Türken und Ehescheidungen "Ich werde es Dir zeigen"

Die Angst vor der Rache ihrer Männer beherrscht das Leben vieler geschiedener Türkinnen und Muslima in Deutschland. Dass auch Helfer vor Übergriffen nicht sicher sind, musste die Berliner Anwältin und Publizistin Seyran Ates nach einem Gerichtstermin erleben.

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Berlin  - Seyran Ates ist froh, dass sie eine Überwachungskamera an der Tür ihrer Berliner Kanzlei hat. Nach einer Nacht, in der das Schlafen schwer war, sitzt die Berliner Anwältin in ihrer Kanzlei und wiederholt immer wieder, was der Mann ihr Tags zuvor zugebrüllt hat - als mache das ständige Aufsagen die Beleidigungen erträglicher: Schlimmste Beschimpfungen waren das, weit unter der Gürtellinie.

Anwältin Ates: "Ich bin ziemlich ruhig geblieben"
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Anwältin Ates: "Ich bin ziemlich ruhig geblieben"

Ates ist Anwältin, Autorin und Schriftstellerin. Vom Deutschen Staatsbürgerinnen-Verband wurde sie zur "Frau des Jahres 2005" gewählt. Sie ist eine Frau, die schonunsglos die Missstände in der türkischen Community benennt. Das hat die 42-Jährige bekannt gemacht, immer wieder tauchte  in den vergangenen Monaten in den Feuilletons ihr Name auf, wenn über Migration und "Ehrenmorde" debattiert wurde. Ates ist eine resolute Frau, sie scheut die Auseinandersetzung nicht, sie wird öffentlich angefeindet, aber was sie am Mittwoch dieser Woche in Berlin Kreuzberg erlebte, das hat auch sie mitgenommen. Da musste sie am eigenen Körper erleben, was viele ihrer Mandantinnen täglich erfahren müssen - die Rache frustrierter, verlassener türkischer Ehemänner.

Nach einem Scheidungstermin hatte sie zusammen mit Ayse O.* und deren Freundin das Gerichtsgebäude nahe der U-Bahn Haltestelle Möckernbrücke verlassen. Auf einer Zwischenplattform des Bahnhofs rannte plötzlich Mehmet O.* auf sie zu. Der Ehemann ihrer Mandantin Ayse O. raste vor Wut und brüllte auf Türkisch: "Du Hure, dir zeig ich's noch" und "Was für Flausen setzt du meiner Frau in den Kopf?" 

"Ich bin ziemlich ruhig geblieben", sagt Ates. Aber dann sei der Mann auf ihre Mandantin losgegangen und habe sie immer wieder ins Gesicht geschlagen. "Wir haben gegenseitig versucht uns zu schützen, jeder hat versucht, den Mann abzulenken", so die Anwältin. Die drei Frauen riefen um Hilfe, doch niemand schritt ein. Unterdessen schlug der Noch-Ehemann weiter auf seine Noch-Ehefrau ein und kickte Ates' Tasche auf die Straße.

Gewalt gegen Frauen wird weiter verharmlost

"Wir sind dann auf die Straße gerannt, ich habe einen Polizisten angehalten", erzählt die Anwältin weiter. In diesem Moment sei Mehmet O. verschwunden, der Polizist habe erst einmal telefoniert - Mehmet O. war da längst weg.

Die Berliner Anwältin spricht von Glück, dass nicht noch mehr geschehen ist. "Es ist häufig so, dass die Frauen nach der Trennung nicht mehr in der Stadt bleiben können", sagt Seyran Ates. "Siebzig Prozent meiner Mandantinnen haben große Angst davor, dass sie von ihrem Mann oder dessen Familie getötet werden, wenn sie sich scheiden lassen." Und hätte Mehmet O. eine Waffe dabei gehabt - er hätte wohl von ihr Gebrauch gemacht, sagt sie.

