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Umfrage zu Afghanistan: Die plötzliche Liebe der Deutschen zur Mission am Hindukusch

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Es klingt widersprüchlich: Zwei Drittel der Deutschen stimmen laut einer Bundeswehrstudie dem Einsatz deutscher Soldaten in Afghanistan zu - andere Umfragen legten bislang immer das Gegenteil nahe. Seltsamer noch: Die Hälfte der Befragten wusste überhaupt nicht, worum es geht.

Hamburg - Wie sehen die Deutschen den Einsatz der Bundeswehr in Afghanistan? Etliche Umfragen legten bisher nahe: Die Stimmung an der Heimatfront ist mies.

Deutsche Soldaten in Afghanistan: Miese Stimmung an der Heimatfront?
REUTERS

Deutsche Soldaten in Afghanistan: Miese Stimmung an der Heimatfront?

Im Oktober 2007 etwa hießen nur 29 Prozent der Bevölkerung die Mission am Hindukusch gut - das jedenfalls hatten die Meinungsforscher vom Institut Allensbach für die "Frankfurter Allgemeine Zeitung" herausgefunden.

In eine ähnliche Richtung ging auch das Ergebnis einer Umfrage von Infratest vom Februar 2008 für den ARD-"Deutschlandtrend". Die Frage lautete: "Sollte die Bundeswehr weiterhin in Afghanistan stationiert bleiben, oder sollte sie sich möglichst schnell aus Afghanistan zurückziehen?" 55 Prozent antworteten: "möglichst schnell zurückziehen". Laut einer Erhebung von Emnid für "Bild am Sonntag" aus demselben Monat waren es sogar 61 Prozent, die fanden, die Bundeswehr solle sofort aus Afghanistan abrücken

Und nun verkündet das Sozialwissenschaftliche Institut der Bundeswehr in der "Bevölkerungsbefragung 2008": Zwei Drittel der Deutschen stehen dem Einsatz in Afghanistan zustimmend gegenüber.

Anderes Vokabular, andere Ergebnisse

Wie kann das sein? Hat sich die Stimmung gewandelt? Nein, glaubt Institutsdirektor Ernst-Christoph Meier, der Zeitpunkt der Befragung sei entscheidend. "Die meisten Umfragen werden durchgeführt, wenn etwas vorgefallen ist", sagte er SPIEGEL ONLINE. Als im Oktober 2006 Fotos auftauchten, auf denen deutsche Soldaten mit den Schädeln toter Menschen posieren, seien die Werte nach unten gegangen, sagte Meier. Einfluss hätten beispielsweise Anschläge. Wer danach von einem Meinungsforscher befragt wird, äußere sich eher ablehnend.

Weiterer Faktor sei die Art der Fragestellung. "Friedensmission der Bundeswehr oder Nato-Schutztruppe - wenn Sie das Vokabular verändern, bekommen Sie andere Ergebnisse", sagte Meier. Und schließlich die Methodik: Anruf oder persönliche Befragung? Das Bundeswehr-Institut lässt jedes Jahr einen Fragebogen abarbeiten, viele Fragestellungen bleiben bestehen. Daher, da ist sich Direktor Meier sicher, sind die Zahlen in der "Bevölkerungsbefragung 2008" die richtigen. "Wir können seriös vergleichen", sagt er - andere nicht, das schwingt in seinem Statement mit. Der Studie zufolge ist die Zustimmung in den vergangenen vier Jahren konstant hoch - bis auf einen Ausreißer nach unten: 49 Prozent im Jahr 2006, dem Jahr, in dem die Totenschädel-Bilder veröffentlicht wurden.

Die Meinungsforscher selbst äußern sich ähnlich. Ein Sprecher des Instituts Emnid, das die Befragung für die Bundeswehr durchgeführt hat, verweist auf Anfrage von SPIEGEL ONLINE auf allgemeine Trends, Tagesaktuelles, vorher gestellte Fragen, einzelne Formulierungen - "all diese Punkte können einen Einfluss haben - und dieser Einfluss wird um so größer sein, je komplexer der Sachverhalt, aber auch je volatiler die Meinung der Bevölkerung ist", sagte Jörg Erren.

Kollegin Irina Roth von Infratest dimap bestätigte das. Vergleichbar seien Umfrageergebnisse nur dann, wenn Fragestellung und Antwortmöglichkeiten dieselben seien. "Abweichungen im Detail können die Ursache für verschiedene Umfrageergebnisse sein", sagte sie.

Isaf? Afghanistan-Mission? Keine Ahnung!

Die Deutschen denken also mal so, mal so über die Mission in Afghanistan, abhängig vom Tagesgeschehen, der Fragestellung und der allgemeinen Stimmung. Und sie haben offenbar keine Ahnung davon, was ihre Landsleute am Hindukusch eigentlich tun - das jedenfalls ist ein weiteres Ergebnis der Bundeswehrstudie, das auch in den entsprechenden Befragungen der Vorjahre schon auftauchte.

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Mehr als die Hälfte der Befragten hat noch nie von der Mission der Nato-Schutztruppe Isaf gehört oder weiß nichts Konkretes dazu - eine klare Handlungsanweisung an die Politik, findet Bundeswehr-Institutsdirektor Meier. Informationen über den Einsatz müssten besser kommuniziert werden, fordert er. Nichtwissen wird derzeit durch einen Wert ersetzt, auf den die Bundeswehr augenscheinlich sehr stolz ist: Vertrauen. 89 Prozent der Befragten, hat die Studie ergeben, vertrauen der Truppe. Dennoch: "Je mehr die Leute wissen, desto besser können sie sich ein Urteil bilden", sagt Meier.

Recht hoher Aufmerksamkeit erfreute sich immerhin eine der jüngsten Meldungen aus dem Verteidigungsministerium, die sich mit einem wundersamen Detail befasste: dem Bierkonsum der deutschen Soldaten am Hindukusch. Rund 990.000 Liter hätten die Einsatzkräfte im vergangenen Jahr geliefert bekommen, hieß es am Mittwoch als Antwort auf eine Anfrage der FDP-Bundestagsfraktion. Ministeriumssprecher Thomas Raabe fügte noch hinzu, die Obergrenze von maximal zwei Halbliterdosen werde damit auf jeden Fall eingehalten.

Eine neue Umfrage zur Akzeptanz des deutschen Einsatzes in Afghanistan hat es seitdem allerdings nicht gegeben.

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