Deutsche Sicht auf Russland In der antiamerikanischen Nische

In der Auseinandersetzung mit Russland zeigt sich bei Teilen der deutschen Bevölkerung antiamerikanisches Denken. Das mutet an wie ein pubertärer Komplex.

Ein Debattenbeitrag von


Der Ukraine-Konflikt mit Russland ist für Teile der deutschen Bevölkerung überraschenderweise ein Konflikt mit Amerika. Es scheint die Regel zu gelten: Je aggressiver Wladimir Putin in der Ukraine vorgeht, desto entschiedener fällt in Deutschland die Kritik an den USA aus.

Dabei finden die Deutschen Putin keineswegs sympathisch. Nur 15 Prozent der Befragten hielten Russlands Präsidenten laut Infratest dimap im März für einen vertrauenswürdigen Partner. Und nur acht Prozent sahen ihn ihm einen Demokraten.

Politische Zuneigung kann also nicht der Grund sein, wenn etwa eine Mehrheit der Deutschen Verständnis für Putins Krim-Annexion äußert; wenn die Foren deutscher Medien geflutet werden mit CIA-Verschwörungstheorien und Applaus für den Moskauer Autokraten; wenn, wie Bernd Ulrich jüngst in der "Zeit" so treffend festgestellt hat, einerseits die Legitimität des Völkerrechts offensiv in Frage gestellt, andererseits "die von Putins nationalistisch-imperialer Ideologie aber ernstlich erwogen" wird.

Eine Art pubertärer Komplex

Es sind antiamerikanische Reflexe, die sich da zeigen. Nur 45 Prozent der Deutschen sehen laut ARD-Deutschlandtrend vom April den Platz Deutschlands "fest im westlichen Bündnis", 49 Prozent dagegen wünschen sich eine "mittlere Position" zwischen dem Westen und Russland. Dass hier eine Mehrheit die Westbindung zur Disposition stellt, die Deutschland Freiheit und Demokratie gebracht hat - also das, was sich andere Völker revolutionär erkämpfen mussten - das ist verstörend.

Vielleicht ist es aber viel einfacher, auch menschlicher: Teile der deutschen Bevölkerung, die Jungen nicht weniger als die Alten, haben eine Art pubertären Komplex, wenn es um Amerika geht. Zugleich lebt der größere Teil des Landes seit bald 70 Jahren fröhlich und in Wohlstand unterm US-Schutzschirm. Wie rebellische Teenager lehnen sie sich auf, stur und bockig. Es wird relativiert und umgedeutet:

Die Russen sollen das Völkerrecht gebrochen haben? Haben die USA doch auch schon gemacht! Sanktionen gegen Russland? Was geht uns denn die Ukraine an? Russland unterstützt die Separatisten im Osten des Landes? Ja ja, aber der CIA-Chef war doch gerade in Kiew! Putin, ein autokratischer Herrscher? Immer noch besser als ein Demokrat vom Schlage eines Obama!

Die moralischen Maßstäbe der anderen sind natürlich Schrott

Es muss sich herrlich bequem leben in dieser antiamerikanischen Nische. Der Bösewicht steht fest, die USA liegen immer falsch, so wie die Eltern aus Sicht ihrer pubertierenden Kinder. Die Alten sind doof und der Westen auch. Putin weiß das zu nutzen: Der "einfache Mensch in Deutschland, Frankreich und Italien spürt Falschheit sofort", erklärte er am Donnerstag bei seiner Propaganda-Show im Fernsehen.

Gleichzeitig treten die antiamerikanisch gesinnten Deutschen hypermoralisch auf, was nicht minder pubertär ist. Sie wissen alles besser, sie sind geläutert. Sie rufen: Vietnam! Irak! Drohnenkrieg! NSA! Die Amis kapieren es einfach nicht!

Nicht nur, dass die deutschen Autos vermeintlich besser sind. Auch die moralischen Maßstäbe der anderen sind natürlich Schrott. Einer Win-Gallup-Umfrage zufolge bezeichneten zuletzt 17 Prozent der Deutschen die USA als "größte Bedrohung für den Weltfrieden", das ist der Spitzenplatz vor Iran. Am stärksten ausgeprägt ist die Ablehnung bei den Jüngeren: 25 Prozent der 25- bis 34-Jährigen halten Amerika für die größte Bedrohung. Das ist pubertäre Paranoia.

Die USA sind kein Dämon

Fixiert auf die USA und gleichzeitig schwer beleidigt, verkriecht sich da mancher ins politisch-moralische Schneckenhaus. Da blüht dann die Das-muss-doch-mal-gesagt-werden-Kultur, verbreiten sich die Verschwörungstheorien, versichert man sich der angeblichen Meinungsdiktatur der angeblichen Mainstream-Medien.

