Nach Berlin-Anschlag Angst im Kopf, Alltag wie immer

Der neue SPIEGEL-ONLINE-Wahltrend zeigt die politische Stimmung nach dem Terroranschlag in Berlin. Fühlen sich die Bürger heute unsicherer? Und welche Parteien liegen vorn? So haben Sie abgestimmt.


Der Terroranschlag auf einen Berliner Weihnachtsmarkt hat kaum Einfluss auf das Verhalten der Menschen, viele sind seit der Lkw-Attacke aber im Alltag angespannter. Grundsätzlich wünscht sich der überwiegende Teil der Bevölkerung bessere Sicherheitsmaßnahmen und mehr Videoüberwachung an belebten Plätzen. Das sind die Ergebnisse des aktuellen SPIEGEL-ONLINE-Wahltrends.

Kurz vor dem Superwahljahr 2017 hat SPIEGEL ONLINE zusammen mit dem Meinungsforschungsinstitut Civey eine neuartige Umfrage gestartet: Leser können direkt über ihre Parteipräferenz und wichtige politische Themen abstimmen - in Echtzeit, für jeden Nutzer zugänglich und mit repräsentativen Ergebnissen.

In den vergangenen Tagen fragten wir: Beeinflusst der Anschlag von Berlin Ihr Verhalten? Wünschen Sie sich stärkere Sicherheitsvorkehrungen? Und: Soll die Videoüberwachung ausgeweitet werden? Außerdem fragen wir regelmäßig nach den Zustimmungswerten für die Parteien.

So haben Sie abgestimmt:

1. "Angst im Kopf" ist bei Frauen stärker ausgeprägt als bei Männern.

Der Berliner Anschlag kurz vor Weihnachten hat das Land bewegt, ein Großteil der Bürger reagiert aber gelassen auf die Terrorgefahr. Die Hälfte der Befragten (49,1 Prozent) gab an, durch die Lkw-Attacke habe sich für sie nichts verändert.

Nur ein kleinerer Teil der Bürger sagte, sie würden aufgrund der Lkw-Attacke belebte Orte meiden (13,9 Prozent) oder möglichst sogar zu Hause bleiben (3,3 Prozent).

Immerhin ein Drittel der Deutschen (32,6 Prozent) geht angespannter durch den Alltag. Die "Angst im Kopf" ist also durchaus vorhanden.

Auffällig ist: Männer und Frauen gehen unterschiedlich mit Terrorgefahr um. Es sind eher Frauen (rund 37 Prozent) als Männer (rund 28 Prozent), die nach der Weihnachtsmarkt-Attacke Anspannung empfinden. Während etwa 40 Prozent der Frauen angaben, für sie habe sich "nichts verändert", waren es bei den Männern mit rund 57 Prozent deutlich mehr.

In Stadtstaaten wie Hamburg, Bremen und Berlin ist das Anspannungsgefühl tendenziell etwas höher (37,5 Prozent), aber auch dort haben nur sehr wenige Menschen ihr Verhalten nach der Attacke geändert (rund 13 Prozent).


Deutliche Unterschiede gibt es, wenn man die Ergebnisse nach Parteienpräferenz aufschlüsselt. Den stärksten Effekt auf das persönliche Verhalten hatte der Anschlag bei AfD-Sympathisanten: Rund 40 Prozent gaben an, sie würden nach dem Vorfall möglichst zu Hause bleiben oder belebte Orte meiden. Leicht über dem Durchschnitt liegen hier auch FDP-Anhänger. Knapp 17 Prozent von ihnen sagten, sie hielten sich von Orten mit vielen Menschen fern.

2. Bürger wollen mehr Sicherheit vom Staat.

Rund zwei Drittel der Befragten (64 Prozent) wünschen sich "auf jeden Fall" oder "eher" verstärkte Sicherheitsvorkehrungen an öffentlichen Plätzen - eine klare Mehrheit. Dieser Wunsch ist bei Frauen (rund 68 Prozent) etwas ausgeprägter als bei Männern (rund 60 Prozent).

