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Umfrage-Höhenflug: Grün ist das neue Schwarz

Eine Analyse von Franz Walter

Die Wähler laufen ihnen scharenweise zu, erste Demoskopen sehen die Grünen vor der SPD. Während die anderen Parteien aufgeregt mit ihrem Profil experimentieren, geben sich die Ex-Öko-Rebellen zuverlässig und diszipliniert. Künast und Co. bedienen die deutsche Sehnsucht nach konservativen Werten.

"Mit uns zieht die neue Zeit." Diesen Refrain kann man zuweilen immer noch zum Abschluss sozialdemokratischer Parteitage hören. Das klingt künftig sicherlich noch schaler als bereits in der Vergangenheit.

Zumindest in diesen Monaten liegen nicht die Sozialdemokraten, sondern ihr begehrter Bündnispartner und zugleich misstrauisch belauerter Rivale, die Grünen, im Trend der Zeit. Doch dieser Trend ist nicht progressiv, nicht umstürzlerisch, nicht auf rasante Transformation aus. Der Trend ist konservativ. Und eben deshalb reüssieren die Grünen dieser Tage so prächtig. Denn die beiden früheren Volksparteien haben in den letzten beiden Jahrzehnten des ökonomischen Veränderungsfurors die konservativen Grundmentalitäten einer noch dazu mehr und mehr alternden Gesellschaft nicht hinreichend beachtet.

"Reform", "Innovation", "Deregulierung" lauteten lange die Lieblingsmetaphern von Schröder bis Merkel. Währenddessen wurden in dieser Hinsicht die früheren Radikalreformer aus der grünen Bewegung und Partei immer schweigsamer. Als stilles Motto setzte sich in der Künast-Trittin-Partei vielmehr die "Berechenbarkeit" durch. Während die CDU/CSU plötzlich über Familienpolitik und Leitkulturen stritt, die Sozialdemokraten sich verunsichert über vergangene und künftige politische Weichenstellungen präsentierten, die FDP in helle Aufregung und partielle Auflösung geriet, die Linken ihre üblichen Flügel-Auseinandersetzungen lieferten, gaben sich allein die Grünen geschlossen, einträchtig, diszipliniert.

Konrad Adenauer hätte seine Freude an dieser Partei gehabt; und man wundert sich, dass der greise Helmut Kohl den ordentlichen Grünen noch kein öffentliches Lob erteilt hat. Denn sie verkörpern mustergültig das Parteienmodell der Christdemokraten aus den fünfziger Jahren: Es wird nicht mehr gestritten, es wird nicht öffentlich rivalisiert; mit programmatischen Debatten übertreiben sie es längst nicht mehr; denn in der Politik geht es - erstens, zweitens, drittens - um Macht.

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Grüne im Höhenflug: Machtbewusste Ex-Rebellen
Nicht palavern. Weiterregieren, als sei nichts geschehen

Und im Machtkampf hat man sich uniformiert zu verhalten. Selbst wenn man - wie gerade in Hamburg - in den entscheidenden Fragen unterliegt und beim Koalitionspartner einen neuen Wirtschaftssenator mittragen muss, der sich höchst spendabel beim Aufbau des Rechtspopulisten Schill und bei der Unterstützung der großbürgerlichen Schulreformgegner gezeigt hat, bleiben die Grünen des Jahres 2010 ungerührt.

Sie palavern nicht herum, sondern regieren weiter, als sei nicht das Geringste geschehen.

Und merkwürdigerweise nimmt das Korps der kommentierenden Journalisten keinen Anstoß daran, lässt selbst die Anrüchigkeiten grün-gelber Personalpatronagen im Saarland ohne größere Kritik passieren. Man liest nichts über grüne Wortbrüche, grünen Opportunismus, grünen Karrierismus oder gar über harten grünen Industrielobbyismus, obwohl es von alledem reichlich zu berichten gäbe.

Tatsächlich haben die Grünen in vielerlei Hinsicht das Erbe der CDU angetreten. Auch das Ö der Ökologie hat das C der Christdemokraten und der Christsozialen in der politischen Wirksamkeit ersetzt. Das C war nach dem Zweiten Weltkrieg nicht zuletzt deshalb so erfolgreich auf dem Wählermarkt, weil es im Drama des unmittelbaren Nach-Nationalsozialismus kongenial ankam. Fast alle Deutschen gehörten noch einer christlichen Konfession an, und das Bekenntnis zum C verhalf zur seelischen Läuterung nach der Barbarei.

