Von Florian Gathmann
Berlin - Der Zwitscher-Sturm (in der Szene "Shitstorm" genannt) kommt ohne Vorwarnung. So ist das in der Welt der Twitterer - das wusste die erfahrene Mikro-Bloggerin Kristina Schröder. Aber die Bundesfamilienministerin ist dann wohl doch ein wenig überrascht gewesen, mit welcher Wucht man über sie herfiel, nachdem die CDU-Politikerin am Montag die Sparpläne der Bundesregierung verteidigt hatte.
Eine Userin mit dem Twitter-Namen "Happy Schnitzel" war eine der ersten: "Tja, sie nimmt das Sparen wirklich ernst. @kristinakoehler spart sich wohl zuerst ihren letzten Rest Menschlichkeit." In diesem Ton ging es weiter - und es hört nicht auf. Der Twitterer "HolgerScherer" beispielsweise schreibt mit Blick auf die Einkünfte einer Ministerin: "Sparen ist bei über 12.000EUR im Monat sicher möglich...". Hunderte solcher Einträge gibt es inzwischen.
Dabei war Schröders Spar-Apologie noch sehr zahm ausgefallen. "Natürlich ist die Elterngeldstreichung für Hartz IV-Empfänger hart", twitterte sie von ihrem Account "kristinakoehler" - Köhler ist ihr Mädchenname. Und erklärte zwei Minuten später: "Aber: Eine Familie in Hartz IV, 2 Kinder, erhält inkl. Elterngeld 1885 vom Staat. Netto! Ist das gerecht gegenüber denen, die arbeiten?" Außerdem, stellte die Ministerin am frühen Dienstagmorgen via Twitter klar: "Ich habe als Abgeordnete aus voller Überzeugung der Schuldenbremse zugestimmt. Dann muss ich mich jetzt auch am Sparen beteiligen."
Nun muss die Zwitscher-Ministerin die Attacken ertragen, die ihre Sparbekenntnisse ausgelöst haben. Verteidiger hat sie unter den Mikro-Bloggern nur wenige. So wie "iMichi", der twittert: "Endlich diskutiert jemand mal direkt und schon ist es auch nicht recht."
Ministerin Schröder will trotz Kritik weiter twittern
Solche Meldungen freuen die CDU-Politikerin - die heftige Kritik nimmt sie sich offenbar aber auch nicht übermäßig zu Herzen. "Die hitzige Debatte zeigt: Was gerecht ist und was nicht - das beschäftigt uns alle", sagte sie SPIEGEL ONLINE. "Wir brauchen viel mehr politische Diskussionen - offline wie online." Im Netz, glaubt die Ministerin, sei es "nicht anders als sonst auch - die einen tauschen sachliche Argumente aus, die anderen schimpfen nur drauflos".
Twitter und Facebook - das sind für eine 32-Jährige wie Kristina Schröder Kommunikationsformen, auf die sie als Ministerin nicht verzichten will. Auch wenn sie nach drei Monaten im Amt feststellte, welche neuen Hürden ihr dabei als Mitglied der Bundesregierung erwachsen sind. "Ich twittere ja sehr gern, aber seitdem ich Ministerin bin, fällt mir das deutlich schwerer", sagte sie in einem SPIEGEL-ONLINE-Interview im Februar. "Da werden widersprüchliche Erwartungen gestellt: Man soll sich gefälligst kurz ausdrücken. Andererseits: Wenn man auf diesem knappen Raum eine politische Botschaft unterbringt, heißt es, die sei doch nicht wirklich fundiert."
Genauso wenig fundiert wie manches an der Kritik-Welle, die im Moment über sie schwappt. Zurücknehmen will die Ministerin jedenfalls nichts. Das störe sie "an sich überhaupt nicht", sagt Kristina Schröder. "Wer auf Social-Media-Plattformen agiert, der muss auch mit social-media-typischen Reaktionen rechnen."
Und deshalb haben sich manche in der Twitter-Community wohl zu früh gefreut, die seit der letzten Meldung von "kristinakoehler" vom Dienstagmorgen glaubten, die Ministerin habe die Segel gestrichen. Oder anderweitig spekulierten, so wie "schrozberg": Der fragte: "Hallo Frau @kristinakoehler, gibt es sie noch oder sind sie schon zurückgetreten? Oder ist der Blackberry kaputt?" Und "EinfachDurchDa" glaubte zu wissen: "RT@ +++ EILMELDUNG +++ @kristinakoehler wurde von Angela Merkel s BlackBerry weggenommen!.."
Offensichtlich hat die Ministerin nur eine Twitter-Pause eingelegt.
Anmerkung der Redaktion: In einer früheren Version dieses Artikels stand, dass die Ministerin einen neuen Twitter-Account nutze. Dies war falsch. Der Fehler wurde berichtigt, wir bitten um Entschuldigung.
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