Überfall in Wismar "Die haben den verprügelt, weil er 'n Neger ist"

Am Ostersonntag wurde in Potsdam ein Deutsch-Äthiopier ins Koma geprügelt, am Dienstag ein Mann aus Togo in Wismar überfallen. Offiziell ist noch ungewiss, ob Ausländerhass das Motiv war. Engagierte Bürger wissen allerdings: Auch in der Hansestadt sind Rechtsextreme auf dem Vormarsch.

Aus Wismar berichtet


Wismar - Kein Blumenmeer, keine Kerzen, keine Schildchen mit tröstenden oder wütenden Worten. Auf dem kleinen Rudolf-Karstadt-Platz im Herzen der Wismarer Altstadt erinnert nichts an die brutalen Schläge und Tritte, mit denen drei junge Männer vor zwei Tagen einen 39-Jährigen aus Togo hier schwer verletzt hatten. Doch wer genau hinschaut, kann sich denken, wo genau der Asylbewerber zu Boden ging: Getrocknetes Blut klebt in den Fugen zwischen Pflastersteinen. Die Reste jener großen Blutlache, wegen der die mutmaßlichen Schläger kurz nach dem Gewaltexzess extra noch einmal zum Tatort zurückkehrten, um sie zu "begutachten", wie Zeugen berichteten.

Rudolf Karstadt-Platz: Kein Blumenmeer, keine Kerzen, keine Schildchen
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Rudolf Karstadt-Platz: Kein Blumenmeer, keine Kerzen, keine Schildchen

Ist es Zurückhaltung angesichts des unklaren Motivs, ist es Sorge vor schlechter Werbung für die bei Touristen beliebte beschauliche Hansestadt?

"Das waren die Rechten", sagt eine ältere Frau. Die, die mit ihr am Stehtisch zum Kaffee zusammenstehen, nur wenige Meter vom Tatort entfernt, nicken. Ein paar Schritte weiter hängen ein paar Teenager auf einer Bank ab. Markus und Yves, beide 16, sind sich sicher: "Die haben den verprügelt, weil er 'n' Neger ist." "Ey, Neger sagt man nicht", fährt ihre Freundin Sandy sie an.

So sicher sich viele Wismarer sind, die ermittelnde Staatsanwaltschaft und das Innenministerium sind vorsichtig und bemühen sich nach Kräften, die Tat nicht vorschnell mit Fremdenfeindlichkeit zu begründen. Es gebe derzeit weder Erkenntnisse, dass Ausländerhass das Motiv gewesen sei noch dass die mutmaßlichen Täter der rechtsextremen Szene angehören, sagte der Schweriner Staatsanwalt Hans-Christian Pick heute SPIEGEL ONLINE.

Innenminister: Täter und Opfer stark betrunken

Was ist passiert, am Dienstagabend, gegen 22.45 Uhr? Den Ermittlungen zufolge sollen drei Männer im Alter von 19, 23 und 24 Jahren den Togoer zunächst umstellt, zu Boden gestoßen, geschlagen und getreten haben. Die beiden älteren Tatverdächtigen wurden nur kurze Zeit später von der Polizei an einer Würstchenbude 50 Meter vom Tatort entfernt gefasst. Nach Informationen der "Ostsee-Zeitung" hatte ein 36-jähriger Zeuge die Verdächtigen mit dem Fahrrad verfolgt und die Beamten per Handy zu ihnen gelotst. Gegen die beiden Männer aus dem Landkreis Nordwestmecklenburg wurde Haftbefehl erlassen.