Warum fällt es uns Deutschen eigentlich so schwer, Konflikte auf erwachsene Art zu lösen? Sie in all ihren Facetten zu beleuchten und nicht ins Schwarzweißmuster zu verfallen?

Als Gerhard Schröder eine Teilnahme am unsinnigen Irak-Krieg ausschloss, da war das ein Moment der Souveränität. Die politische Lehre aus der massenhaften NSA-Überwachung könnte nun die sein, dass Deutschland seine Spionageabwehr ausbaut. Gut so.

Die USA sind ein demokratischer Staat und kein Dämon. Schönen Gruß in die Nische.

Forum - Diskussion über diesen Artikel
insgesamt 847 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
Phil2302 18.04.2014
1.
Mir hat jetzt irgendwo die Begründung gefehlt, warum ich meine Meinung ändern sollte. NSA Skandale sind für mich eine ebenso große Bedrohung für Frieden und Freiheit wie das, was gerade auf der Krim geschieht. Und bei aller Liebe, aber die heutige USA kann nicht mehr mit dem Land von vor 70 Jahren verglichen werden.
spiegelfreak 18.04.2014
2. Hinsetzen, 6, Thema verfehlt
Der "Anti-Amerikanismus" in Deutschland hat GAR NICHTS mit Putin oder der Ukraine zu tun - sondern lediglich mit den USA - die sich seit geraumer Zeit wie ein Elefant im Porzelan Laden benehmen. NSA, Kriege anzetteln, sich überall auf der Welt illegal innenpolitisch einmischen - das alles kommt eben nicht gut an in DE. Die USA hat in Europa nichts -aber auch GAR NICHTS- verloren, und sollte sich hier schleunigst und am besten komplett verziehen. Wir brauchen in Europa keine USA. Die Kritiker jetzt "pupertär" zu nennen ist - nun ja - pupertär.
bobdee 18.04.2014
3. Super!
Danke für diesen Artikel. Es scheint wirklich so zu sein. Auch bei vielen russischsprachigen Menschen ist der Verweis auf einen notwendigen "Gegenpol" zur USA (der dann natürlich nur Russland sein darf) und der Verweis "Der Westen hat sowas auch schon gemacht", stark verbreitet. Allerdings stelle ich in meinen Gesprächen mit diesen Menschen fest, dass Putin das Steuer mittlerweile etwas überrissen hat. Viele sehen seinen Weg mittlerweile auch kritisch und es ist nur eine Frage der Zeit, bis sich ein Widerstand organisiert. Und genau davor hat der "kleine Vladimir" am meissten Angst.....
jacksparrow12345 18.04.2014
4. ...
Zitat von sysopIn der Auseinandersetzung mit Russland zeigt sich bei Teilen der deutschen Bevölkerung anti-amerikanisches Denken. Das mutet an wie ein pubertärer Komplex. http://www.spiegel.de/politik/deutschland/ukraine-und-russland-anti-amerikanismus-in-deutschland-a-965217.html
70 Jahre in Frieden und Wohlstand unterm Schutzschirm der USA? Also zu den ersten 50 Jahren halte ich mal zurück aber seit dem ich hier auf der Welt rumlaufe kommt mir es jedenfalls nicht vor als würden wir hier unter einem Schutzschirm der USA leben. Jedes Land hat seine eigenen Interessen die USA so wie Russland und Deutschland u.s.w. Dreck am stecken haben doch alle also was bringt es hier irgendwen zu heroisieren und den anderen zu dämonisieren? Mag sein das es Teile der Bevölkerung gibt die die USA zunehmend kritischer sieht was ich in gewissem Maß nachvollziehen kann, aber es gibt sicher weit aus mehr die Russland weit kritischer sehen als die USA insofern trifft der Artikel wohl eine Minderheit die sowieso so ideologisch ist das Sie sich nicht schnell oder garnicht ändern wird.
schreiberausthür.89 18.04.2014
5.
Es stimmt zwar, dass es in Deutschland leider viele ideologisch verblendete und politisch ungebildete Zeitgenossen gibt. Man sollte aber dennoch nicht gleich alles dramatisieren. Die angesprochene Umfrage zeigt schließlich auch, dass 83 Prozent der Deutschen dann eben doch wissen, dass Länder wie Somalia, Iran, Nordkorea etc. die größte Bedrohung für den Weltfrieden sind, und nicht unserer wichtigster Verbündeter. Die 17 Prozent sind halt die antiamerikanischen rechten und linken Spinner im Lande. Zudem stellt auch nicht jeder Bürger gleich die NATO zur Disposition, wenn er im Ukrainekonflikt Deutschland als Vermittler zwischen Westen und Russland sehen möchte.
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
Diskussion geschlossen - lesen Sie die Beiträge! zum Forum...

© SPIEGEL ONLINE 2014
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.