TV-Duell Mappus vs. Schmid Bissle hart, aber fair

Atomkraft, Bildung, Stuttgart 21: CDU-Ministerpräsident Mappus und SPD-Herausforderer Schmid liefern sich zehn Tage vor der Landtagswahl in Baden-Württemberg ein Fernsehduell auf Augenhöhe. Sieger? Keiner von beiden - die Wahl bleibt spannend bis zum letzten Moment.

Von , Stuttgart

DPA

Wenn im baden-württembergischen Wahlkampf derzeit an einer Sache kein Mangel herrscht, dann ist es Spannung. Seit Wochen liegen die Lager der schwarz-gelben Regierungskoalition und der rot-grünen Opposition nahezu gleich auf. Seit Wochen liefern sie sich in Umfragen ein Kopf-an-Kopf-Rennen.

Wird Stefan Mappus als der CDU-Ministerpräsident mit der kürzesten Amtszeit in die Geschichte des Landes eingehen? Können die einst so blasse Südwest-SPD und die erstarkten Grünen erstmals nach 58 Jahren im Ländle das politische Ruder übernehmen? Schafft es die Linke in den Landtag?

Die Spitzenkandidaten von CDU und SPD könnten gegensätzlicher kaum sein. Stefan Mappus gegen Nils Schmid: Bauch- gegen Kopf-Mensch. Der eine hat mit dem Image des Polterers zu kämpfen, der andere mit dem des netten Schwiegersohns. Der eine kommt mit seiner Partei von ganz oben, der andere von ganz unten.

Falls sich Wähler von dem Duell am Mittwochabend im SWR-Fernsehen erhofft hatten, dass es einen klaren Favoriten hervorbringen könnte, wurden sie enttäuscht. Denn Mappus und Schmid lieferten sich einen Schlagabtausch auf Augenhöhe, der vor allem eines deutlich machte: Es bleibt spannend. Einen Sieger wird es erst am 27. März geben.

Diskurs wie aus dem Lehrbuch

Dabei ging der erste Punkt des Abends, bevor überhaupt die roten Lampen der Kameras aufblinkten, klar an den jungen Herausforderer - und seine attraktive Frau Tülay. Denn während Nils Schmid mit seiner Gattin in staatsmännischer Manier für die Fotografen posierte und alle dargebotenen Hände schüttelte, traf Stefan Mappus, unbeachtet von den meisten Journalisten, allein, angespannt und leise, im Studio ein.

Vor den Kameras begann dann ein Diskurs wie aus dem Lehrbuch der Fernsehduelle: In weiten Teilen fachlich, selbst bei emotionalen Themen sachlich. Hart aber fair, und das ganze auf Schwäbisch. Sogar der ein oder andere kleine Patzer - etwa als Mappus seinen Kontrahenten Schmid im Eifer des Gefechts mit "Schmiedel" ansprach, so heißt der SPD-Fraktionschef im Stuttgarter Landtag - taugte da nicht zum Lacher.

Das Thema Atomkraft verschaffte vor dem Hintergrund der Tragödie in Japan dem SPD-Kandidaten einen denkbar leichten Start. "Die Restrisiken dieser Technologie sind einfach nicht beherrschbar", erklärte Schmid, weshalb "die SPD nicht erst seit 48 Stunden, sondern seit fast drei Jahrzehnten" den Atomausstieg vorantreibe. Er warf Mappus vor, "die Öffentlichkeit hinters Licht zu führen".

Dieser hingegen lieferte mühsam Erklärungsversuche, warum es gerade für ihn persönlich so wichtig sei, nach Japan in der Atompolitik umzudenken, wo er doch noch im vergangenen Jahr an vorderster Front für die Laufzeitverlängerung stritt. An einem Tag, an dem die baden-württembergische Landesregierung gerade die Anweisung geben musste, die alten Atomkraftwerke Neckarwestheim I und Philippsburg I vom Netz zu nehmen, ein denkbar schwieriges Unterfangen. "Sie sind sicher", erklärte Mappus dennoch über die AKW im Südwesten, "aber es reicht jetzt nicht, zu sagen, sie sind sicher."

Schmid selbstbewusst, Mappus beherrscht

Das aktuellste und wohl auch wichtigste Thema in diesem Wahlkampf blieb jedoch auch das einzige, bei dem Schmid dem Amtsinhaber einen Schritt voraus war. Denn selbst als über den umstrittenen Rückkauf der EnBW-Anteile durch das Land gestritten wurde, strahlte Mappus Selbstvertrauen und Handlungssicherheit aus - "Wir waren eigentlich unserer Zeit voraus" - und ließ sich auch von kritischen Zwischenfragen nicht aus dem Konzept bringen. Wer glaubte, der 44-Jährige hätte im Sturm des politisch-atomaren GAU der letzten Tage schon die Segel gestrichen, der irrt. Kapitän Mappus steht noch immer an Deck, das Gesicht wacker dem Wind entgegengestreckt.

Während Mappus Boden gut machen konnte, in dem er auf die gute Bildungsbilanz des Landes verwies, bei den Stichworten "Leistung muss sich lohnen" und Länderfinanzausgleich klare Kante zeigte, verstand Schmid es, mit seinen Konzepten in Sachen Ganztagsbetreuung und herkunftsunabhängiger Schulpolitik Migranten ebenso anzusprechen wie die "am besten qualifizierte Frauengeneration unserer Geschichte".

