Übertrittsgerüchte: Mierscheid schließt nichts aus

Nachrichtenagenturen haben den Übertritt des SPD-Bundestagsabgeordneten Jakob Maria Mierscheid zur Linkspartei gemeldet. SPIEGEL ONLINE hat nachgefragt – und das Bundestags-Phantom hat alles verraten: über die Abwanderungsgerüchte, eine dubiose Kaninchenmordserie im Hunsrück und die Chancen seiner Partei.

SPD-Phantom- abgeordneter Jakob Maria Mierscheid: Seit 23 Jahren im Bundestag
DDP

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abgeordneter Jakob Maria Mierscheid: Seit 23 Jahren im Bundestag

SPIEGEL ONLINE:

Herr Mierscheid, mehrere Nachrichtenagenturen haben gestern Ihren Austritt aus der SPD und Ihren Übertritt zur Linkspartei von Oskar Lafontaine gemeldet. Warum kehren Sie der SPD nach mehr als fünf Jahrzehnten den Rücken?

Mierscheid: Dat is doch alles Kappes. Eine ausgesprochen blöde Ente. Nicht mal fett. Die Agenturen schreiben wirklich jeden Kram. Ich habe Franz informiert, er war schon ganz besorgt. Dem hab ich gesagt: Franz, ganz ruhig, ich bleibe natürlich in der Partei.

SPIEGEL ONLINE: Sie wollen gar nicht austreten?

Mierscheid: Nein. Irgendein übelmeinender Geselle hat in meinem Namen eine Austrittserklärung herum geschickt. Ich finde es erschütternd, dass mich kein Journalist angerufen hat. Dabei bin ich hier in Morbach jederzeit zu erreichen. Und wenn alle Leitungen besetzt sind, dann über meine Brieftauben. Irgendwer wollte da mir und der Partei Schaden zufügen.

SPIEGEL ONLINE: Haben Sie einen Verdacht?

Mierscheid: Da können viele dahinter stecken. Ich bin seit 1979 immer wieder ohne jede Gegenstimme in den Bundestag gekommen. Aber im westlichen Hunsrück passierten in letzter Zeit merkwürdige Dinge, zum Beispiel ging da ein Karnickelmörder um. Meine Kollegen im Kleintierverein waren ganz beunruhigt. Die Kripo war auch schon da. Mit meinen guten Kontakten zum Otto haben wir die Sache dann aufgeklärt.

SPIEGEL ONLINE: Wer steckte hinter den Anschlägen?

Mierscheid: Darüber kann ich leider nicht sprechen. Aber ich sage Ihnen: Nach mir wurden Restaurants und Gesetze benannt. Ich war überall beliebt und anerkannt, aber manchen stört das halt.

SPIEGEL ONLINE: Wollen Sie der Union im Ernst das Fälschen von Austrittserklärungen und Kaninchenmord unterstellen?

Mierscheid: Junger Mann, ich unterstelle gar nichts. Mit den Schwarzen im Hunsrück bin ich immer gut ausgekommen. Da trifft man sich sonntags in der Heiligen Messe und hinterher zum Frühschoppen. Bei uns gilt: Leben und leben lassen. Eine Koalition mit der Union sollten wir deshalb keineswegs ausschließen.

SPIEGEL ONLINE: Könnte Oskar Lafontaine dahinter stecken?

Mierscheid: Mit den Kaninchenmorden hat er wohl nichts zu tun.

SPIEGEL ONLINE: Und hinter der gefälschten Austrittserklärung?

Mierscheid: Ich kenne den Oskar schon lange. Der ist Saarländer und das beginnt hinter dem großen Wald hinter Morbach. Der war früher ein guter Mann, aber heute lebt er da in seinem Palast der Sozialen Gerechtigkeit bei Saarlouis und hortet Rotwein. Dem Oskar ist vieles zuzutrauen. Ich könnte Ihnen da Geschichten erzählen. Oskar, hörst Du das? Schämen sollst Du Dich. Damals in Bonn bist du als einziger vom Mierscheid-Gesetz abgewichen, sonst hat es kein Kanzlerkandidat verletzt und hast Dich aus dem Staub gemacht, und jetzt willst Du noch die Partei ärgern und dich rächen. Aber nicht mit mir! Ich stehe zur SPD, wir haben schon viel dunklere Zeiten mitgemacht. Trotzdem: Eine Koalition mit der Linkspartei sollten wir keineswegs ausschließen.

