - hingegen Berlin, Hamburg, München, ja alle 13 Städte in Deutschland, in denen die Wahlberechtigten ihre Stimmzettel abgeben konnten, mit Ja.

Sehr viele erzählen mir, sie hätten sich für das Präsidialsystem entschieden, weil sie sich in Deutschland schlecht behandelt fühlten. Und weil sie wüssten, wie kritisch die Mehrheit der Deutschen Erdogan und seine Pläne sieht, hätten sie für ein Ja gestimmt. Man muss sich diese Argumentation anhören. Man muss zur Kenntnis nehmen, dass die fehlende Willkommenskultur dazu beigetragen hat, dass selbst Menschen, die ihr ganzes Leben in Deutschland verbracht haben, die hier geboren sind, sich dennoch fremd fühlen. Man sollte über neue Bemühungen zur Integration nachdenken.

Aber Verständnis für die merkwürdigen Einstellungen vieler Deutschtürken, für ihr trotziges Wahlverhalten muss man, bei allem Respekt, nicht haben. Sie haben sich in den eigenen Fuß geschossen, um sich zu rächen. Das ist schon eine ziemlich seltsame Denkweise.

Am Ende schaden sie sich damit selbst. Denn nun müssen sie sich mehr denn je für ihre politischen Einstellungen rechtfertigen. Sie bringen all jene, die mit Nein gestimmt haben, in die Verlegenheit, sich ebenfalls verteidigen zu müssen. Dabei gibt es da kaum etwas zu rechtfertigen und zu verteidigen. Dennoch versuchen einige, für diese Haltung Verständnis aufzubringen - Leute, denen das bei der AfD nie einfallen würde.

Warum sie als Demokraten, die sie sein wollen, Rechtsextreme - zu Recht - kritisieren, aber einem islamistischen Autokraten Entgegenkommen zeigen und warum sie den Menschen in der Türkei in den Rücken fallen - denn das Ja-Lager hat nur unter großem finanziellen und personellen Aufwand und mit massiver Unterdrückung seiner Gegner sehr knapp gewonnen -, das bleibt ihr Rätsel.

Aber diese Fragen, da müssen wir nun alle durch, sollten sie schon beantworten.

Im Video: Außenminister Gabriel fordert "neue Gesprächsformate"



Forum - Diskussion über diesen Artikel
insgesamt 1296 Beiträge
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Seite 1
spon_2937981 17.04.2017
1. Protestwähler
Vielleicht dämmert es ja irgendwann auch dem blödesten Protestwähler, es er anrichten kann... (Erdogan, Trump, Brexit, vll noch Le Pen). Allein, mir fehlt der Glaube...
Trust 17.04.2017
2. Einfache Variante
Das Ergebnis als Folge eines Integrationsfails darzustellen ist die einfache Variante. Es gibt nunmal viele Deutschtürken, die verbunden sind mit ihrer ehemaligen Heimat. Das bedeutet noch lange nicht, dass man Deutschland nicht mag/ hier nicht "angekommen" ist. Und wenn man sieht, was für ein Erdogan-bashing hier omnipräsent ist, hat man mit der Wahl nun DIE Gelegenheit gehabt, all diesen Möchtegern-Politik-Experten die Meinung zu sagen, die ja so viel bessere Menschen sind und die Demokratie 1A leben. Man kann es sich einfach und schönreden, so ist das aber nicht.
defeatdevice 17.04.2017
3.
guter Artikel
torflut 17.04.2017
4. so ist es!
Danke für diesen Beitrag!
caty24 17.04.2017
5. Glaube an die Zahlen nicht.Es wurde manipuliert was da Zeug hält
Erst wenn die Oposition die Niederlage zugibt und nach nochmaliger Auszählung,kann man sicher sein.
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