Besonders Anhänger von Union, AfD und FDP erwarten höhere Schutzmaßnahmen. Bei allen drei Gruppen erreicht die Zustimmung für bessere Sicherheitsvorkehrungen Werte zwischen 70 und mehr als 80 Prozent.


3. Die meisten haben nichts gegen Videoüberwachung.

Nach dem Anschlag in Berlin verlangen Politiker mehr Videoüberwachung. Über Vor- und Nachteile des Instruments kann man streiten, doch zumindest decken sich die Forderungen mit der Mehrheitsmeinung. Rund 70 Prozent der Bürger sagen: Die Videoüberwachung an öffentlichen Plätzen müsse "auf jeden Fall" (rund 43 Prozent) und "eher ja" (rund 28 Prozent) ausgeweitet werden.

Je höher die Altersgruppe, desto größer ist auch der Wunsch nach zusätzlichen Videokameras. Bei den über 65-jährigen Befragten wollen rund 84 Prozent eine Ausweitung der Überwachung, bei den unter 30-Jährigen sind es knapp 50 Prozent.


Der Befragungszeitraum für diese Erhebung begann bereits vor der Lkw-Attacke, die Ergebnisse veränderten sich aber auch in den Tagen danach nur minimal. Das lässt darauf schließen, dass viele Menschen zu diesem Thema eine klare Meinung haben, die durch aktuelle Ereignisse wenig beeinflusst wird.

Anmerkung der Redaktion: Bei der Befragung nach Altersgruppen und Parteipräferenz ist die statistische Fehlertoleranz derzeit verhältnismäßig groß, sehr feine Unterschiede sind in diesen Ergebnissen also nicht aussagekräftig. Durch wiederholte Befragungen fallen diese Resultate künftig präziser aus.

4. Die politische Stimmung ist stabil.

Auch wenn sich die Parteien gerade mit politischen Forderungen überbieten: Auf ihre Zustimmungswerte hat die Terror- und Sicherheitsdebatte offenbar keinen Einfluss. In der Sonntagsfrage gibt es im Vergleich zu Mitte Dezember kaum Bewegung.

Hätte Deutschland in dieser Woche gewählt, kämen CDU und CSU gemeinsam auf 34,2 Prozent, die SPD auf 21,2 Prozent. Die AfD ist im SPON-Wahltrend mit 13,4 Prozent drittstärkste Kraft. Grüne und Linke kommen jeweils auf rund zehn Prozent, die FDP auf sechs Prozent.


Wäre jetzt Bundestagswahl, würde es nach wie vor nicht für Rot-Rot-Grün, Schwarz-Grün oder Schwarz-Gelb reichen. Eine Koalition mit der AfD haben alle Parteien ausgeschlossen.

Sie wollen selbst die Sonntagsfrage beantworten?

Hier können Sie mitmachen und sich als Teilnehmer registrieren. Den aktuellen Stand sehen Sie sofort, wenn Sie teilgenommen haben. Mehr zur Methodik, und wie aus den Rohdaten repräsentative Ergebnisse gewonnen werden, erfahren Sie weiter unten in diesem Artikel. SPIEGEL ONLINE wertet die Ergebnisse regelmäßig aus und informiert Sie über spannende Entwicklungen und Veränderungen.

