TV-Duell im Norden: Schlagabtausch der Leisetreter

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In Schleswig-Holstein wird es knapp: SPD und CDU liegen vor der Abstimmung am 6. Mai in Umfragen gleichauf. Brachte das TV-Duell der beiden Spitzenkandidaten, Torsten Albig und Jost de Jager, die Entscheidung? Der Schnellcheck.

Torsten Albig (SPD, l.) und Jost de Jager (CDU, r.): TV-Duell der Spitzenkandidaten Zur Großansicht
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Torsten Albig (SPD, l.) und Jost de Jager (CDU, r.): TV-Duell der Spitzenkandidaten

Wer von beiden kam besser in das TV-Duell des NDR rein?

Ganz klar SPD-Spitzenkandidat Torsten Albig. Er blieb ruhig und gelassen. NDR-Chefredakteur Andreas Cichowicz hakte anfangs immer wieder nach, ob der Sozialdemokrat die CDU nicht verletzen wollte, als dieser sagte, er fühle sich beim Wahlkampf der Christdemokraten gegen den Südschleswigschen Wählerverband (SSW) an "Barschel-Zeiten" erinnert. 1987 hatte der damalige CDU-Ministerpräsident die SPD mit einer Schmutzkampagne diffamieren lassen - eine Zeit, an die sich die Christdemokraten heute nicht mehr gern erinnern. Albig nannte die jüngsten Angriffe der CDU auf den SSW, sie hatte die Partei der Friesen und Dänen als "Steigbügelhalter" für Rot-Grün bezeichnet, "nicht anständig". Wenn es diese Attacken nicht gegeben hätte, gäbe es jetzt "keine Aufgeheiztheiten" im Wahlkampf. In diesen ersten Minuten zahlte sich Albigs langjährige Erfahrung als Pressesprecher des Bundesfinanzministeriums aus.

Wie reagierte CDU-Spitzenmann Jost de Jager auf Kritik an seiner anti-dänischen Kampagne?

Merklich unwohl. Der Blick von de Jager wanderte hin und her, als der Moderator wissen wollte, ob der SSW denn nun eine vollwertige Partei sei - oder eben von minderer Qualität, wie die CDU suggeriere. Der Spitzenmann flüchtete sich in die Aussage: Eine Dänen-Ampel sei "kein stabiles Bündnis". Sein Konkurrent Albig war es, der am Ende endlich feststellte: "Der SSW hat die gleichen Rechte wie alle Parteien."

Was war der spannendste Moment des Duells?

Tja, eigentlich war es dieser dann doch emotionale Anfang des Schlagabtauchs, bei dem der NDR-Mann beide Kandidaten einzeln konfrontierte. Danach spulten beide ihr gewohntes Programm ab: Albig betonte, er wolle Politik mit den Menschen machen, sie und das Land stärken, wieder mehr gestalten und den Machtwechsel schaffen. Das klang staatstragend; De Jager betonte immer wieder, Schleswig-Holsteine brauche "stabile Verhältnisse", nämlich seine Partei, und solide Verhältnisse.

Gab es etwas Neues?

Nicht wirklich, gerade beim Streitthema Finanzen blieb Albig weiterhin bei seinen langen wolkigen Ausführungen zum Thema Sparen: Bildung und Infrastruktur sollen ausgenommen bleiben, in die Ausbildung der Kinder investiert werden, in der Verwaltung gespart werden. Allerdings kündigte der SPD-Mann erstmals konkret an, hier auch bei Polizei und Justiz nach Kürzungsmöglichkeiten suchen zu wollen. Es gebe keine "Tabu-Bereiche".

Wie war der Ton?

Moderat und oft eher leise. Beide Rivalen gingen betont sachlich miteinander um, wie man es aus dem bisherigen Kuschel-Wahlkampf in Schleswig-Holstein - von der Dänen-Frage mal abgesehen - bisher kennt. Zu einer möglichen Großen Koalition sagte Albig: "Mir graut vor gar keine demokratischen Lösung". De Jager wich der Frage lieber aus, ob dieses Bündnis seine einzige realistische Machtoption sei.

Wer ist der Gewinner des Duells?

