TV-Duell Schröder lauert auf Merkels Versprecher

Angela Merkel ist die Favoritin der Bundestagswahl. In einem TV-Duell mit Gerhard Schröder gilt die Unionskandidatin jedoch als krasse Außenseiterin. Die CDU will einen zweiten Termin "auf jeden Fall" vermeiden. Doch könnte der Kanzler den Trend wirklich noch drehen?

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Merkel, Schröder: Mindestens eine Politshow muss sein
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Merkel, Schröder: Mindestens eine Politshow muss sein

Berlin - Eigentlich sollte sie die Herausforderin sein. Doch Gerhard Schröder hat den Spieß umgedreht. Als vermeintlich sichere Siegerin wird Angela Merkel schon jetzt in die Kanzlerrolle gedrängt. So forderte der Regierungschef plötzlich die Kandidatin heraus. Er freue sich darauf, im Fernsehen vor einem Millionenpublikum zu klären, "wer dieses Land führen soll".

Der gelernten Physikerin Merkel bleibt keine andere Wahl, als sich zumindest auf eine Politshow einzulassen. Schröder besteht auf einem Doppelduell, das Merkel-Lager erklärt, aus Zeitgründen sei nur ein Termin drin. Bis zum Wahltermin am 18. September sei noch viel Zeit, kommentierte der Kanzler am Samstag süffisant die Begründung der CDU. Er stehe zur Verfügung, stellte er abermals klar.

Das Treffen zwischen den Chefredakteuren der Fernsehsender ARD, ZDF, RTL und Pro7/Sat1 sowie Verhandlungsführern von Union und SPD verlief am Samstag in dieser Frage ergebnislos. Nach Informationen von SPIEGEL ONLINE will Merkel "auf jeden Fall" ein zweites Duell vermeiden. Bei dem Treffen wechselten auch die Begründungen. Plötzlich soll es nicht nur um Termingründe gegangen sein. Es gehe bei der anstehenden Wahl um Parteien und nicht um Personen, heiße es nun. Auch Angebote für andere "Diskussionsformate", wie etwa eine Live-Diskussion mit Bürgern lehnten die Entsandten Merkels vehement ab.

Doch eine grundsätzliche Absage hätte man als Kneifen gewertet. Warnende Worte von FDP-Chef Guido Westerwelle schlug sie in den Wind: Die Einladung sei "vergiftet". Wenn man Boris Becker schlagen wolle, "dann fordert man ihn nicht zum Tennis heraus, sondern besser zum Schach", mahnte der Liberale.

Schröder witterte seine Chance

Zu spät. 2002 duellierten sich die Spitzenkandidaten zum ersten Mal. Mittlerweile ist alles Routine: Schleswig-Holstein, Nordrhein-Westfalen und nun, schneller als gedacht, wieder zu den Bundestagswahlen - das TV-Duell hat seinen festen Platz im Wahlkampf. Kaum war der Plan von den Neuwahlen in der Welt, brachten die Strategen des Kanzlers das Duell ins Spiel. Der Medienprofi Schröder witterte seine Chance. Ein direktes Aufeinandertreffen mit der im TV-Zweikampf eher unerfahrenen Kandidatin könnte helfen, die Stimmung zu drehen, zu zeigen: Diese Frau kann es nicht. Es hatte ja schon einmal geklappt.

Vor drei Jahren tappte Edmund Stoiber in die "Improvisationsfalle zwischen Flut und Fernsehduell", wie die "Zeit" schrieb. Vor allem im zweiten Duell konnte der Kanzler dessen Kommunikationsschwäche entlarven und punkten. Vielleicht so entscheidend, dass es am Ende noch haarscharf zum Wahlsieg reichte.