Für Bio sind irgendwie alle

Andererseits blieb das C hinreichend unbestimmt, um sich nicht in den Alltags- und Interessenkämpfen zu diskreditieren. Mit der Ökologie ist es mittlerweile ähnlich. Für Natur, Umwelt, eben Bio sind irgendwie alle; und selbst wenn man als Grüne in der Regierung für drastische Sparprogramme und Sozialkürzungen eintritt, entspricht man ganz dem Ö, der "Ökologie", denn man hat sich durch öffentliche Sparsamkeit ja mustergültig für Nachhaltigkeit ausgesprochen.

Das alles ist mit dem S der Sozialdemokraten nicht zu erreichen, weshalb sie auch chronisch als Verräter ihrer Prinzipien in der Ecke stehen.

Die Grünen haben es da leichter. Sie haben es bisher auch nicht mit den vielen, oft antagonistischen Heterogenitäten zu tun, welche der CDU und der SPD das Leben der politischen Moderation so schwermachen. Die Grünen-Klientel ist sozial sehr homogen, bekanntermaßen formal überdurchschnittlich gebildet, materiell arriviert, vielfach in die Jahre gekommen und nicht zuletzt auch deshalb mental konservativ.

Der Naturbezug hat auch in dieser Hinsicht in der bundesdeutschen Gesellschaft die frühere Religiosität abgelöst. Natur ist Sinnstifter. Und Natur gilt es zu bewahren, gegen Eingriffen zu verteidigen - alles genuin konservative Zielsetzungen also.

Anders als die früheren konservativen Milieus lebt die Grünen-Sympathisantenschaft zwar überwiegend nicht mehr auf dem platten Land, sondern in den urbanen Siedungsgebieten. Aber dort hat man sich gewissermaßen Dörfer im städtischen Umfeld errichtet, in denen es sich ruhig und sicher leben lässt, wo auch die besten Freunde in erreichbare Nähe wohnen, wo sich die Geselligkeit im gewohnten, überschaubaren Raum abspielt, kurz: wo alles angenehm vertraut ist.

Distinktion ist überhaupt ein wichtiges Elixier im Leben der grünen Anhängerschaft: anders sein, sich abheben, unterscheiden - nicht zuletzt von den Schichten im unteren Drittel. Bezeichnenderweise und charakteristisch für die Grünen des Jahres 2010 ist, dass vieles davon auf dem Markt geschieht, über den Konsum realisiert wird.

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Forum - Diskussion über diesen Artikel
insgesamt 234 Beiträge
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1. Wer A sagt muss auch B sagen
seine-et-marnais 07.10.2010
Zitat von sysopDie Wähler laufen ihnen scharenweise zu, erste Demoskopen sehen die Grünen vor der SPD. Während die anderen Parteien aufgeregt mit ihrem Profil experimentieren, geben sich die Ex-Öko-Rebellen zuverlässig und diszipliniert. Künast und Co. bedienen die deutsche Sehnsucht nach konservativen Werten. http://www.spiegel.de/politik/deutschland/0,1518,721664,00.html
Waer doch mal was wenn man diesen selbstgerechten Moralpredigern ein bisschen auf die Finger schaut. Keine Atempause, Geschichte wird gemacht, der Spiegel geht voran
2. lol
kimba2010 07.10.2010
Wer die Grünen wegen "konservativen Werten" wählt, der wählt wahrscheinlich auch die FDP wegen dem Umweltschutz.
3. Heute Abend
alaxa 07.10.2010
Heute Abend kann man sich ja schonmal ein Bild machen von grüner Politik: Wenn die Gallionsfigur der Grünen, Claudia Roth, bei Maybrit Illner (ZDF) zu hören und zu sehen ist.
4. ---
taiga, 07.10.2010
Zitat von sysopDie Wähler laufen ihnen scharenweise zu, erste Demoskopen sehen die Grünen vor der SPD. Während die anderen Parteien aufgeregt mit ihrem Profil experimentieren, geben sich die Ex-Öko-Rebellen zuverlässig und diszipliniert. Künast und Co. bedienen die deutsche Sehnsucht nach konservativen Werten. http://www.spiegel.de/politik/deutschland/0,1518,721664,00.html
Leider hat Herr Franz kein Wort darüber verloren, wie die zu den Grünen übergelaufenen Sozen und Schwarzen die Islamfreundlichkeit der Grünen goutieren. Das hätte mich eigentlich fast am meisten interessiert. Und – ich will hier keinesfalls eine Islam-Debatte anstoßen.
5. Alptraum
Masterzappo 07.10.2010
Das ist einer meiner persönlichen Alpträume, Künast ist Kanzlerin, Trittin Wirtschaftsminister, Cem Özdemir Außenminister und Ströbele gibt den Bundespräsidenten!
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Zum Autor
Uni Göttingen
Franz Walter, Jahrgang 1956, ist Parteienforscher und lehrt Politikwissenschaft an der Universität Göttingen. Seit März 2010 leitet er das Göttinger Institut für Demokratieforschung.

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