Auf den ersten Blick SPD-Mann Albig. Er kam einmal mehr besser auf dem Bildschirm rüber - smart, ruhig, eloquent, auch wenn er das Wort "man" an einigen Stellen zu oft nutzte ("Man kann nur gut führen, wenn man die Menschen mitnimmt"). Er lächelte, allerdings weniger als sonst, setzte seine Hände beim Sprechen ein. Das wirkte dynamischer und sympathischer, zumal Albig anders als de Jager keinen Notizzettel vor sich liegen hatte. Allerdings wurde der sonst sehr farblos daher kommende CDU-Mann im Laufe des Gesprächs souveräner. Gerade als es um die Finanzen ging, wirkte der Noch-Wirtschaftsminister de Jager faktensicher und kompetent, er unterbrach Albig mehrmals, um nachzufragen, wo er denn nun sparen wolle. Da zog Albigs kleine Attacke auf die "Attitüde des Mathematikers" kaum. So gesehen punktete de Jager auf den zweiten Blick, was vor allem bei den CDU-Anhängern gut ankommen wird.

Hat der Grünen-Spitzenkandidat Robert Habeck gefehlt?

Ja sehr, gerade er hätte die Runde belebt. Hieß es doch zu Beginn des Wahlkampfs, dass der rhetorisch begabte Habeck eher auf Schwarz-Grün setze, mittlerweile will die Öko-Partei Rot-Grün plus SSW. Die Zweier-Runde wirkte trotz des guten Moderators und der informativen Einspielfilme doch an einigen Stellen langatmig, weil die Kandidaten wie gewohnt ihre Wahlversatzstücke brachten. Unterhaltsam war das nicht. Und eine Entscheidung, wer nun die Nase vorne hat, SPD oder CDU, hat es den vielen unentschlossenen Wählern (41 Prozent sind es nach der jüngsten Umfrage noch) wohl nicht leichter gemacht.

Was ist die Erkenntnis?

TV-Duelle, getrennt nach "kleinen" und "großen" Parteien, wie sie der NDR veranstaltet, sind so nicht mehr zeitgemäß - vor allem, wenn die Mehrheitsverhältnisse so knapp sind wie in Schleswig-Holstein. Wenn dann sollten Vertreter aller Parteien gemeinsam diskutieren - Piraten eingeschlossen. Die nämlich waren in dem kleinen Schlagabtausch vorher (anders als beim WDR) nicht dabei - trotz der guten Umfragewerte.

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insgesamt 10 Beiträge
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1.
falmine 03.05.2012
Die überlegung, nicht nach großen und kleinen Parteien zu trennen, finde ich sehr gut. Das machte es beim WDR lebendiger. Allerdings hatte der Pirat meiner Meinung nach dort nix zu suchen - nicht nur, weil er auch nix zu sagen hatte. Es werden immer nur die im Land- oder Bundestag vertretenen Parteien eingeladen. Das hält auch die NPD vielmals außen vor. P.S. Sehen Sie Ihren Artikel bitte noch mal durch: Wer hatte keinen Stichwortzettel dabei?
2. Worauf kommt es an?
piesmann 03.05.2012
Albig hat also (zumindest auf den ersten Blick) gewonnen, weil er sympathischer ist? Wenn Sympathie auch bei Journalisten das wesentliche Merkmal ist - nicht Inhalte, nicht Kompetenz, nicht Erfahrung - dann bitte bitte verschont mich zukünftig mit euren unerträglich Beiträge zur vermeintlichen Politikverdrossenheit. Wenn es dann doch nur darum geht, wer die bessere Stimme und nicht das glaubwürdigere Programm hat, dann sollte das eigentlich den Medien zu denken geben. Das würde allerdings voraussetzen, dass Journalisten einen gewissen Anspruch an ihre Berichterstattung erheben. Ob das aber der Fall ist...
3. optional
XXYYZZ 03.05.2012
"Unterhaltsam war das nicht.", schreibt die Autorin. Nicht, daß ich die Form dieser Duelle als gewinnbringend erachte, aber den Satz finde ich völlig daneben, zumal für ein Organ wie Spiegel und SPON, die sich doch i.d.R. intellektuelleren und investigativen Journalismus auf die Fahne schreiben in Abgrenzung zur BLÖD-Zeitung etc- Es ist weder Aufgabe von Politikern noch von solchen "TV-Duellen", unterhaltsam zu sein. Politiker sollen einen soliden Job machen und nicht den Kasperle. Oder wählen SPIEGEL-Redakteure eine Partei nach dem Entertainment-Faktor der Spitzenkandidaten?
4. ...
suwarin 03.05.2012
Zitat von XXYYZZ"Unterhaltsam war das nicht.", schreibt die Autorin. Nicht, daß ich die Form dieser Duelle als gewinnbringend erachte, aber den Satz finde ich völlig daneben, zumal für ein Organ wie Spiegel und SPON, die sich doch i.d.R. intellektuelleren und investigativen Journalismus auf die Fahne schreiben in Abgrenzung zur BLÖD-Zeitung etc- Es ist weder Aufgabe von Politikern noch von solchen "TV-Duellen", unterhaltsam zu sein. Politiker sollen einen soliden Job machen und nicht den Kasperle. Oder wählen SPIEGEL-Redakteure eine Partei nach dem Entertainment-Faktor der Spitzenkandidaten?
Irgendwie müssen sie die Auflage ja auch steigern.
5. Piraten sind Quatsch
curtis0912 03.05.2012
Warum sollten die Piraten beim Duell dabei sein?? Über die kleineren im Landtag vertretenen Parteien kann man ja diskutieren. Aber wo soll man den die Grenze bei den außerparlamentarischen Parteien ziehen? Dann müsste ja auch die NPD dabei sein. Das will aber keiner. Also: Besser alles beim alten lassen. Man sich dabei schon was gedacht.
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Wahlkampf im Norden: Torsten Albig auf Sympathiefang