Stoiber in der "Improvisationsfalle": Eine Aufnahme vom ersten TV-Duell zwischen dem Unions-Kanzlerkandidaten und Schröder
Sat.1 / ddp

Stoiber in der "Improvisationsfalle": Eine Aufnahme vom ersten TV-Duell zwischen dem Unions-Kanzlerkandidaten und Schröder

Statt er oder ich heißt es nun sie oder ich, wieder geht es für Schröder um sein persönliches Schicksal. Die Ausgangslage ist düster. Die SPD dümpelt in den Umfragen bei 27 Prozent. Ob ein starker Auftritt des Regierungschefs zur besten Sendezeit seine Partei aus dem Keller ziehen kann, ist fraglich: In Nordrhein-Westfalen wurde im Frühjahr Ministerpräsident Peer Steinbrück seiner Favoritenrolle in einem TV-Duell bei RTL zwar gerecht. Geholfen hat es nichts: In Düsseldorf regiert heute Jürgen Rüttgers von der CDU.

Als Außenseiterin kann Merkel nur gewinnen

Merkel könne das Duell verlieren, nicht aber die Wahl, verbreiten Strippenzieher aus der CDU vorsichtshalber schon jetzt in Berlin. Vielleicht fällt der Fast-Kanzlerin bei diesen Aussichten der Gang ins Studio leicht. Sicher fühlen kann sie sich nicht. Zu unberechenbar ist die Bedeutung des Duells. Der Vorsprung für Schwarz-Gelb ist zuletzt geschmolzen. Im TV-Duell schlecht auszusehen, kann die Wähler von den Urnen halten, es kann ein oder zwei Prozentpunkte kosten, es kann die Union in eine Große Koalition zwingen. 2002 sahen immerhin 15 Millionen Menschen zu.

Merkels Problem: Bei wichtigen Auftritten ist sie zuletzt gestrauchelt. Am Tag der Vertrauensfrage vermasselte Merkel ihre Rede im Bundestag. Sie versprach sich, redete von "Handlungsfähigkeit" der rot-grünen Koalition, wo sie "Handlungsunfähigkeit" meinte, prophezeite ein Regierungsbündnis aus "CDU und CSU gemeinsam mit der SPD" anstelle der FDP und servierte der Opposition auch noch die Reizvokabel "Durchregieren" auf dem silbernen Tablett.

Schröder kontert gnadenlos

Solche Versprecher sind Steilvorlagen für Schröder. Als Edmund Stoiber vor drei Jahren vom 36-Mark-Gesetz sprach, soufflierte der Kanzler genüsslich: "Sie meinen das 630-Mark-Gesetz." Dann verirrte sich Stoiber in seinem "Schattenkabinett", das er bewusst nicht aufgestellt hätte, weil er schon eines habe. "Das war aber ein geglückter Gag, Herr Stoiber, gratuliere", konterte der Amtsinhaber gnadenlos.

Auch bei ihrem kurzen Statement nach der Köhler-Entscheidung wirkte Merkel erstaunlich aufgeregt. Mit zittriger Stimme erklärte sie, der "Weg für einen Neuanfang" sei nun frei. Merkel scheint nicht stressresistent. Sie wirkt nicht souverän, wenn ganz Deutschland auf sie schaut. Bei einem Fernsehduell schaut ganz Deutschland auf sie. Dann ist Showtime - und Merkel hat keine Show zu bieten.

"Machen Sie mehr aus ihrem Typ": Selbstironische Anzeige der CDU auf der Suche nach einer Werbeagentur (erschienen im Januar 2001 in einem Werbemagazin)
DPA

"Machen Sie mehr aus ihrem Typ": Selbstironische Anzeige der CDU auf der Suche nach einer Werbeagentur (erschienen im Januar 2001 in einem Werbemagazin)

Sie hat bereits viel an sich gearbeitet, vor allem äußerlich. Sie lächelt häufiger, schminkt sich, trägt Kleidung in freundlichen Pastelltönen und Promi-Friseur Udo Walz verpasste ihr eine neue Frisur. Wer heute vier Jahre alte Fotos anschaut, erkennt sofort: Aus dem Aschenputtel ist eine Dame geworden, manche wollen gar eine "eiserne Lady" sehen. "Wer leiten will, muss schön sein", titelte jüngst der "Stern".

