Von Michael Sontheimer und Sven Becker
Jubelgebrüll. Verschwitzte Männer liegen sich in den Armen und tanzen unter glitzernden Discokugeln im Kreis. Die Piratenpartei feiert den Einzug ins Berliner Abgeordnetenhaus mit selbstgeschmierten Brötchen und Flaschenbier im Ritter Butzke, einem angesagten Club in Berlin-Kreuzberg. Es riecht nach Gras.
Christopher Lauer lässt sich auf ein Sofa fallen und schickt eine Dankesmeldung über Twitter in die Welt. Nur kurz legt er das Smartphone auf die Seite. "Ich kann es nicht fassen. Es ist atemberaubend, eine surreale Stimmung, weil ein Vergleich fehlt", sagt Lauer, der auf Platz zehn der Liste ins Parlament einzieht.
"Geil", sagt Sebastian Nerz, Bundesvorsitzender der Piraten, der an diesem Abend auch vor der Leinwand steht. "Das ist das erste Mal seit den achtziger Jahren, dass eine neue politische Kraft die Bühne betritt."
Tatsächlich haben die Piraten eine Sensation geschafft. Zum ersten Mal seit Gründung der Partei in Deutschland im Jahr 2006 ziehen sie in ein Landesparlament ein - und das voraussichtlich mit etwa neun Prozent der Stimmen. Damit hätte die Partei selbst nicht gerechnet. Sonst hätte sie für die Wahl nicht nur 15 Kandidaten auf ihrer Liste nominiert. Nachnominieren geht nicht. Wird das Ergebnis am Ende noch besser, bleiben in der Piraten-Fraktion im Abgeordnetenhaus Sitze leer. Ein Anfängerfehler, ein Piratenfehler.
Während die einen im Club feiern, absolvieren andere erste TV-Auftritte. Fremdes Terrain. "Wir werden als Erstes auf die Laternen klettern und unsere Plakate wieder runterholen." Andreas Baum, Spitzenkandidat der Piraten, ist ganz ruhig, als er im Abgeordnetenhaus darauf zu sprechen kommt, was die Piraten jetzt tun werden. "Natürlich sind wir Amateure", räumt er ein, "es wäre sinnlos, das zu leugnen." Seine Pressesprecherin weiß ihre Handynummer nicht und hat noch keine Visitenkarten, aber das spielt heute Abend keine Rolle: "Wir sind visionär, aber vernünftig", sagt der Oberpirat.
Als er gegen 21.30 Uhr endlich am Ritter Butzke eintrifft, wo seine Piraten noch immer den historischen Wahlsieg feiern, halten ihn erst mal die Türsteher auf. Er solle doch bitte mal seinen Rucksack öffnen, Flaschen seien bei der Party verboten. So erzählt es Baum unter großem Gelächter seiner Anhänger auf einer kleinen Bühne, nachdem er sich endlich dorthin vorgekämpft hat.
Etwa ein Dutzend Fotografen haben sich um Baum versammelt, er blinzelt im Blitzlichtgewitter. Baum mag den Trubel nicht, so viel ist schon den ganzen Abend klar geworden. "Es freut mich, endlich wieder in bekannte Gesichter zu sehen", sagt Baum. "Ich komme mir wahnsinnig bescheuert vor."
Zum Abschied wünscht Baum allen noch eine "geile Party", "haut rein" und sagt: "Ich liebe euch alle". Dann zerrt ihn eine Pressefrau vor die Kamera des ZDF - zur Live-Schaltung.
Genau mit dieser Mischung haben sie auch Erfolg gehabt. Die lustigen Plakate ("Religion privatisieren") haben sie sich selbst ausgedacht, nicht eine Werbeagentur. Jeder in der Partei konnte mitmachen. Angebliche Profis hatten die Plakate verdammt, aber da waren sie schon gedruckt.
Der Glaube an den intelligenten Menschen
Pirat Mayer macht für den eigenen Erfolg auch die Schwäche der Gegner verantwortlich. "Die anderen waren so schlecht, deren Plakate waren so schlecht." Im Vergleich dazu besser zu sein, "das lief gut". Mayer und Baum ist ein wenig schwindelig vor dem großen Sprung. Sie sind unbezahlte Freizeitpolitiker, die Partei hat in Berlin nur tausend Mitglieder. Aber sie sind guten Mutes. "Wir sind nicht dumm", sagt Mayer.
Die etablierten Parteien machten sich lange über die neue Konkurrenz lustig. Renate Künast behauptete, die Grünen könnten die Piraten "resozialisieren", damit sie bei der nächsten Wahl nicht wieder antreten. Klaus Wowereit (SPD) warnte in der "Bild am Sonntag", "die Menschen sollten sich sehr gut überlegen, ob sie aus reinem Protest für eine Partei stimmen, die ihren Spitzenkandidaten durch Los bestimmt und zu den wesentlichen gesellschaftlichen Themen ein völlig unklares Profil hat".
Es war auch diese Arroganz, die gerade Jungwähler abschreckte. Denn mit Protestwahl hat der Erfolg der Piraten nur zum Teil zu tun. Die etablierten Parteien haben im Wahlkampf übersehen, dass sich in Berlin eine relevante Wählergruppe herausgebildet hat, deren Interessen von keiner anderen Partei wahrgenommen werden.
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