Umfragen: Bild.de-Leser revoltieren gegen Guttenberg

Kein Blatt hat in den vergangenen Monaten so viel Stimmung für Karl-Theodor zu Guttenberg gemacht wie die "Bild"-Zeitung. Doch nun begehren die Online-Leser des Blattes auf und stimmen mehrheitlich für seinen Rücktritt - in der gedruckten Zeitung ist die Guttenberg-Welt bei Springer hingegen noch in Ordnung.

Plagiatsaffäre: Guttenberg und die "Bild"
Fotos
DPA

Berlin - "Ja, wir stehen zu Guttenberg!" So ruft es am Donnerstag in riesigen Lettern auf der Titelseite der "Bild"-Zeitung. Das ist natürlich nicht die Meinung der Redaktion. Nein, es ist das Ergebnis des großen "Guttenberg-Entscheids", zu dem das Blatt tags zuvor seine Leser in ebenso großer Aufmachung aufgerufen hatte.

261.223 hätten bis zum Mittwochabend per Telefon oder Fax mitgemacht, heißt es nun - und der Rückhalt für den Verteidigungsminister ist demnach überwältigend: 87 Prozent wollen, dass ihr Karl-Theodor zu Guttenberg im Amt bleibt. Auf die "Bild"-Zeitung und ihre Leser kann sich der CSU-Politiker eben immer noch verlassen. Doktor hin oder her.

Dumm nur, dass das für Bild.de nicht gilt.

Denn das Ergebnis der Abstimmung auf den Online-Seiten passt so gar nicht zum Stimmungsbild, das das Mutterblatt vermitteln will. Auf Bild.de haben mittlerweile fast 640.000 User (Stand Donnerstag 13.30 Uhr) per Mausklick darüber abgestimmt, ob Guttenberg als Minister noch tragbar ist. Das Ergebnis ist auch hier eindeutig: 55 Prozent wollen, dass er zurücktritt. Nur 36 Prozent befinden: "Er macht seinen Job gut." Die Werte blieben in den letzten Stunden unverändert.

Das Bild.de-Vote entspricht in der Tendenz anderen Online-Umfragen in diesen Tagen. Beim SPIEGEL-ONLINE-Vote, das seit rund 30 Stunden läuft, haben bis Donnerstagmittag rund 19.000 Leser abgestimmt - 70 Prozent fordern einen Rücktritt Guttenbergs. Ein ähnliches Ergebnis hatte eine frühere Umfrage mit rund 37.000 Teilnehmern ergeben. Das gleiche Bild bei den Online-Angeboten der "Süddeutschen Zeitung", der "Welt" oder der "Frankfurter Allgemeinen Zeitung": Bei jeweils mehr als 20.000 Teilnehmern waren am Donnerstagmittag zwischen 74 und 81 Prozent der Ansicht, dass der Verteidigungsminister nach der Plagiatsaffäre nicht mehr tragbar sei.

Auf Bild.de läuft das am 17. Februar freigeschaltete Vote nach Angaben der Redaktion noch bis zum 1. Mai 2011. Doch zu finden ist die Umfrage in den Tiefen des Online-Angebots kaum noch. Am Mittwoch war ein Link zum Online-Vote gar mit dem Hinweis versehen, dass dieser die "aktuelle Stimmung nicht mehr exakt" abbilden könne, weil User "eventuell mehrfach ihre Meinung abgegeben haben". Daher würden die Internet-Stimmen beim großen "Guttenberg-Entscheid" in der gedruckten "Bild"-Zeitung keine Rolle spielen.

Votes zu Guttenberg
Guttenberg soll zurücktreten* Guttenberg soll bleiben* weiß nicht/egal*
sueddeutsche.de 81 19
FAZ.net 74 26
Tagesspiegel.de 74 26
Spiegel.de 70 25 5
Abendblatt.de 69 31
RTL.de 65 35
Focus.de 64 36
WDR 60 40
Bild.de 55 36
Brigitte.de 55 39 5
Radio Köln 53 39 9
SWR3.de 45 55
Infratest dimap (für "Hart aber fair") 24 72
Bild (Fax-Umfrage) 13 87
Stichprobe am 24.2.2011 um 15 Uhr
* in Prozent

Junge Union ruft zur Guttenberg-Hilfe auf

Allerdings ist natürlich auch die Telefon- und Fax-Umfrage des Blattes trotz der großen Resonanz nicht repräsentativ. Die Junge Union etwa rief am Mittwoch in einer großen E-Mail-Aktion ihre Mitglieder auf, beim "Bild"-Voting mitzumachen. Unter dem Betreff "Heute für KT abstimmen!" wandte sich der JU-Bundesgeschäftsführer an den Nachwuchs von CDU und CSU - die Nummer fürs Ja zu Guttenberg lieferte er gleich mit. Es war wohl nicht der einzige Soli-Appell aus den Reihen der Union. "Auch andere konservative Gruppierungen haben solche Mitmach-Aufrufe organisiert", heißt es aus Koalitionskreisen.

