Verhalten gegenüber Russland Kohl kritisiert Rolle des Westens im Ukraine-Konflikt

An den verhärteten Fronten zwischen dem Westen und Russland im Ukraine-Konflikt sind nach Ansicht von Altkanzler Kohl auch die G7-Staaten schuld. Dass sie Putin von ihrem Gipfel ausgeschlossen hätten, habe er als "bedrückend" empfunden.

Altkanzler Helmut Kohl (im Oktober 2014): "Nicht alles verspielen, was wir schon einmal erreicht hatten"
REUTERS

Altkanzler Helmut Kohl (im Oktober 2014): "Nicht alles verspielen, was wir schon einmal erreicht hatten"


Berlin - Altkanzler Helmut Kohl (CDU) kritisiert das Verhalten der Industrienationen in der Ukraine-Krise, das Russland isoliert habe. Der Westen hätte sich klüger verhalten können, schreibt Kohl nach einem Bericht der "Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung" in seinem neuen Buch "Aus Sorge um Europa". Darin beklagt er insbesondere, dass sich die führenden Industrienationen im Juni als G7 ohne Russland getroffen hätten. Das habe er als "einschneidend und auch bedrückend" empfunden.

Als Kanzler hatte Kohl 1998 die Aufnahme Russlands in die Gruppe durchgesetzt. Er schreibe weiter: "Im Ergebnis müssen der Westen genauso wie Russland und die Ukraine aufpassen, dass wir nicht alles verspielen, was wir schon einmal erreicht hatten."

Kohl und der neue EU-Kommissionspräsident Jean-Claude Juncker wollen das Buch an diesem Montag in Frankfurt vorstellen. Darin kritisiert der Altkanzler auch Gerhard Schröder und die SPD scharf. Seine Nachfolgeregierung habe Griechenland zu früh in die Eurozone aufgenommen und den Euro-Stabilitätspakt aufgeweicht.

Auch mit Parteikollegen geht Kohl nicht zimperlich um: Über Kanzlerin Angela Merkel etwa sagte er, sie könne "nicht mit Messer und Gabel essen"; den damaligen niedersächsischen CDU-Chef Christian Wulff bezeichnete er als "großen Verräter". Diese Aussagen, veröffentlicht im SPIEGEL, sind nachzulesen in dem Buch "Vermächtnis: Die Kohl-Protokolle" der Journalisten Heribert Schwan und Tilman Jens, gegen das Kohl derzeit vorgeht.

hei/dpa



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Ronnyrichard 02.11.2014
1. Der Altkanzler ... !
Der Altkanzler, … ! … der weiß doch mehr als man vermutet! Ein isoliertes Russland könnte auf Dauer überreagie-ren. Mit den Flugmanövern in der letzten Woche zeigt sich schon die Nervosität der russischen Regierung und des Militärs. Die Wirtschaft der EU ist auf russische Rohstoffe angewiesen und Russland auf Geld aus dem Ausland. Dies ist der Punkt, der immer wieder hoffen lässt, dass es wieder zu einer Verständigung kommt. Außerdem ist dies Russland meines Erachtens von sei-ner politischen Einstellung weit entfernt von einer UdSSR unter Breschnew. Russland wird aber auch noch Zeit brauchen um eine Zivilgesellschaft nach westlichem Vorbild zu werden. Der Westen muss Geduld haben und seine Forderungen nach Einhaltung nach Menschenrechten in Russland nicht überspannen. Dies wäre bigott, denn der Westen handelt auch nach dem Motto „Geld stinkt nicht!“
kopp 02.11.2014
2. Kohl hat recht, wenn er die Isolationspolitik gegenüber Russland beklagt
Kohl bestätigt das, was auch andere nicht mehr aktive Politiker aussprechen: Der Westen und hier besonders die EU hat im Umgang mit der Ukraine gravierende Fehler gemacht. Ohne die Politik Putins gutzuheißen, muss man feststellen, dass die von der US-Regierung aufgebaute und von Brüssel mitgetragene Drohkulisse durch Sanktionen Moskau in eine schwierige Lage versetzt hat, aus der es ohne Gesichtsverlust nur schwer rauskommen kann. Man muss sich mal psychologisch die Situation vorstellen, da wird ein wichtiges Land wie Russland aus dem Club der G7 ausgeschlossen, so als würde der Lehrer einen Schüler demütigend vor die Tür schicken. Da kann man Kohl nur recht geben, wenn er diese Isolationspolitik gegenüber Russland kritisiert. Es gibt so etwas wie Realpolitik und davon hat man während der ganzen Ukraine Krise nichts gespürt. Putin und der Westen haben beide Fehler gemacht und beide müssen nach Wegen suchen da wieder rauszukommen. Der erste Schritt muss jetzt erfolgen.
f-rust 02.11.2014
3. kohl hat recht und
ich wünschte, dass zumindest die "qualitäts-massenmedien" endlich einmal anfangen, ein differenzierteres bild zu zeichnen und die mitverantwortung des westens, der usa, uk, eu und auch D's an der verfahrenen situation zu benennen - anstatt überwiegend russland-basging, putin-dämonisierung etc. zu betreiben. ... man wird sich ja noch mal was wünschen dürfen, oder? ((große hoffnung hege ich nicht))
svenschuldt 02.11.2014
4. Altkanzler und Ihre Kommentarsucht ...
Es wäre wirklich befreiend, wenn Herr Kohl seine Kommentare einfach mal unterlassen könnte. Es war schon schlimm, genug ihn während seiner Kanzlerschaft immer wieder hören zu müssen. Es ist befremdlich festzustellen, dass Altkanzler den Bezug zur Realität verlieren - das galt für Schmidt hinsichtlich seiner Bewertung Chinas oder auch der Klimaveränderung und für Kohl gilt es ebenso. Da annektiert ein Möchtegern-Diktator Teile eines Nachbarlandes und dann soll ihm noch der Hof gemacht werden ? Der Mann hat ernsthafte Probleme!
uspae2007 02.11.2014
5. kein Problem
Er hat erkannt, dass die Sanktionen ins Leere laufen, und Europa sich selbst am meisten schadet. Russland ist nicht erpressbar, und wird sich mehr dem Osten zuwenden. All das, was Deutschland und die EU importiert hat, wird ersetzt werden. Durch andere oder durch Eigenproduktion. Lächerlich wer glaubt, die EU ist nicht ersetzbar. Man sägt sich gerade den eigenen Ast ab.
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