So wählt Schleswig-Holstein
Vorgezogene Neuwahl
Nur zweieinhalb Jahre nach der letzten Abstimmung müssen die Schleswig-Holsteiner am 6. Mai einen neuen Landtag wählen. Dies hatte das Landesverfassungsgericht 2010 nach Klagen von Grünen und dem Südschleswigschen Wählerverbund (SSW) angeordnet. Die Richter stuften damals das Wahlgesetz und damit die Zusammensetzung des Landtags als verfassungswidrig ein. Nach dem Urteil wurden das Wahlgesetz und die Verfassung geändert.
Erst- und Zweitstimme
Jeder Wähler in Schleswig-Holstein hat am 6. Mai zwei Stimmen. Mit der ersten entscheidet er über einen Kandidaten aus seinem Wahlkreis. Wer dort die meisten Stimmen holt, kommt ins Kieler Parlament. Zwischen Nord- und Ostsee gibt es 35 Wahlkreise. Die zweite Stimme wird für die Landesliste einer Partei abgegeben. Sie entscheidet mit darüber, wie stark eine Partei im Landtag vertreten ist.
Überhang- und Ausgleichmandate
Gewinnt eine Partei mehr Mandate direkt über die Wahlkreise, als ihr nach dem Anteil an den Zweitstimmen zustünden, erhält sie Überhangmandate. Die übrigen Parteien bekommen Sitze zum Ausgleich, damit die Zusammensetzung des Landtags dem Zweitstimmen-Verhältnis entspricht. So kann der Landtag in Kiel größer als eigentlich vorgesehen werden. Derzeit sind es statt 69 Sitzen sogar 95 Mandate.
SSW - Partei der dänischen Minderheit
Um in das Parlament zu kommen, muss eine Partei mindestens 5 Prozent der Zweitstimmen holen. Der SSW als Partei der aus etwa 50.000 Menschen bestehenden dänischen Minderheit ist davon befreit. Damit wird ihre politische Mitwirkung sichergestellt. Allerdings muss der SSW so viele Stimmen erhalten, dass es zumindest für den letzten der zu vergebenden Sitze im Plenum reicht. Ziel des SSW sind diesmal 5 Prozent (2009: 4,3).
Zweitstimmen und Mandate 2009
Bei der Wahl 2009 hatten CDU und FDP zunächst drei Mandate mehr erhalten als SPD, Grüne, Linke und SSW zusammen, obwohl bei der Abstimmung auf sie 27.000 Zweitstimmen weniger entfallen waren. Grund waren die komplizierten Bestimmungen zu Überhang- und Ausgleichsmandaten. Durch das damals geltende Wahlgesetz im nördlichsten Bundesland wurde die Zahl der Ausgleichsmandate begrenzt, so dass CDU und FDP ihre Mehrheit bekamen. Diese schrumpfte später auf eine Stimme, nachdem ein Auszählfehler korrigiert worden war.