Den Minister wird der Blick auf die Titelseite der auflagenstärksten Tageszeitung des Landes am Donnerstag jedenfalls beruhigt haben. Dass die Beziehungen zwischen Guttenberg un der "Bild"-Zeitung gut sind, ist bekannt. Die "Frankfurter Allgemeine Zeitung" hatte bereits vor einigen Wochen in der Krise um das Segelschulschiff "Gorch Fock" und noch lange vor dem Wirbel um Guttenbergs Dissertation über ein "besonders inniges Verhältnis" zwischen Boulevardblatt und Minister geschrieben, das "zumindest zeitweise den Charakter einer strategischen Partnerschaft" trage.

Der Gerechtigkeit halber darf allerdings nicht unerwähnt bleiben, dass auch etablierte Meinungsforschungsinstitute in den vergangenen Tagen keinen fundamentalen Vertrauensverlust der Bevölkerung gegenüber Guttenberg festgestellt haben wollen. Am Mittwoch wurde eine repräsentative Infratest-Umfrage für die ARD bekannt, der zufolge 73 Prozent der Bundesbürger mit der politischen Arbeit des Ministers weiterhin zufrieden sind - trotz Plagiatsaffäre. Der Verzicht auf den Doktortitel sei ausreichend, damit er im Amt bleibe. Nur 24 Prozent finden, er müsste zurücktreten, hieß es.

Die Demoskopen von Forsa hatten vor einigen Tagen für den "Stern" ähnliche Werte ermittelt. Sogar selbsterklärte Anhänger von SPD, Grünen und der Linken waren mehrheitlich gegen einen Rücktritt. Immerhin: Nur noch 50 Prozent wollten dem CSU-Politiker Glaubwürdigkeit bescheinigen. Für manchen Befragten scheint das jedoch nicht entscheidend zu sein. Für viele Online-Voter offenbar schon.

