Übergriffe in Berlin und Hamburg: Frustzündeln bis zum Gipfel

Von Ingo Arzt

Der Angriff auf das Auto von Bild-Chefredakteur Diekmann ist der Höhepunkt einer Serie von Brandattacken. Teure Autos in Flammen aufgehen zu lassen, wird für linksextreme Splittergruppen zum Sport in den Wochen vor dem G8-Gipfel.

Berlin - In Hamburg brannte das Auto von Kai Diekmann - in Berlin vergeht derzeit im Bezirk Friedrichshain-Kreuzberg kaum eine Nacht, in der nicht mindestens eine teure Limousine angezündet wird. "Ich fürchte, das geht bis zum G8-Gipfel so weiter", sagte der Berliner Innensenator Ehrhart Körting, Vorsitzender der Innenministerkonferenz, zu SPIEGEL ONLINE.

Das ausgebrannte Auto des "Bild"-Chefredakteurs Kai Diekmann: Brandanschläge sind an der Tagesordnung.
DDP

Das ausgebrannte Auto des "Bild"-Chefredakteurs Kai Diekmann: Brandanschläge sind an der Tagesordnung.

Das Feindbild G8-Gipfel vermischt sich in Berlin mit Nachrichten über die Räumung besetzter Häuser oder dem Verkauf eines in der Szene legendären, besetzen Hauses in der Köpenicker Straße in Kreuzberg: "Köpi bleibt" wird auf jeder linken Demo in der Stadt skandiert. 15 Brandanschläge gab es in Berlin seit dem Verkauf des Köpi am 8. Mai - Ausdruck des wachsenden Frusts in der Szene.

Körting spricht von "pseudosozialistischem Frust", gepaart mit diffusem Antikapitalismus. Die Berliner Polizei setzt vermehrt auf zivile Streifen, um der Lage Herr zu werden. Seit Jahresbeginn gab es zwei Festnahmen, bei 45 ausgebrannten Autos. Die Zündler sind extrem schwer zu fassen, Körting spricht von Einzeltätern oder Kleinstgruppen. "Ich habe den Eindruck, die Täter sind selbst in der militanten linken Szene nicht bekannt. Zumindest werden dort keine Anschläge besprochen", sagte Körting zu SPIEGEL ONLINE.

Das Vorgehen könnte auch eine Reaktion auf die Taktiken der Polizei sein: Auf Demonstrationen der linken Szene, auch während der üblichen Krawalle zum ersten Mai setzt die Polizei schon seit Jahren dutzende Beamte mit Kameras ein. Wer hier zündelt, wird gefilmt. Michael Kronawitta, Organisator der "Revolutionären 1. Mai Demonstration" und selbst in verschiedenen linksextremen Gruppen aktiv, vermutet darin einen Grund, warum die Szene vermehrt unberechenbar zuschlägt. Krawall-Nächte wie der erste Mai bleiben dagegen - verglichen mit den Jahren zuvor - relativ ruhig.

Bekennerschreiben aus Hamburg

In Berlin gibt es in den meisten Fällen keine Bekennerschreiben zu den Anschlägen. Ausnahmen bildet die "militante gruppe" (mg), die sich in der Vergangenheit zu zwei Brandanschlägen bekannte. Die Bundesanwaltschaft ermittelt derzeit gegen drei Verdächtige, die Mitglieder in der militanten Truppe sein sollen. Festnahmen gab es allerdings bisher nicht.

Neben Berlin gilt Hamburg als Hochburg von Anschlägen. Gruppen wie "Autonome Gipfelstürmer" oder "Revolutionäre Antikapitalistische AktivistInnen" bekennen sich dazu, Dienstwagen von Managern anzuzünden oder Wohnhäuser mit Farbbeuteln zu bewerfen. Die "AG Kolonialismus und Krieg in der militanten G8-Kampagne" fackelte in Hamburg das Auto des SPD-Politikers Thomas Mirow ab, Staatssekretär im Bundesfinanzministerium. Bereits im Juli 2005 gab es ein Bekennerschreiben mit Bezug auf den G8-Gipfel, nachdem Unbekannte das Auto des Vorstandschefs der Norddeutschen Affinerie, Werner Marnetteder, abgebrannt hatten.

Im Fall des angezündeten Wagens von Kai Diekmann prüft die Bundesanwaltschaft derzeit, ob sie sich in die Ermittlungen einschaltet - was dann der Fall wäre, wenn die Behörde eine terroristische Gruppe hinter den Anschlägen vermutet. Noch gibt es kein Bekennerschreiben. Die Staatsschutzabteilung des Landeskriminalamts Hamburg sieht jedoch einen möglichen Zusammenhang des Anschlags mit dem G8-Gipfel im Juni in Heiligendamm.

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  • Dienstag, 22.05.2007 – 19:29 Uhr
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