Von Florian Gathmann und Philipp Wittrock
Berlin/Paderborn - Es klingt einigermaßen bizarr - aber wer um seine Mutter kämpft, ist eben zu allem bereit: Jewgenija Timoschenko, Tochter der inhaftierten ukrainischen Oppositionsführerin Julija Timoschenko, machte sich am Montagnachmittag von Berlin aus auf den Weg ins ostwestfälische Paderborn. Ihr Ziel nach ersten Informationen von SPIEGEL ONLINE: Eine Wahlkampfveranstaltung der nordrhein-westfälischen CDU, bei der auch Kanzlerin und Parteichefin Angela Merkel auftrat. Timoschenko ist verzweifelt, ein Treffen mit Merkel sieht sie offenbar als große Chance.
Bundeskanzlerin Angela Merkel setzte sich bei dem Wahlkampfauftritt später am Abend für die frühere ukrainische Ministerpräsidentin Julija Timoschenko ein. "Wir wollen, dass Julija Timoschenko die notwendige medizinische Versorgung bekommt", sagte die CDU-Politikerin am Montag in Paderborn vor 4000 Menschen. Deswegen habe der Vorsitzende des Auswärtigen Ausschusses im Europäischen Parlament, Elmar Brok, die Tochter der in der Ukraine inhaftierten Oppositionspolitikerin, Jewgenija Timoschenko, an diesem Abend eingeladen, um ihr zu zeigen: "Wir werden das nicht vergessen." Ein Treffen mit Merkel habe es aber nicht gegeben, sagte Brok.
Die frühere Premierministerin Julija Timoschenko verbüßt in der Ukraine eine mehrjährige Haftstrafe, derzeit protestiert sie mit einem Hungerstreik gegen ihre Haft und die Weigerung der Regierung, sie für eine medizinische Behandlung ausreisen zu lassen. Timoschenko leidet an einem Bandscheibenvorfall und hat mittlerweile eingewilligt, sich in einem ukrainischen Krankenhaus behandeln zu lassen. Zu dem Ärzteteam gehört auch ein deutscher Spezialist.
Erst am Morgen war Jewgenija Timoschenko in Berlin eingetroffen - schon zuvor hatte sie deutlich gemacht, wie wichtig eine Zusammenkunft mit Merkel und am Besten auch mit Bundespräsident Joachim Gauck im Interesse ihrer Mutter sei. Doch sowohl Merkel als auch Gauck waren zu einem Treffen in Berlin nicht bereit. "Der Bundespräsident hofft, dass es für Frau Timoschenko und die anderen inhaftierten Oppositionellen in der Ukraine Erleichterungen geben wird", ließ das Staatsoberhaupt lediglich erklären.
Zurückhaltung bei Merkel und Gauck
Merkel und Gauck sind wohl auch deshalb zurückhaltend, weil der Fall Timoschenko eine heikle Angelegenheit ist. Seit Wochen wird auf diplomatischem Wege versucht, die Situation der inhaftierten Oppositionspolitikerin zu verbessern. "In Zusammenarbeit mit den Ärzten setzt die Bundesregierung alles daran, die dringend notwendige Behandlung zu erreichen", hieß es aus Regierungskreisen. Zudem wurde darauf verwiesen, dass Merkel schon im März in Brüssel mit der Timoschenko-Tochter zusammen getroffen war. Wenige Wochen vor Beginn der Fußball-EM in Polen und der Ukraine sorgt die Causa Timoschenko für eine schwere Krise zwischen Berlin und Kiew. Immer mehr deutsche Politiker haben sich zuletzt für einen Boykott der EM ausgesprochen.
Doch Jewgenija Timoschenko ließ nicht locker. Ein geplantes Treffen mit der Arbeitsgruppe "Menschenrechte" der Unionsbundestagsfraktion und Interviews mit deutschen Journalisten ließ sie am Nachmittag überraschend platzen - ohne Angabe von Gründen. Zuvor war Timoschenko mit dem Chef der Konrad-Adenauer-Stiftung, Hans-Gert Pöttering, und Bundesjustizministerin Sabine Leutheusser-Schnarrenberger (FDP) zu vertraulichen Gesprächen zusammengekommen. Stundenlang herrschte Unklarheit über ihre Pläne, dann sickerte am frühen Abend durch, dass sie auf dem Weg nach Paderborn war - in der Hoffnung, doch noch Merkel zu treffen. Aus Kreisen der NRW-CDU wurde zunächst bestätigt, dass Timoschenko der Wahlkampfveranstaltung auf dem Domplatz beiwohnen werde.
Zu einem Gespräch mit Merkel kam es allerdings nicht: Schon vor Beginn der Veranstaltung machte sich Jewgenija Timoschenko wieder auf den Rückweg in die Hauptstadt - angeblich, um Ärzte im Berliner Krankenhaus Charité zu treffen, die ihre Mutter behandeln sollen.
So jedenfalls stellt es der CDU-Europaabgeordnete Elmar Brok dar. Der sitzt im Europaparlament dem Ausschuss für Auswärtige Angelegenheiten vor und hatte schon an dem Timoschenko-Termin am Vormittag in der Adenauer-Stiftung teilgenommen. Brok bestritt, dass Timoschenko überhaupt auf ein Treffen mit Merkel spekuliert habe. "Das war nie geplant", sagte er SPIEGEL ONLINE.
Was aber wollte sie dann in Paderborn? Nach Broks Worten habe die Ukrainerin ihn auf der Zugfahrt ins Ostwestfälische lediglich begleitet, um Zeit für ein längeres Gespräch mit ihm zu haben.
Mit Material von dpa/dapd
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