phw

Diesen Artikel...
Aus Datenschutzgründen wird Ihre IP-Adresse nur dann gespeichert, wenn Sie angemeldeter und eingeloggter Facebook-Nutzer sind. Wenn Sie mehr zum Thema Datenschutz wissen wollen, klicken Sie auf das i.
Auf anderen Social Networks teilen
  • Xing
  • LinkedIn
  • Tumblr
  • studiVZ meinVZ schülerVZ
  • deli.cio.us
  • Digg
  • reddit
insgesamt 12071 Beiträge
mischli 19.02.2011
Guttenberg hat gelogen, was seine Augen in den entscheidenden Passagen gestern verraten haben. Ich fühlte mich sehr schnell an Uwe Barschel erinnert und gestern war das 'Ehrenwort' das einzige, was noch gefehlt hat. Und dies an [...]
Guttenberg hat gelogen, was seine Augen in den entscheidenden Passagen gestern verraten haben. Ich fühlte mich sehr schnell an Uwe Barschel erinnert und gestern war das 'Ehrenwort' das einzige, was noch gefehlt hat. Und dies an einem Tag mit drei toten deutschen Soldaten in Afghanistan! Jeder weitere Tag im Amt ist eine Schande!
Nein, Guttenberg muss zurücktreten. Er ist als Verteidigungsminister oberster Dienstherr aller Soldaten und Mitarbeiter der Bundeswehr und entscheidet über diese bei Dienstvergehen. Er selbst plagiiert seine Doktorarbeit, gibt [...]
Nein, Guttenberg muss zurücktreten. Er ist als Verteidigungsminister oberster Dienstherr aller Soldaten und Mitarbeiter der Bundeswehr und entscheidet über diese bei Dienstvergehen. Er selbst plagiiert seine Doktorarbeit, gibt bei der Abgabe seiner Doktorarbeit vor der Promotionskommission der Uni Bayreuth eine falsche ehrenwörtliche Erklärung ab, bezeichnet nach Bekanntwerden des Plagiats dies als "abstrus" (Mittwoch, 16.02.) und hält an seiner Version nicht getäuscht zu haben weiterhin fest (Freitag, 18.02.). Wie soll so ein Mann von seinen Dienstuntergebenen noch Ernst genommen werden? Und von CDU-Wählern wie mir, die es mit dem "Konservativ-Sein" tatsächlich genau nehmen. Ich will keine "Blender" in Regierungsverantwortung!
gambio 19.02.2011
Wer klaut, lügt, betrügt, fälscht und unterschlägt hat keinen Anspruch auf ein öffentliches Amt.
Zitat von sysopDie Doktor-Affäre des Verteidigungsministers Karl-Theodor zu Guttenberg schlägt lang andauernde Wellen. Immer neue Informationen zur Promotion des CSU-Politikers gelangten an die Öffentlichkeit, zu Guttenberg will jetzt "vorübergehend auf seinen Doktortitel" verzichten. Kann er unter diesen Umständen noch Verteidigungsminister bleiben?
Wer klaut, lügt, betrügt, fälscht und unterschlägt hat keinen Anspruch auf ein öffentliches Amt.
Gesine Ungefragt 19.02.2011
Für mich ist da nur ein Aspekt ausschlaggebend: Guttenberg ist augenblicklich Chef zweier Bundeswehrhochschulen. Das darf er auf keinen Fall bleiben.
Zitat von sysopDie Doktor-Affäre des Verteidigungsministers Karl-Theodor zu Guttenberg schlägt lang andauernde Wellen. Immer neue Informationen zur Promotion des CSU-Politikers gelangten an die Öffentlichkeit, zu Guttenberg will jetzt "vorübergehend auf seinen Doktortitel" verzichten. Kann er unter diesen Umständen noch Verteidigungsminister bleiben?
Für mich ist da nur ein Aspekt ausschlaggebend: Guttenberg ist augenblicklich Chef zweier Bundeswehrhochschulen. Das darf er auf keinen Fall bleiben.
mike stevens 19.02.2011
Der Focus ist sagt die Wahrheit voraus, lasst den armen KT im Amt, sonst muss er nen Psychiater, womöglich mit Doktortitel aus Beyreuth, aufsuchen, könnt ihr das vertreten, von was soll er dann Leben, von Luft und Sabine, Hatz4 [...]
Zitat von sysopDie Doktor-Affäre des Verteidigungsministers Karl-Theodor zu Guttenberg schlägt lang andauernde Wellen. Immer neue Informationen zur Promotion des CSU-Politikers gelangten an die Öffentlichkeit, zu Guttenberg will jetzt "vorübergehend auf seinen Doktortitel" verzichten. Kann er unter diesen Umständen noch Verteidigungsminister bleiben?
Der Focus ist sagt die Wahrheit voraus, lasst den armen KT im Amt, sonst muss er nen Psychiater, womöglich mit Doktortitel aus Beyreuth, aufsuchen, könnt ihr das vertreten, von was soll er dann Leben, von Luft und Sabine, Hatz4 zahlt bestimmt nicht das Gel zum gleiten auf dem Scheitel.
Diskussion geschlossen - lesen Sie die Beiträge! zum Forum...
News verfolgen

HilfeLassen Sie sich mit kostenlosen Diensten auf dem Laufenden halten:

alles aus der Rubrik Politik
alles aus der Rubrik Deutschland
alles zum Thema Karl-Theodor zu Guttenberg

© SPIEGEL ONLINE 2011
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH



  • Donnerstag, 24.02.2011 – 15:15 Uhr
  • Drucken Versenden Feedback
Vote
Die Plagiats-Affäre

Sollte Verteidigungsminister Karl-Theodor zu Guttenberg zurücktreten?

  • Ja, er sollte zurücktreten. Der Verzicht auf den Doktortitel reicht nicht.
  • Nein, er sollte im Amt bleiben. Er hat sich ausreichend erklärt.
  • Weiß nicht, die Vorwürfe sind noch nicht abschließend geklärt.

Guttenbergs Kehrtwende
Erst bezeichnete er die Vorwürfe als "abstrus", später gab er dann doch Fehler in seiner Doktorarbeit zu. Karl-Theodor zu Guttenberg hat in den vergangenen Tagen äußerst unterschiedliche Aussagen zu den Plagiatsvorwürfen gegen ihn gemacht. Eine chronologische Übersicht über die Kehrtwende des Ministers.


Guttenbergs Schummelaffäre
Karl-Theodor zu Guttenberg soll an mehreren Stellen seiner 475 Seiten umfassenden Doktorarbeit "Verfassung und Verfassungsvertrag" fremde Textpassagen ohne Quellenangabe verwendet haben. Nach Informationen von SPIEGEL ONLINE hat der Minister unter anderem Textpassagen aus einem Vortrag des CDU-Europaabgeordneten Andreas Schwab und aus einer Rede des Verfassungsjuristen Gerhard Casper übernommen. Beide Autoren wurden nicht korrekt ausgewiesen. Es sieht sehr danach aus, dass er auch ganze Textpassagen aus mehreren Zeitungen nahezu wortgleich abgeschrieben hat.



TOP



TOP