Selbst bei den Analysen zu Stuttgart 21, den Studiengebühren oder dem Fachkräftemangel wurde klar: Nicht nur die Redeanteile, sondern auch die Kompetenzpunkte wurden bei dieser TV-Debatte gleichwertig unter den Kandidaten aufgeteilt. Wer Nils Schmid als faden Redner aus vergangenen Landtagsdebatten in Erinnerung hatte, wurde von einem emanzipierten und selbstbewussten Kandidaten überrascht. Wer in Mappus bislang nur den Hau-Drauf gesehen hatte, konnte ihn an diesem Abend nahezu durchweg faktenorientiert und beherrscht erleben.

Nach 70 Minuten hatten die beiden Moderatoren des SWR wirklich alle Themen, die das Ländle derzeit bewegen, abgehakt. Wenn etwas inhaltlich gefehlt hat, bei diesem Duell in Stuttgart, dann war es höchstens der Auftritt von Winfried Kretschmann, der Spitzenkandidat der baden-württembergischen Grünen. Denn es ist auch in erster Linie seine Partei, die diesen Wahlkampf derzeit so spannend macht.

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Ursprung 17.03.2011
1. Schlagabtausch Nichtrelevanter
Genau das ist das Dilemma: wer die Ochsentour der Schleimspur des Karriereweges in einer Politlobbypartei ueberhaupt antritt, taugt mentalmaessig allenfalls genauso wenig wie sein Konkurrent aus dem anderen Lager. Fuer das, weshalb er ueberhaupt den Weg antritt. Fast logisch, dass da zwei, nein nicht ebenbuertig, sondern beide als gleichstarke Bastarde angesehen werden. Um die Menschheit zu bewegen, zu retten, auch auf Landesebene in Halbdunkeldeutschland bedarf es halt mehr oder anderes, als nur fehlerlos durch die Vorkarriere zu laufen. Doch solche sind nicht in Sicht, nicht nach einem Politparteifuktionaersdurchlauf. Wir haben ein politsystembedingtes Dauerproblem. Das ist der wahre Grund dafuer, dass wir, gefuehlt, nur noch auf der Stelle treten.
papayu 17.03.2011
2. Schwabenalter
Der Schwabe wird mit 40 gscheit der Andere nicht in Ewigkeit. Das gilt nur fuer Schwaben und nicht fuer OBERSCHWABEN. Da sind die Einwohner stockkatholisch und was der Pfarrer am Sonntag erzaehlt wird gewaehlt. Fahren Sie mal nach Oberschwaben, dort stehen die reichsten Kirchen (Oberschwaebischer Barock). Also Alles Gute kommt von OBEN, deswegen auch OBERschwaben. Gruess Gott, wenn Du ihn triffst.
fleischwurstfachvorleger 17.03.2011
3. ....und jetzt??
Zitat von sysopAtomkraft, Bildung, Stuttgart 21: CDU-Ministerpräsident Stefan Mappus und der SPD-Spitzenkandidat Nils Schmid liefern sich zehn Tage vor der Landtagswahl in Baden-Württemberg ein Fernseh-Duell auf Augenhöhe. Einen klaren Sieger gab es nicht - die Wahl bleibt spannend bis zum letzten Moment. http://www.spiegel.de/politik/deutschland/0,1518,751400,00.html
S21 mit Prügelorgie? - Verziehen? Rückkauf von ENBW am Parlament vorbei? Verziehen? Vertuschen von Problemen in den AKW's? Verziehen? Aussage: Atomenergie ist alternativlos? Verziehen? Jetzt hat Mappus also Kreide gefressen, aber er bleibt doch nach wie vor der gleiche machtbessene böse Wolf.
stabkoenigin 17.03.2011
4. Falsche Gegner
Na, da waren ja auch die beiden Falschen im Ring. Was hatte das Leichtgewicht Nils Schmid denn bei diesem Fernsehduell zu suchen? Das richtige Duell hätte heißen müssen: Mappus gegen den Grünen-Spitzenkandidaten Winfried Kretschmann - der hätte Mappus richtig in die Enge treiben können, aber das wollte man wohl beim SWR nicht. Die SPD Baden Württemberg hat in den letzten Monaten ein echtes Armutszeugnis geboten. Ursprünglich für Stuttgart 21 gestimmt, dann irgendwie doch dagegen, als der Bürgerprotest begann - aber trotzdem nicht so richtig, weil man dann ja eine Kehrtwende hätte machen müssen. Das war ein Eiertanz par exellence - und auch in sonstigen Fragen waren klare Positionen der SPD nicht erkennbar. Kaum jemand rechnet mit einem Ministerpräsidenten Nils Schmid. Falls Mappus die Landtagswahl verliert (was ich sehr hoffe), wird der neue MP wohl Kretschmann heißen.
Klaus.G 17.03.2011
5. Wahl zwschen Pest und Cholera
der eine steht für eine schwarze CDU, der andere für eine schwarze SPD. Beide stehen letztlich für einen wirtschaftsfreundlichen Kurs oder auch jetzt für die Atomkraft. Die SPD und die Grünen haben lange genug Zeit gehabt dem Spuk ein Ende zu bereiten, passiert ist gar nichts. Einzig die Linke hat hier eine weiße Weste....
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