Die Geschichte der Ayse O. ist ebenso traurig wie grausam. Die junge Frau wurde 1981 in der Türkei geboren und hat dort gelebt, bis sie im Jahr 2002 Mehmet O., der in Berlin wohnt, heiratete. Die Ehe war arrangiert, Mann und Frau kannten sich nicht. Für die beiden Familien aber war die Hochzeit eine große Chance. Für Ayse, die stark gehbehindert ist, war es schwierig, einen Mann zu finden, der sie heiraten wollte. "Sie hat große Hoffnungen in die Ehe gesetzt", sagt Seyran Ates. Mehmet O. war seiner Familie eine Last, vollkommen unselbstständig. Die neue Frau sollte ihn versorgen.

"Wenn du mich verlässt, töte ich dich!"

Aber schon Wochen nach der Hochzeit in einer kleinen Stadt in Anatolien, als Ayse O. zu ihrem Mann nach Deutschland zog, hat es die ersten heftigen Auseinandersetzung gegeben. Schläge waren von da an an der Tagesordnung. Im August 2003 hatte Mehmet O. seine Frau so verprügelt, dass sie mehrfache Brüche an der linken Hand erlitt. Ein halbes Jahr später brach er ihr die Schulter. Immer wieder nötigte er seine Frau zum Analsex. Als Ayse O. ihrem Mann ankündigte, sie werde ihn verlassen, wenn er sich nicht ändere, schrie er: "Wenn du mich verlässt, töte ich dich und schmeiße dich in den Kanal."

Damit Ayse bei ihm blieb, sperrte Mehmet sie zwei Tage im Haus ein. Er schraubte alle Tür- und Fenstergriffe ab. Aber dann musste Ayse zum Integrationskurs für Ausländer. Wäre sie nicht gegangen, hätte man ihr die finanzielle Unterstützung vom Staat gestrichen. Das wollte Mehmet O. nicht. Für Ayse waren die Stunden beim Sprachkurs der einzige Weg nach draußen. Ein Weg, den sie schließlich nutzte, um von ihrem Ehemann zu fliehen. Sie flüchtete in ein Berliner Frauenhaus.

Dort lebt sie bis heute.

Dass die handgreifliche Auseinandersetzung nach der Scheidung von Ayse O. kein Einzelfall ist, zeigt auch der Termin, den die Anwältin, die vor allem türkische Frauen vertritt, am Mittwoch nach dem Angriff auf dem U-Bahnhof Möckernbrücke hatte. Wieder ging es um eine Trennung. Diesmal im Berliner Nordosten Pankow, diesmal eine kurdische Familie. "Als ich dort von meinem Erlebnis erzählte, wurde mir nur gesagt: Hier kann es nicht so werden, die Wachmänner sind schon hier!" Wachmänner, die gekommen waren, um die beiden Parteien - die Familien von Ehefrau und Ehemann zu trennen und Gewalt zu verhindern. 

Ebenfalls diese Woche hat ein 27-Jähriger Libanese seine Frau, die sich von ihm trennen und zu ihren Eltern in ihr Heimatland zurückkehren will, in den Oberschenkel gestochen. Nach dem Angriff vor der Ausländerbehörde musste die 21-Jährige operiert werden.  

In Zukunft mit den Brüdern zum Scheidungstermin

Ates Mandantin ist mittlerweile wieder im Frauenhaus. Wo Ayse O. ist, weiß ihr Mann nicht. Berlin wird sie bald verlassen - aus Angst vor der Rache. Seyran Ates hat Anzeige gegen Mehmet O. erstattet. Eine Bestrafung, die für ihn spürbar ist, werde er aber kaum bekommen, glaubt sie. "Er wird damit beschäftigt sein, seine Ehre wiederherzustellen", sagt Ates. In ihrer Stimme schwingt große Bitterkeit mit.

Ates selbst wird aus dem Vorfall auch Konsequenzen ziehen. Sie hat schon einmal die Macht der Männer erlebt - als vor rund 20 Jahren vermutlich ein türkischer Rechtsextremist auf sie schoss und ihre Halsschlagader traf. Die Prügelei dieser Woche hat ihr wieder einmal deutlich gemacht: "Nur wer als Frau zeigen kann, dass sie Männer hinter sich hat, hat eine Chance!". Und nun greift die streitbare Juristin, der das Patrichat der türkischen Gesellschaft zuwider ist, zu einem Mittel aus der Welt der anatolischen Männer. In Zukunft, erzählt sie, wolle sie zu Scheidungsterminen ihre Brüder mitnehmen.

*Namen geändert



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