Was ist das Besondere an der Civey-Methodik?
Das Meinungsforschungsinstitut Civey arbeitet mit einem mehrstufigen Verfahren. Zuerst werden alle Umfragen in einem Netzwerk aus mehr als 5000 Websites ausgespielt ("Riversampling"). Online kann jeder an den Befragungen teilnehmen und wird mit seinen Antworten im repräsentativen Ergebnis berücksichtigt, sofern er sich registriert hat. Aus diesen Nutzern zieht Civey eine quotierte Stichprobe, unter anderem nach den Merkmalen Alter, Geschlecht und Bevölkerungsdichte. In einem dritten Schritt werden die Ergebnisse nach weiteren Faktoren und Wertehaltungen gewichtet, um Verzerrungen zu korrigieren und Manipulationen zu verhindern.
Warum ist eine Registrierung nötig?
Die Registrierung hilft dabei, die Antworten zu gewichten, und ermöglicht so ein Ergebnis für die Umfragen, das für die Wahlbevölkerung in Deutschland repräsentativ ist. Jeder Teilnehmer wird dabei nach seinem Geschlecht, Geburtsjahr und Wohnort gefragt. Danach kann jeder seine Meinung auch in weiteren Umfragen zu unterschiedlichen Themen abgeben.
Wie werden die Ergebnisse repräsentativ?
Die Antwort jedes Teilnehmers wird so gewichtet, dass das Resultat einer Umfrage für die Grundgesamtheit repräsentativ ist. Bei der Sonntagsfrage umfasst diese Grundgesamtheit die wahlberechtigte Bevölkerung in Deutschland. Die Gewichtung geschieht auf Basis der persönlichen Angaben bei der Registrierung sowie der Historie früherer Antworten eines Nutzers. Weitere Details zur Methodik stehen im Civey-Whitepaper.
Erreicht man online überhaupt genügend Teilnehmer?
Meinungsumfragen werden in der Regel telefonisch oder online durchgeführt. Für die Aussagekraft der Ergebnisse ist entscheidend, wie viele Menschen erreicht werden können und wie viele sich tatsächlich an einer Umfrage beteiligen, wenn sie angesprochen werden. Internetanschlüsse und Festnetzanschlüsse sind in Deutschland derzeit etwa gleich weit verbreitet - bei jeweils rund 90 Prozent der Haushalte, Mobiltelefone bei sogar 95 Prozent. Die Teilnahmebereitschaft liegt bei allen Methoden im einstelligen Prozentbereich, besonders niedrig schätzen Experten sie für Telefonumfragen ein.
Es gibt also bei beiden Methoden eine Gruppe von Personen, die nicht erreicht werden kann, weil sie entweder keinen Anschluss an das jeweilige Netz hat oder sich nicht an der Umfrage beteiligen möchte. Deshalb müssen für ein aussagekräftiges Ergebnis immer sehr viele Menschen angesprochen werden. Civey-Umfragen sind derzeit neben SPIEGEL ONLINE in mehr als 5000 andere Webseiten eingebunden, darunter auch unterschiedliche Medien. So wird gewährleistet, dass viele unterschiedliche Nutzer erreicht werden können.
Woran erkenne ich die Güte eines Ergebnisses?
Bis das Ergebnis einer Umfrage repräsentativ wird, müssen ausreichend viele unterschiedliche Menschen daran teilnehmen. Ob das bereits gelungen ist, macht Civey transparent, indem zu jedem Umfrageergebnis eine statistische Fehlerwahrscheinlichkeit angegeben wird. Auch die Zahl der Teilnehmer und die Befragungszeit werden für jede Umfrage veröffentlicht.
Was passiert mit meinen Daten?
Die persönlichen Daten der Nutzer werden verschlüsselt auf deutschen Servern gespeichert und bleiben geheim. Sie dienen allein dazu, die Antworten zu gewichten und sicherzustellen, dass die Umfragen nicht manipuliert werden. Um dies zu verhindern, nutzt Civey statistische wie auch technische Methoden.
Wer steckt hinter Civey?
Civey ist ein Online-Meinungsforschungsinstitut mit Sitz in Berlin. Das Start-up arbeitet mit unterschiedlichen Partnern zusammen, darunter sind neben SPIEGEL ONLINE auch der "Tagesspiegel", "Cicero", der "Freitag" und Change.org. Civey wird durch das Förderprogramm ProFit der Investitionsbank Berlin und durch den Europäischen Fonds für regionale Entwicklung finanziert.

amz/che



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