Überfälle in Ostdeutschland Rechtsextreme attackieren Jugendliche

Rechtsextreme Überfälle im Osten: Unter rassistischen Parolen haben Rechtsradikale in Schwerin französische Jugendliche angegriffen. In Sachsen-Anhalt attackierten Neonazis ein Zeltlager junger Leute. In Halberstadt wurde ein Obdachloser erschlagen - die Polizei dementiert einen politischen Hintergrund.


Schwerin - Die Polizei in Schwerin ermittelt gegen die Angreifer wegen des Verdachts der versuchten gefährlichen Körperverletzung und der Volksverhetzung. Dabei handele es sich um fünf Männer zwischen 22 und 46 Jahren, wie eine Sprecherin mitteilte. Sie seien der Polizei bisher nicht als Mitglieder der rechtsextremistischen Szene bekannt.

Die rund 50 Jugendlichen aus Marseille, Duisburg und Schwerin im Alter zwischen 13 und 20 Jahren nehmen an einem zweiwöchigen Kunstprojekt in Schwerin teil. Auf dem Rückweg von der Kunstschule in der Innenstadt zur zwei Kilometer entfernten Jugendherberge wurden einige von ihnen von den fünf Tatverdächtigen beschimpft.

Danach verfolgten die Angreifer die Jugendgruppe auf deren Weg durch den Schweriner Schlossgarten. Dabei warfen sie nach Polizeiangaben Steine hinter der Gruppe her - es wurde aber niemand getroffen. Eine Betreuerin der Gruppe alarmierte per Handy die Polizei, die die Angreifer inzwischen ermitteln konnte.

Zu der deutsch-französischen Gruppe gehörten auch Jugendliche dunkler Hautfarbe, die von den Angreifern als "Neger" betitelt wurden. Bei dem Vorfall, der sich bereits am Dienstagnachmittag ereignete, wurde niemand verletzt.

Die französischen Jugendlichen würden ihren Aufenthalt in Schwerin wegen des Vorfalls nicht abbrechen, sagte die Dolmetscherin des Kunst-Projekts, Cecile Bonnet. "Sie lernen gerade sehr nette Leute in Schwerin kennen." Diese Eindrücke würden die negativen auch auf Dauer überwiegen, sagte Bonnet.

Überfall auf Zeltlager

Auch in Sachsen-Anhalt kam es zu einem rechtsextremen Überfall. In Wischer bei Stendal überfielen Rechtsradikale in der vergangenen Nacht zwölf Jugendliche, die an einem Schwimmbad gezeltet hatten.

Die acht bis neuen Angreifer rissen die Zelte ein und schlugen auf die 15 bis 17 Jahre alten Jugendlichen ein, die dort zusammen feierten, wie ein Polizeisprecher mitteilte. Einer der Angreifer rief dabei über ein Megafon Nazi-Parolen.

Obdachloser in Sachsen-Anhalt erschlagen

Ebenfalls in Sachsen-Anhalt ist in Blankenburg im Landkreis Harz ein Obdachloser vermutlich von zwei jungen Männern erschlagen worden. Die Leiche des 59-Jährigen wurde im Keller seiner Unterkunft in Blankenburg gefunden, wie die Polizeidirektion Halberstadt mitteilte. Die Polizei nahm zwei Blankenburger im Alter von 17 und 20 Jahren unter dringendem Tatverdacht fest.

Sie sind wegen Bedrohung, Hausfriedensbruchs und Diebstahls aktenkundig. Gegen den Älteren wurde 2005 ermittelt, weil er eine rechtsradikale CD besaß. Von einem politischen Motiv für die Tat werde jedoch nicht ausgegangen, teilte die Polizei mit. Nach Angaben von Polizei-Sprecher Ullrich Wagner deute derzeit nichts auf einen rechtsextremen Hintergrund hin. "Es geht hier um eine Tat im Trinkermilieu", sagte er SPIEGEL ONLINE. Die Tat sei bereits Anfang der Woche erfolgt, genaueres werde die Obduktion ergeben, so Wagner.

Den Polizeiangaben zufolge hatte in dem Obdachlosenheim eine Feier stattgefunden, bei der auch die beiden Tatverdächtigen zugegen waren. Die Mutter eines der Tatverdächtigen lebt in dem Obdachlosenheim. Bei der Feier sei auch Alkohol getrunken worden, sagte Wagner. Die beiden Tatverdächtigen hätten bei der Vernehmung eingeräumt, den Mann erschlagen zu haben.

Innenminister warnt vor wachsender rechtsextremer Gefahr

Gerade in Halberstadt schaut die Öffentlichkeit bei der Motivation von Gewalttaten besonders genau hin. Die Erinnerung an den brutalen Überfall rechtsextremer Schläger auf ein Theaterensemble ist noch frisch. Dabei hatten im Juni mehrere Männer mitten in der Stadt fünf Mitglieder des Nordharzer Städtebundtheaters zum Teil schwer verletzt. Die Polizei musste anschließend schwere Fehler bei ihrem Einsatz einräumen, unter anderem hatte sie einen von Zeugen identifizierten Verdächtigen zunächst laufen lassen. Inzwischen sind vier mutmaßliche Angreifer gefasst, ihnen soll im Oktober der Prozess gemacht werden.

Der Landkreis Harz gilt als eine Hochburg der rechtsextremen Szene Sachsen-Anhalts. So war auch in Halberstadt der Überfall auf die Schauspieler nur der letzte einer ganzen Reihe rechtsextremer Übergriffe. Gerade erst verurteilte das Landgericht Magdeburg zwei Neonazis in einem Berufungsprozess zu zweieinhalb und dreieinhalb Jahren Haft, weil sie am Himmelfahrtstag 2005 mit Flaschen auf einen Mann aus Liberia und einen Polizisten eingeschlagen hatten.

Erst gestern hatte Sachsen-Anhalts Innenminister Holger Hövelmann (SPD) anlässlich der Vorstellung des Verfassungsschutzberichts 2006 vor einer wachsenden Gefahr des Rechtsextremismus gewarnt. Dieser durchdringe langsam die Alltagskultur, sagte Hövelmann. Die Gesamtzahl der Rechtsextremisten sei im Vergleich zum Jahr 2005 um rund 100 auf etwa 1500 gestiegen. Besonders zugenommen habe die Zahl gewaltbereiter Rechtsextremisten um 150 auf 800. Laut Statistik wurden im vergangenen Jahr 1240 politisch motivierte Straftaten begangen, 110 mehr als im Jahr davor. Bei den rechtsextremistisch motivierten Gewaltdelikten - insgesamt waren es 122 - liegt das Land mit etwa 5 Taten je 100.000 Einwohnern bundesweit an der Spitze.

flo/phw/AFP/dpa/AP



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