Übergriffe in Magdeburg "Für Ausländer haben wir keinen Platz"

Eine schwangere Irakerin wird im Bus attackiert, Deutsche gehen auf Afrikaner los - und keiner schreitet ein. Eine Serie von gewaltsamen Übergriffen erschüttert Magdeburg. Die Politik weiß sich kaum noch zu helfen: Alle Aktionen gegen Fremdenfeindlichkeit scheinen wirkungslos.

Von , Magdeburg


Magdeburg - Ahmad Maaruf A. ist ein einfacher Mann. Sein Deutsch klingt nicht besonders gut, obwohl der Iraker seit neun Jahren hier lebt und als Eisenflechter arbeitet. Aber es ist gut genug, um sich verständlich zu machen: "Normale Menschen machen so etwas nicht", sagt er.

Parole an Magdeburger Hauswand: Irakerin verletzt, Afrikaner verletzt
DPA

Parole an Magdeburger Hauswand: Irakerin verletzt, Afrikaner verletzt

So etwas - damit meint er, was in der Nacht auf Sonntag in einem Nachtbus im Magdeburger Norden passiert ist. Ahmad Maaruf A. erzählt seine Version jenes Dramas, das in dieser Nacht plötzlich über seine Familie kam: Es ist kurz vor 22 Uhr. Der Bus der Linie 96 hält an der Station Große Diesdorfer Straße/Arndtstraße. Ahmad Maaruf A. und seine im fünften Monat schwangere Frau Jiman Ismat steigen an der mittleren Tür ein. Wegen des Kinderwagens mit ihrem zweieinhalbjährigen Kind. Da stehen schon drei andere Kinderwagen, der Bus ist sehr voll. Shilan Ismat A., die Schwester der schwangeren Frau, steigt an der hinteren Tür ein. Dann sei der erste Satz gefallen, von einem der deutschen Väter, erzählt Ahmad Maaruf A.: "Für Ausländer haben wir keinen Platz." Dann noch irgendwas mit "Scheiß Türken".

Der Bus fährt los.

Kurz darauf habe seine Frau einen Ellenbogen ins Gesicht bekommen, sagt Ahmad Maaruf A. "Ihr könnt auch zu Fuß gehen", dieser Satz soll gefallen sein, und: "Macht mal die Tür auf, Ausländer stinken." Ein anderer Deutscher habe die Schwangere heftig in Richtung Ausgang geschoben, gegen den Kinderwagen, dabei den Türöffner gedrückt.

Der Iraker, ein zurückhaltender Mann, unternimmt nach eigenen Angaben nichts. Stattdessen gerät seine Schwägerin außer sich. "Ich habe mich von hinten irgendwie nach vorne geschlängelt", erzählt Shilan Ismat A. "Dann habe ich dem einen Mann ins Gesicht gespuckt und ihn vor die Brust geschlagen." Das Mädchen ist 15, hat lange schwarze Haare und große dunkle Augen. "Ich war außer mir vor Wut."

Sorgen um verletzte Schwangere

Der Fahrer stoppt den Bus, alarmiert die Polizei. Kurz bevor die eintrifft, flüchten die Deutschen. Dank mehrerer Beschreibungen werden sie kurze Zeit später in der Nähe aufgegriffen.

Serban-D. Costa ist Direktor der Magdeburger Universitätsfrauenklinik. "Ich mache mir ernsthafte Sorgen wegen Frau A.", sagt er. Weil sie schon einmal einen Kaiserschnitt hatte, könnte die Narbe reißen - dann drohe eine Fehlgeburt. Dazu könne es aber auch wegen der Aufregung kommen. Die Geschichte, die ihre Familie über das Drama im Bus erzählt, glaubt er: "Für mich persönlich ist sie glaubhaft."

Ein paar Zimmer um die Ecke von Costas Büro wacht Ahmad Maaruf A. mit der Schwägerin über das Bett seiner Frau. Ein paar Blumen und einige Pralinen stehen auf dem Nachttisch, außerdem sind zwei Mitarbeiter der Mobilen Opferschutzberatung gekommen. "Die helfen mir dabei, einen Anwalt zu nehmen", sagt der Iraker.

