SPIEGEL ONLINE

SPIEGEL ONLINE

03. Mai 2012, 00:22 Uhr

TV-Duell im Norden

Schlagabtausch der Leisetreter

Von

In Schleswig-Holstein wird es knapp: SPD und CDU liegen vor der Abstimmung am 6. Mai in Umfragen gleichauf. Brachte das TV-Duell der beiden Spitzenkandidaten, Torsten Albig und Jost de Jager, die Entscheidung? Der Schnellcheck.

Wer von beiden kam besser in das TV-Duell des NDR rein?

Ganz klar SPD-Spitzenkandidat Torsten Albig. Er blieb ruhig und gelassen. NDR-Chefredakteur Andreas Cichowicz hakte anfangs immer wieder nach, ob der Sozialdemokrat die CDU nicht verletzen wollte, als dieser sagte, er fühle sich beim Wahlkampf der Christdemokraten gegen den Südschleswigschen Wählerverband (SSW) an "Barschel-Zeiten" erinnert. 1987 hatte der damalige CDU-Ministerpräsident die SPD mit einer Schmutzkampagne diffamieren lassen - eine Zeit, an die sich die Christdemokraten heute nicht mehr gern erinnern. Albig nannte die jüngsten Angriffe der CDU auf den SSW, sie hatte die Partei der Friesen und Dänen als "Steigbügelhalter" für Rot-Grün bezeichnet, "nicht anständig". Wenn es diese Attacken nicht gegeben hätte, gäbe es jetzt "keine Aufgeheiztheiten" im Wahlkampf. In diesen ersten Minuten zahlte sich Albigs langjährige Erfahrung als Pressesprecher des Bundesfinanzministeriums aus.

Wie reagierte CDU-Spitzenmann Jost de Jager auf Kritik an seiner anti-dänischen Kampagne?

Merklich unwohl. Der Blick von de Jager wanderte hin und her, als der Moderator wissen wollte, ob der SSW denn nun eine vollwertige Partei sei - oder eben von minderer Qualität, wie die CDU suggeriere. Der Spitzenmann flüchtete sich in die Aussage: Eine Dänen-Ampel sei "kein stabiles Bündnis". Sein Konkurrent Albig war es, der am Ende endlich feststellte: "Der SSW hat die gleichen Rechte wie alle Parteien."

Was war der spannendste Moment des Duells?

Tja, eigentlich war es dieser dann doch emotionale Anfang des Schlagabtauchs, bei dem der NDR-Mann beide Kandidaten einzeln konfrontierte. Danach spulten beide ihr gewohntes Programm ab: Albig betonte, er wolle Politik mit den Menschen machen, sie und das Land stärken, wieder mehr gestalten und den Machtwechsel schaffen. Das klang staatstragend; De Jager betonte immer wieder, Schleswig-Holsteine brauche "stabile Verhältnisse", nämlich seine Partei, und solide Verhältnisse.

Gab es etwas Neues?

Nicht wirklich, gerade beim Streitthema Finanzen blieb Albig weiterhin bei seinen langen wolkigen Ausführungen zum Thema Sparen: Bildung und Infrastruktur sollen ausgenommen bleiben, in die Ausbildung der Kinder investiert werden, in der Verwaltung gespart werden. Allerdings kündigte der SPD-Mann erstmals konkret an, hier auch bei Polizei und Justiz nach Kürzungsmöglichkeiten suchen zu wollen. Es gebe keine "Tabu-Bereiche".

Wie war der Ton?

Moderat und oft eher leise. Beide Rivalen gingen betont sachlich miteinander um, wie man es aus dem bisherigen Kuschel-Wahlkampf in Schleswig-Holstein - von der Dänen-Frage mal abgesehen - bisher kennt. Zu einer möglichen Großen Koalition sagte Albig: "Mir graut vor gar keine demokratischen Lösung". De Jager wich der Frage lieber aus, ob dieses Bündnis seine einzige realistische Machtoption sei.

Wer ist der Gewinner des Duells?

Auf den ersten Blick SPD-Mann Albig. Er kam einmal mehr besser auf dem Bildschirm rüber - smart, ruhig, eloquent, auch wenn er das Wort "man" an einigen Stellen zu oft nutzte ("Man kann nur gut führen, wenn man die Menschen mitnimmt"). Er lächelte, allerdings weniger als sonst, setzte seine Hände beim Sprechen ein. Das wirkte dynamischer und sympathischer, zumal Albig anders als de Jager keinen Notizzettel vor sich liegen hatte. Allerdings wurde der sonst sehr farblos daher kommende CDU-Mann im Laufe des Gesprächs souveräner. Gerade als es um die Finanzen ging, wirkte der Noch-Wirtschaftsminister de Jager faktensicher und kompetent, er unterbrach Albig mehrmals, um nachzufragen, wo er denn nun sparen wolle. Da zog Albigs kleine Attacke auf die "Attitüde des Mathematikers" kaum. So gesehen punktete de Jager auf den zweiten Blick, was vor allem bei den CDU-Anhängern gut ankommen wird.

Hat der Grünen-Spitzenkandidat Robert Habeck gefehlt?

Ja sehr, gerade er hätte die Runde belebt. Hieß es doch zu Beginn des Wahlkampfs, dass der rhetorisch begabte Habeck eher auf Schwarz-Grün setze, mittlerweile will die Öko-Partei Rot-Grün plus SSW. Die Zweier-Runde wirkte trotz des guten Moderators und der informativen Einspielfilme doch an einigen Stellen langatmig, weil die Kandidaten wie gewohnt ihre Wahlversatzstücke brachten. Unterhaltsam war das nicht. Und eine Entscheidung, wer nun die Nase vorne hat, SPD oder CDU, hat es den vielen unentschlossenen Wählern (41 Prozent sind es nach der jüngsten Umfrage noch) wohl nicht leichter gemacht.

Was ist die Erkenntnis?

TV-Duelle, getrennt nach "kleinen" und "großen" Parteien, wie sie der NDR veranstaltet, sind so nicht mehr zeitgemäß - vor allem, wenn die Mehrheitsverhältnisse so knapp sind wie in Schleswig-Holstein. Wenn dann sollten Vertreter aller Parteien gemeinsam diskutieren - Piraten eingeschlossen. Die nämlich waren in dem kleinen Schlagabtausch vorher (anders als beim WDR) nicht dabei - trotz der guten Umfragewerte.

URL:


© SPIEGEL ONLINE 2012
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH