Überlegenheits-These Kritik an Rüttgers reißt nicht ab

Bereits kurz nach der Talk-Show muss Nordrhein-Westfalens CDU-Chef Jürgen Rüttgers klar geworden sein, dass er mit seiner Äußerung zur "Überlegenheit" der katholischen Religion nicht nur Freunde gewonnen hatte. Doch selbst Erklärungsversuche und eine Interviewoffensive konnten den Sturm der Entrüstung nicht verhindern.


CDU-Politiker Rüttgers: "Ich glaube, dass es das Richtige ist"
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CDU-Politiker Rüttgers: "Ich glaube, dass es das Richtige ist"

Düsseldorf - Der Vorsitzende des Zentralrats der Muslime in Deutschland, Nadeem Elyas, mahnte den CDU-Spitzenkandidaten bei der Landtagswahl am 22. Mai zur Mäßigung. "Die Frage, welche Vorzüge der Katholizismus vor dem Protestantismus, dem Judentum oder dem Islam hat, sollten Spitzenpolitiker den Theologen überlassen", sagte Elyas. "Sie sollten vernünftigerweise keine spaltenden Keile zwischen die Religionsgemeinschaften durch ihre Überlegenheitsbewertungen treiben."

Grünen-Bundesgeschäftsführerin Steffi Lemke forderte die CDU-Vorsitzende Angela Merkel auf, klarzustellen, wofür das C in der Union stehe. "Oder plagen Frau Merkel ähnliche Überlegenheitsgelüste und Kreuzzugsgefühle wie Herrn Rüttgers?" Rückendeckung erhielt Rüttgers aus seinem CDU-Landesverband.

Der parlamentarische Geschäftsführer der Grünen-Bundestagsfraktion Volker Beck nannte die Äußerungen von Rüttgers "bigott und pharisäerhaft". Der rheinland-pfälzische Ministerpräsident und SPD-Vize Kurt Beck hatte schon gestern gesagt, Rüttgers habe den Geist der Ökumene nicht verstanden. Kritik an Rüttgers kam auch von außerhalb der politischen Parteien. Das ökumenische Netzwerk "Initiative Kirche von unten" erklärte: "Herr Rüttgers muss sich bewusst sein, dass er damit den interreligiösen Dialog gefährdet."

Die Kritik kommt aber nicht allein aus den Reihen des politischen Gegners. Zwar attackierte der Generalsekretär der NRW-CDU, Hans-Joachim Reck, Rüttgers-Kritiker wie den nordrhein-westfälischen SPD-Chef Harald Schartau scharf. Behauptungen, der CDU-Spitzenkandidat habe von einer Überlegenheit des Katholizismus gesprochen, seien Teil eines "Lügenwahlkampfs" der SPD. Thüringens CDU-Ministerpräsident Dieter Althaus, ein bekennender Katholik, sagte dagegen: "Ich teile Rüttgers Auffassung nicht." CDU-Generalsekretär Volker Kauder enthielt sich eines Kommentars zu der Auseinandersetzung. Der Vorsitzende der FDP in Nordrhein-Westfalen, Andreas Pinkwart, sagte lediglich: "Jetzt lasst mal die Kirche im Dorf."

Der Spitzenkandidat der nordrhein-westfälischen CDU für die Landtagswahl in vier Wochen hatte in der Sendung "Studio Friedman" des Nachrichtensenders N 24 gesagt: "Als Katholik glaube ich, dass unser christliches Menschenbild das Richtige ist und nicht vergleichbar ist mit Menschenbildern, die es anderswo auf der Welt gibt". Auf Nachfrage von Moderator Michel Friedman nach der etwaigen Überlegenheit der katholischen Kirche und ihres Menschenbildes sagte Rüttgers: "Ich glaube, dass es das Richtige ist, wenn Sie wollen auch überlegen." Dies bedeute für einen Protestanten, einen Juden oder Moslem, dass er von seiner Religion "genau so überzeugt sein kann und man auf der Basis anfängt, miteinander zu reden".



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