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TV-Duell: Hat Merkel bei Reagan abgekupfert?

Das Schluss-Statement von Angela Merkel beim TV-Duell kam einigen Beobachtern in der SPD merkwürdig bekannt vor. Tatsächlich klingen einige Passagen wortwörtlich wie das Schlusswort, das der damalige Präsidentschaftskandidat Ronald Reagan vor 25 Jahren im Fernsehduell gegen Präsident Jimmy Carter vortrug. Zufall?

TV-Duellantin Merkel: Vorbild Reagan
AFP

TV-Duellantin Merkel: Vorbild Reagan

Berlin - 28. Oktober 1980: 80,6 Millionen Amerikaner sitzen vor dem Fernseher und verfolgen das Fernsehduell zwischen dem demokratischen Präsidenten Jimmy Carter und seinem republikanischen Herausforderer Ronald Reagan. Die beiden stehen in der Public Music Hall in Cleveland, moderiert wird von ABC-Mann Howard K. Smith. In seinem Schlussappell richtet Reagan, der frühere Hollywood-Schauspieler und Gouverneur von Kalifornien, folgende Worte an die Zuschauer:

"Nächsten Dienstag werden Sie alle zu den Wahlurnen gehen, sie werden dort im Wahllokal stehen und ihre Entscheidung treffen. Wenn Sie diese Entscheidung treffen, denke ich, wäre es gut, wenn Sie sich fragten: Geht es Ihnen besser als vor vier Jahren? Ist es einfacher für Sie, Dinge in den Läden zu kaufen, als vor vier Jahren? Ist die Arbeitslosigkeit im Land höher oder niedriger? Wird Amerika in der Welt so respektiert wie früher? Sind wir so sicher, so stark wie vor vier Jahren?"

Bekanntlich war Reagan erfolgreich. Er gewann die Wahl, wurde nach vier Jahren wieder gewählt, und wurde zu einem der wichtigsten US-Präsidenten des Jahrhunderts. Der Erfolg Reagans hat die CDU-Strategen offenbar derart beeindruckt, dass sie für das gestrige TV-Duell kein eigenes Schlusswort für ihre Kandidatin Angela Merkel verfassten, sondern ganze Passagen der 25 Jahre alten Vorlage benutzten und nur Details anpassten. Von der CDU-Pressestelle war zunächst keine Stellungnahme zu erhalten.

Dem Klassiker folgend intonierte Merkel also: "Liebe Wählerinnen und Wähler, in zwei Wochen werden Sie Ihre Entscheidung über die Wahl fällen. Vielleicht hilft Ihnen die Beantwortung einiger Fragen bei Ihrer Entscheidung: Geht es unserem Land heute besser als vor sieben Jahren, als Rot-Grün antrat? Ist das Wachstum höher? Ist die Arbeitslosigkeit niedriger? Haben wir weniger Bürokratie? Sind unsere Rente, Pflege und Gesundheit sicherer?"

Damit nicht genug. Merkel kopierte nicht nur die Fragetechnik, sondern auch die Schlussfolgerung. O-Ton Reagan: "Wenn Sie alle diese Fragen mit Ja beantworten, dann denke ich, ist es sehr offensichtlich, wen Sie wählen werden. Wenn Sie anderer Meinung sind, wenn Sie nicht wollen, dass wir dem Kurs der vergangenen vier Jahre weiterhin folgen, dann will ich Ihnen eine andere Wahl nahe legen, die Sie haben."

Merkel drückte es kaum schlechter aus: "Wenn Sie alle diese Fragen mit Ja beantworten, dann haben Sie Ihre Wahlentscheidung wahrscheinlich gefällt. Aber wenn Sie Zweifel haben, wenn Sie nicht wollen, dass es einfach so weitergeht, dann haben Sie die Wahl mit CDU und CSU."

Carsten Volkery

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