"Merkel muss an ihrer inneren Balance arbeiten"

Doch um beim Duell zu bestehen, muss Merkel an den "Kern ihrer Person", an ihre "innere Balance" ran, wie es der Bochumer Politikberater Ulrich Sollmann ausdrückt. Sollmann hat Zweifel, ob sich die Defizite in der Stressresistenz in kurzer Zeit noch abarbeiten lassen. Kommunikationspsychologe Stephan Lermer aus München empfiehlt Merkel, die Duell-Situation mit "Sparringspartnern" zu üben. Zuletzt war zu hören, sie wolle sich von einem Moderator schulen lassen.

Gerne wird in der Kommunikationsforschung die 35 Jahre alte US-Studie zitiert, nach der für die Wirkung einer Botschaft nur zu 7 Prozent deren Inhalt entscheidend ist. 38 Prozent werden über die Stimme transportiert, über Timbre, Sprechgeschwindigkeit und Stimmvolumen. Die weitaus größte Bedeutung, 55 Prozent, misst die Wissenschaft der Körpersprache bei: Atmung, Hautfärbung, Gestik, Mimik.

Darin sehen die Experten die großen Vorteile des Kanzlers. PR-Berater Klaus Kocks nennt Schröder den "Staatsschauspieler". "Schröder glaubt, dass er in dieser Situation spezifische Stärken hat", sagt Kocks. Das sei zwar "historisch richtig". Nur leide Schröder heute unter einem Glaubwürdigkeitsproblem. "Die Frage ist: Kann er den Trick noch einmal wiederholen", sagt Kocks, der unter anderem Sigmar Gabriel im Wahlkampf beraten hat.

Der Kandidatin bescheinigt Kocks eine "gebrochene Identität". "Früher war sie die Pfarrerstochter aus MeckPomm", sagt Kocks. "Heute soll sie die gesamtdeutsche Kanzlerin der sozialen Marktwirtschaft sein." Die CDU-Chefin ist nicht vor einem Rückfall in alte Zeiten gefeit. "Wie schnell ist ein kleiner Fehler passiert?" fragt Kocks.

"Frau Sein trifft Herrn Schein"

Psychologe Lermer bringt das Duell auf die Formel "Frau Sein trifft Herrn Schein". Schröder, der "Spieler, der Lächler, der Flirter" laufe vor allem dann Gefahr zu verlieren, wenn er seine Gegnerin unterschätze. "Der Übergang von Souveränität zu Arroganz ist in einem halben Schritt getan", sagt PR-Experte Kocks.

Merkel gegen Schröder: "Staatsschauspieler" trifft Ex-Aschenputtel
[M] DPA; manager-magazin.de

Merkel gegen Schröder: "Staatsschauspieler" trifft Ex-Aschenputtel

Ein halber Schritt, der den Eindruck der Zuschauer entscheidend beeinflussen kann. Es ist eine Gratwanderung zwischen Sieg und Niederlage, für beide.

Ob es ein oder zwei TV-Begegnungen geben wird, bleibt bis zum nächsten Treffen der Verhandlungsführer von SPD und CDU sowie den Chefredakteuren der TV-Sender in der kommenden Woche noch offen. Neben den Sozialdemokraten halten auch die an der Übertragung interessierten Sender laut Informationen von SPIEGEL ONLINE an zwei Fernsehabenden fest, da nur so alle vier Anstalten zum Zuge kommen könnten. Eine Debatte mit vier Moderatoren sei kaum vorstellbar, hieß es bei den Sendern.

Dabei bieten beide Varianten taktische Vor- und Nachteile: Geht ein Kandidat beim ersten Duell baden, bliebe ihm bei einem zweiten die Gelegenheit zur Revanche. Andererseits wächst nach einer ersten Niederlage der Erfolgsdruck immens.

Am Sonntagabend kommt es erst einmal zum Fernduell. Schröder ist zu Gast bei "Sabine Christiansen", Merkel lässt sich im "Bericht aus Berlin" befragen - Warmreden bei laufender Kamera.

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