Der dritte mutmaßliche Täter, ein 19-Jähriger aus Wismar, wurde wenig später festgenommen, er sollte heute dem Haftrichter vorgeführt werden. Ob auch gegen ihn Haftbefehl erlassen wurde, konnte Staatsanwalt Pick bislang nicht bestätigen. Der 23- und der 24-Jährige waren am Dienstagabend stark betrunken, 1,85 und 1,65 Promille ergaben die Atemalkoholtests. Dass Mecklenburg-Vorpommerns Innenminister Gottfried Timm (SPD) heute vor Journalisten erklärte, auch der jüngere Tatverdächtige und das Opfer selbst seien alkoholisiert gewesen, wunderte den Staatsanwalt: "Ich weiß nicht, woher der Innenminister diese Erkenntnisse hat."

Das Opfer liegt mit einem Schädel-Hirn-Trauma im Krankenhaus. Erste Angaben, nach denen sich der Mann schon so weit erholt habe, dass er die Klinik heute verlassen könnte, sind falsch. Mike Hartwig von der Opferbetreuung LOBBI wollte den Togoer heute besuchen und seine Hilfe anbieten. Dieser sei jedoch kurz nach seinem Eintreffen stark geschwächt eingeschlafen. "Er wird das Krankenhaus definitiv noch nicht verlassen", sagte Hartwig SPIEGEL ONLINE.

Mitarbeiter des Netzwerks für Demokratie, Toleranz und Menschlichkeit erklärten unter Berufung auf den Wismarer Ausländerbeauftragten Holger Schlichting, das Opfer sei so schwer verletzt, dass er nur für ein paar Minuten Besuch empfangen könne. Schlichting kennt den Mann laut Thorsten Schäfer von der Netzwerkstelle in Wismar schon lange. "Schlichtings Schützling" habe sich in Deutschland bislang schwer getan und wenige Freunde gehabt. "Er hat jetzt offenbar große Angst", so Schäfer.

Nazi-Partys im Hinterzimmer

Die lokale Politik hält sich mit Verweis auf den Stand der Ermittlungen zurück. Bürgermeisterin Rosemarie Wilcken ließ ausrichten, sie habe sich beim Staatsanwalt über die letzten Erkenntnisse informiert. "Wir wissen zu wenig, um jetzt die große Keule rauszuholen", erklärte Horst Lüdemann (CDU), Vize-Präsident der Wismarer Bürgerschaft, heute gegenüber SPIEGEL ONLINE. Vor der Bürgerschaftssitzung am Abend wollte er mit dem Präsidium beraten, ob eine gemeinsame Erklärung zu dem Vorfall abgegeben werden sollte. Ob es in Wismar ein Problem mit Rechtsextremismus gebe? "Nein", so Lüdemanns eindeutige Antwort.

Sie macht die Leute von der Netzwerkstelle wütend. "Natürlich gibt es eine rechtsradikale Szene, und sie breitet sich aus", sagt Thorsten Schäfer und verweist auf mehrere Zwischenfälle, die es in den vergangenen Jahren gegeben haben soll: Überfälle auf Juden, rechtsradikale Schmierereien, Konzerte mit Nazi-Bands. Ein bei Rechten beliebter Klamottenladen im Stadtkern sei erst Anfang des Jahres auf Intervention der anderen Bewohner des Hauses vertrieben worden. Diese hatten sich über Nazi-Partys im Hinterzimmer beschwert. Jetzt gilt ein Tätowierstudio mitten in der Altstadt als rechte Anlaufstelle. In der Mitte des Rosenmotivs, welches das Schaufenster ziert, lässt sich bei genauem Hinschauen ein verschnörkeltes Hakenkreuz erkennen. Die Stadtteile Friedenshof und Dargätzow bezeichnen die Netzwerker bereits als "No-go-areas".

Der Einfluss rechtsextremer Ideologien sei in Mecklenburg-Vorpommern deutlich gewachsen, räumte auch Innenminister Timm heute bei der Vorstellung des Landesverfassungsschutzberichts ein. Auf 1200 Mitglieder wird die Szene im Land geschätzt. Einige von ihnen sind auch in Wismar zu Hause, so viel scheint klar. Möglich, dass drei von ihnen am Dienstagabend den Togoer krankenhausreif prügelten.



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