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Türkische Frauen: Die Opferrolle hat ausgedient

Von Ferda Ataman

Niedrige Bildung, schlechtes Deutsch, an den Ehemann gefesselt: So sehen die Klischeevorstellungen von türkischen Frauen in Deutschland aus. Sie sind falsch, zeigt eine neue Studie: Die Alltagsprobleme der Türkinnen unterscheiden sich oft kaum von denen deutscher Frauen.

Düsseldorf - Wenn türkische Migrantinnen für die Schlagzeilen der deutschen Medien interessant werden, geht es meist um Zwangsheiraten, Ehrenmorde und mittelalterliche Familienvorstellungen. Kurz: um die Rolle der Frau als Opfer.

Türkische Frau am Arbeitsplatz: Rund ein Drittel der türkischen Frauen über 18 Jahren ist berufstätig.
DPA

Türkische Frau am Arbeitsplatz: Rund ein Drittel der türkischen Frauen über 18 Jahren ist berufstätig.

Ein Pauschalurteil über 1,3 Millionen türkischstämmige Frauen in Deutschland, das so nicht stimmt: Das Essener Zentrum für Türkeistudien hat erstmals eine wissenschaftliche Untersuchung über die "Lebenssituation der türkeistämmigen Frauen in Europa am Beispiel Deutschland" vorgelegt. Für die Studie, die es bislang nur auf Türkisch gibt, wurden 1000 türkischstämmige Frauen telefonisch befragt.

Die Ergebnisse haben mit den Klischeevorstellungen über türkische Frauen wenig zu tun und zeichnen ein sehr heterogenes Bild. Denn laut der Befragung sprechen türkischstämmige Frauen in der Regel besser Deutsch und machen häufiger Abitur als türkischstämmige Männer. Rund ein Drittel der türkischen Frauen über 18 Jahren ist berufstätig.

Und in der Altersgruppe zwischen 18 und 29 Jahren ist die Hälfte der Türkinnen unverheiratet. Mehr als zwei Drittel aller Befragten gaben an, dass sie finanziell selbstständig seien und eigene Einkommensquellen hätten. Welche Rolle die Frau spielen soll, ob sie nur Mutter und Gattin sein soll, ist unter türkischen Frauen umstritten. Rund die Hälfte von ihnen kann laut der Studie mit dem traditionellen Frauenbild wenig anfangen.

Genau wie viele deutsche Frauen leiden auch 43 Prozent der türkischen Hausfrauen an der schwierigen Vereinbarung von Beruf und Familie. Das mangelnde Angebot an Kinderbetreuung lasse ihnen keine Zeit für einen Job. Im Ergebnis: Die erwerbstätigen türkischen Frauen haben laut Studie in der Regel keine Kinder.

Fast die Hälfte der Türkinnen ist unverheiratet

Abgefragt wurden in den Interviews nicht nur Einstellungen und Lebensumstände, sondern auch, wie sich türkische Frauen in der deutschen Gesellschaft wahrgenommen fühlen - nämlich meist als homogene Gruppe, die an überlieferten Bräuchen festhält. Vor allem beim Thema Zwangsehen sehen dreißig in ausführlicheren Interviews befragte Frauen eine eklatante Fehlwahrnehmung. Die arrangierte Ehe dürfe nicht mit einer erzwungenen Ehe verwechselt werden, da hier die Heiratskandidatinnen ein "Mitspracherecht" hätten, betonen die Frauen ausdrücklich.

Auffällig ist und bleibt, dass die Wahl eines Ehepartners im Herkunftsland eine verbreitete Option ist, denn jährlich kommen rund 16.000 frisch geheiratete Lebensgefährten nach Deutschland. Aber anders als vielfach angenommen, sind es längst nicht nur Frauen - fast die Hälfte der nachziehenden Partner sind Männer. Und das Durchschnittsalter der Frauen bei Eheschließungen mit einem Mann aus der Türkei liegt laut Studie weit jenseits der Minderjährigkeit, nämlich bei 25 Jahren.

Wenn sich die Öffentlichkeit je ein fortschrittlicheres Bild von in Deutschland lebenden Türkinnen macht, handelt es sich meist um Frauen aus der zweiten und dritten Einwanderergeneration: Schauspielerinnen, Moderatorinnen und Politikerinnen aus türkischen Familien sind auch der deutschen Mehrheitsgesellschaft bekannt. Dabei wird oft vergessen, dass es durchaus auch "Pionierinnen" der Einwanderung gab: Frauen - wie im autobiographischen Roman von Emine Sevgi Özdamar "Die Brücke vom Goldenen Horn" - die in den sechziger Jahren für ein, zwei Jahre in deutschen Fabriken am Fließband standen, um die Schauspielschule in Istanbul zu bezahlen oder sich einfach italienische Schuhe zu leisten.

Schließlich sind in den Jahren zwischen 1961 und 1976 nicht nur 678. 702 türkische Männer angeworben worden, es kamen auch 146. 681 Frauen als so genannte Gastarbeiter nach Deutschland. Und sie hatten es schwerer als ihre männlichen Pendants: Ihre Landsmänner schmähten sie, weil sie als Frauen noch weniger Geld erhielten und so zur Konkurrenz wurden. Viele dieser Frauen kamen - von ihren Familien geschickt - in der Hoffnung, nach kurzer Zeit die Ehemänner nachzuholen. Es waren aber auch Alleinstehende, Geschiedene oder Verwitwete unter ihnen, die ein neues Leben beginnen oder einfach ihr Fernweh ausleben wollten.

35 Jahre nachdem die erste Gastarbeitergeneration nach Deutschland kam, liegt vieles über die Rolle von Migrantinnen noch im Dunkeln: "Wenn Frauen in der Migrationsforschung ein Thema waren, dann meist als Opfer patriarchaler Gewalt", kritisiert Dr. Margarete Jäger. Die stellvertretende Leiterin des Duisburger Instituts für Sprach- und Sozialforschung untersuchte bereits vor elf Jahren die "Ethnisierung von Sexismus" im "Einwanderungsdiskurs". Und sie stellt fest: Der Blick auf weibliche Einwanderer aus der Türkei war immer stark darauf ausgerichtet, sie als Opfer männlicher Gewalt zu betrachten. Dabei würden die tragischen Beispiele misshandelter Frauen leichtherzig auf die gesamte türkische Community, oder gleich auf alle Muslime übertragen.

Die Studie des Zentrums für Türkeistudien versuche dem nun etwas entgegenzusetzen. "Sie macht damit deutlich, dass stereotype Zuschreibungen einer ethnischen Gruppe ein Problem der Mehrheitsgesellschaft sind", so Jäger zu SPIEGEL ONLINE.

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