SPIEGEL ONLINE: Welche Chancen geben Sie der Linkspartei?

Mierscheid: Ich habe viele Linksparteien kommen und gehen sehen. Das hatten wir doch schon alles. Mein Großonkel Jonathan, auch ein Nachfahre von Johannes Bückler, war auch in der USPD, dann kam er reumütig zurück. Dann gab es diese Demokratischen Sozialisten, Coppik, Hansen usw. War auch nix. Bei uns im Hunsrück hat die PDS keine Chance. Und in Mainz regiert immer noch der Kurt Beck. Eine sozialliberale Koalition im Bund sollten wir keineswegs ausschließen.

SPIEGEL ONLINE: Aber die Globalisierung, die Massenarbeitslosigkeit, die Armut in Afrika, der Krieg im Irak?

Mierscheid: Man muss auch das Positive sehen. Ich als Schneidermeister würde nie einen Betrieb auslagern, aber man muss auch günstig einkaufen. Und auf den Containern steht nix drauf.

SPIEGEL ONLINE: Herr Mierscheid, Sie wurden 1933 geboren. Wollen Sie noch mal antreten im Wahlkampf?

Mierscheid: Selbstverständlich. Adenauer, den ich übrigens gut kannte, weil er seine Rosen immer in der Gärtnerei meines Cousins besorgen ließ, die waren nämlich besser als seine selbstgezüchteten und er ja nicht pingelig, ist mit 73 Kanzler geworden. Ich bin fast genau so alt. Als erfahrener Fahrensmann der SPD kann ich nur hoffen, dass wir uns die in den Parteien grassierenden Gerontophobie nicht zu Eigen machen. Eine Koalition mit den Grauen Panthern sollten wir keineswegs ausschließen.

SPIEGEL ONLINE: Inzwischen wird über eine große Koalition spekuliert.

Mierscheid: Ich bin bereit, in jeder Konstellation Verantwortung zu übernehmen. Das wissen alle, die es wissen müssen. Sie fragen mich ja auch um Rat.

SPIEGEL ONLINE: Und der Kanzler? Hat der auch Ihre Nummer?

Mierscheid: Ich habe immer loyal zum Kanzler gestanden. Von mir werden Sie kein schlechtes Wort über Gerhard Schröder hören. Letzte Woche war der Horst Ehmke bei mir, der hat mir da Geschichten erzählt aus dem Kanzleramt, von früher. Ich sag bloß: Barroso heißt der Mann, nicht Barolo. Und am 19. September sehen wir weiter. Eine Regierungsbeteiligung sollten wir keineswegs ausschließen.

SPIEGEL ONLINE: Ihre Bilanz nach sieben Jahren rot-grüner Regierung?

Mierscheid: Von den Grünen bin ich etwas enttäuscht. Ich habe dem Rezzo Schlauch und der Künast zum Beispiel kostenlos meine Schriften zum Thema "Aufzucht und Pflege der geringelten Haubentaube in Mitteleuropa und anderswo" überlassen, aber dann nie wieder was von denen gehört. Dabei sind die gar nicht alle Vegetarier. Aber eine Koalition mit den Grünen sollten wir keineswegs ausschließen.

SPIEGEL ONLINE: Herr Abgeordneter Mierscheid, wir danken Ihnen für dieses Gespräch.

Mit Jakob Maria Mierscheid sprach Claus Christian Malzahn. Das Gespräch wurde von Friedhelm Wollner gegengelesen, der dem fiktiven Abgeordneten seit langem Gehör verschafft

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