Umfrage zur Landtagswahl Hessens CDU stürzt ab - Ypsilanti vor Koch

Roland Koch ahnt es schon: "Das wird verdammt knapp." Seine Jugendgewalt-Kampagne scheint nicht aufzugehen: Einer neuen Umfrage zufolge hätten die Hessen inzwischen lieber eine SPD-geführte Regierung - mit einer Ministerpräsidentin Andrea Ypsilanti.


Köln - Die CDU in Hessen verliert weiter an Boden. Die Meinungsforscher von Infratest Dimap sehen die Partei von Ministerpräsident Roland Koch in ihrer jüngsten Umfrage für die ARD nur noch einen Punkt vor der SPD. Damit könnten die Christdemokraten auch zusammen mit der FDP keine Regierung mehr bilden.

Koch, Rivalin Ypsilanti: Ministerpräsident ohne Mehrheit
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Koch, Rivalin Ypsilanti: Ministerpräsident ohne Mehrheit

Demnach käme die CDU auf 38 Prozent, wenn schon am kommenden Sonntag gewählt würde, die SPD mit Oppositionsführerin Andrea Ypsilanti als Spitzenkandidatin auf 37 Prozent. Im Vergleich zur Vorwoche büßte die CDU in der Umfrage zwei Punkte ein, die SPD holte dagegen zwei Prozentpunkte auf.

Wahlumfragen in Hessen seit 2003: Die Schere zwischen SPD und CDU schließt sich
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Wahlumfragen in Hessen seit 2003: Die Schere zwischen SPD und CDU schließt sich

Auch die FDP verlor der Umfrage zufolge einen Punkt und liegt jetzt bei 8 Prozent. Die Grünen verloren im Vergleich zur Vorwoche zwei Punkte und kamen auf 7 Prozent. Dagegen gewann die Linke gegenüber der letzten Umfrage zwei Punkte und kommt nun auf 6 Prozent.

Damit hätten CDU und FDP zusammen nur 46 Prozent - gegenüber 50 Prozent von SPD, Grünen und Linken.

Ypsilanti hat allerdings eine Koalition mit der Linkspartei strikt ausgeschlossen, so dass die Zusammensetzung der künftigen Regierung völlig offen wäre.

Dramatische Verluste bei den Sympathiewerten

Erstmals lag die Herausforderin allerdings auch in der persönlichen Bewertung vor Koch. In der Direktwahlfrage fällt demnach Koch dramatisch zurück und liegt nun erstmals deutlich hinter der SPD-Kandidatin Ypsilanti.

Könnten die Hessen den Ministerpräsidenten direkt wählen, würden sich 38 Prozent für den Amtsinhaber und 48 Prozent für seine Herausforderin entscheiden. Das bedeutet für Koch ein Minus von sechs und für Ypsilanti ein Plus von vier Prozent. Zuletzt hatten Koch und Ypsilanti bei den Sympathiewerten noch gleichauf gelegen.

Eine Mehrheit von 51 Prozent der Hessen ist laut der Umfrage der Meinung, dass die künftige Landesregierung von der SPD geführt werden sollte. 38 Prozent finden, dass die CDU weiterregieren sollte.

"Das wird ein verdammt knappes Rennen", kommentierte Ministerpräsident Koch heute die bisher schlechtesten Umfragewerten seiner Partei. In einer Wahlkampfrede im mittelhessischen Stadtallendorf rief er seine Zuhörer dazu auf, am 27. Januar zur Wahl zu gehen. "Es ist ein sehr, sehr harter Wahlkampf, härter als manche gedacht haben."

Koch poltert gegen die Linkspartei

Genau die gleiche Tonlage am Abend in Volkmarsdorf bei Kassel: "Die Umfrageergebnisse sind eng, sehr eng", sagte Koch. Hessen sei "ein knappes Land". Er sei jedoch fest davon überzeugt, dass eine bürgerliche Mehrheit möglich sei. An seinen Positionen zur inneren Sicherheit halte er fest: "Die Diskussion geht weiter."Heftig griff er die Linkspartei an - denn diese schicke sich an, "das Zünglein an der Waage zu werden". Ihre Mitglieder seien "keine Sozialromantiker, sondern stinknormale Altkommunisten".

Herausfordererin Ypsilanti hatte ihren Anhängern bei ihren jüngsten Wahlkampfauftritten immer wieder zugerufen: "Wir sind ganz nah dran." Die neuen Umfragewerte lösten heute entsprechend große Freude bei der SPD aus. "Die CDU ist im freien Fall", erklärte SPD-Generalsekretär Hubertus Heil am Abend in Berlin. Koch könne seine schlechte Bilanz in Hessen nicht mehr verdecken. Hessens SPD-Generalsekretär Norbert Schmitt sagte, das Thema Jugendkriminalität habe sich für den CDU-Ministerpräsidenten im Wahlkampf zum Bumerang entwickelt: "Koch hat die CDU auf die Verliererstraße gebracht."

"Die Wechselstimmung in Hessen ist da", befand auch der hessische Grünen-Chef Tarek Al-Wazir. "Die Menschen wollen die Abwahl von Roland Koch."

Wahlkampf-Thema spaltet die Wählerschaft

Gespalten sind die Wähler in der Frage, ob das Thema Jugendgewalt, mit dem Koch in den vergangenen Wochen für Wirbel sorgte, für den Wahlkampf geeignet ist. 50 Prozent der Befragten finden es gut, dass Koch "das Thema Jugendgewalt in den Wahlkampf eingebracht hat", 48 Prozent nicht gut. 59 Prozent sind der Meinung, dass Koch "Themen anspricht, an die sich andere Politiker nicht rantrauen".

Allerdings waren 65 Prozent der Meinung, dass der CDU-Politiker "ein wichtiges Thema angesprochen hat, seine Lösungsvorschläge aber nicht die richtigen sind". Und sogar 82 Prozent waren der Ansicht, dass Koch "erst mal seine eigenen Hausaufgaben in Hessen machen und dafür sorgen sollte, dass es dort schneller zu Gerichtsurteilen kommt". Die Forderung Kochs, das Jugendstrafrecht in Ausnahmefällen auch bei unter 14-Jährigen anzuwenden, lehnten zwei Drittel der Befragten (66 Prozent) ab.

Für die Umfrage im Auftrag der ARD-"Tagesthemen" hat das Meinungsforschungsinstitut von Montag bis Mittwoch dieser Woche 1000 Wahlberechtigte in Hessen telefonisch befragt.

CDU in Niedersachsen weiter klar vor SPD

Auch in Niedersachsen hat die Union an Zustimmung eingebüßt, liegt aber noch deutlich vor den Sozialdemokraten. Im Vergleich zur Vorwoche verlor die Union einen Punkt und liegt nun bei 44 Prozent der Stimmen. Die SPD gewann einen Punkt hinzu und kommt auf 34 Prozent.

Die FDP liegt unverändert bei sieben, gleichauf mit den Grünen, die einen Punkt abgaben. Die Linke gewinnt zwei Punkte und würde demnach mit fünf Prozent ganz knapp in den Landtag einziehen.

Im direkten Vergleich mit seinem SPD-Herausforderer Wolfgang Jüttner liegt Ministerpräsident Christian Wulff weiter klar vorn. 55 Prozent der Niedersachsen würden sich bei einer Direktwahl für den CDU-Amtsinhaber und nur 27 Prozent für den Konkurrenten entscheiden.

phw/AP/ddp

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