Denn die beschuldigten Deutschen gehen in die Offensive. Die Polizei hatte sie in Absprache mit der Staatsanwaltschaft schon am Sonntagmorgen gehen lassen. Die Iraker hätten in den vollen Bus gedrängelt, seien selbst aggressiv gewesen, behaupten die Deutschen. Inzwischen liegt laut Polizei auch eine Anzeige vor. Bei der "Magdeburger Volksstimme", die heute ausführlich über den Vorfall berichtete und zu Zeugenaussagen aufrief, meldeten sich bis zum Abend mehrere Leser, die ebenfalls die Iraker belasten.

Die Schaulustigen unternahmen nichts

Welche Rolle die Iraker und die Deutschen in jener Nacht genau hatten, müssen nun die Ermittlungen klären. Fest steht allerdings: Die Zeugen, die sich jetzt melden, haben bei dem Vorfall im Bus nicht eingegriffen. Keiner hat verhindert, dass eine schwangere Frau verletzt wurde.

Wie steht es um die Zivilcourage in Magdeburg?

In der Nacht auf Sonntag kam es in Sachsen-Anhalts Hauptstadt zu noch einem Zwischenfall: gegen ein Uhr, in einem beliebten Kneipenviertel in der Innenstadt. Drei Männer und eine Frau aus dem westafrikanischen Niger wurden attackiert. Sie hatten gerade ein Lokal am Hasselbachplatz verlassen, da griffen mehrere Deutsche sie an.

Ein Radfahrer alarmierte eine Polizeistreife in der Nähe, zwei Beamte gingen dazwischen - am Ende wurde einer von ihnen ebenso verletzt wie zwei Afrikaner. Und ein Punk, der die Szene beobachtet hatte und den Polizisten zu Hilfe kam.

"Es hat nicht länger gedauert als drei Minuten, bis Verstärkung da war", sagt Magdeburgs Polizeisprecher Frank Küssner. Aber da waren die Täter schon verschwunden. Keiner in der wachsenden Menge der Schaulustigen hatte sie daran gehindert. Auch für diesen Vorfall sucht der Staatsschutz nach Zeugen.

Oberbürgermeister fordert Zivilcourage

"Hingucken" heißt die Kampagne der Landesregierung von Sachsen-Anhalt, die sich gegen das Ignorieren fremdenfeindlicher Übergriffe richtet. Jetzt ist die Politik aufgeschreckt: "Ich bedaure die Vorfälle sehr und werde den Innenminister bitten, über den genauen Hergang morgen im Kabinett zu berichten", sagt CDU-Ministerpräsident Wolfgang Böhmer SPIEGEL ONLINE. Oberbürgermeister Lutz Trümper zeigte sich angesichts der beiden Vorfälle schockiert. Er verurteile die Übergriffe "aufs Schärfste", sagte der SPD-Politiker und rief zu Zivilcourage auf. So etwas dürfe nicht geduldet werden.

Die Polizei scheint sich zu bemühen, das Problem in den Griff zu bekommen. Der neue Magdeburger Polizeipräsident Johann Lottmann bekommt auch von der Opferberatung Lob. Lottmann hat eine Art Null-Toleranz-Strategie gegen Fremdenfeindlichkeit ausgerufen, der Staatsschutz wurde deutlich aufgestockt.

Aber was hilft es? Schon am vergangenen Wochenende wurde ein afrikanisches Ehepaar in Magdeburg angegriffen, in einer Straßenbahn. Auch da griff keiner ein. Die Opferberater erzählen von weiteren Fällen in Bussen und Bahnen.

Die Beschuldigten im Fall von Ahmad Maaruf A. sind bisher unbescholtene Bürger. "Die sind weder polizeibekannt, noch weiß man von einem rechtsextremistischen Hintergrund", sagt Polizeisprecher Küssner.

Täter und Gaffer, alles ganz normale Deutsche? Nein, "normale Menschen machen so etwas nicht", wiederholt Ahmad Maaruf A. noch mal. Seiner Familie gehe es nicht um Aufmerksamkeit. Sondern um Aufklärung und Schmerzensgeld für seine Frau. Und um noch etwas, fügt seine Schwägerin Shilan Ismat hinzu: "Der kaputte Kinderwagen muss ersetzt werden."



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