Von Jan Söfjer
Die FDP haben sie hinter sich gelassen, nun sind die Grünen dran. Nach der jüngsten Forsa-Umfrage würden die Piraten, wäre jetzt Bundestagswahl, 13 Prozent erreichen - zwei Punkte mehr als die Grünen. Doch während die Piraten langsam vor ihrem Erfolg Angst bekommen - sie müssen den Ansprüchen ja auch gerecht werden -, fragen sich andere, wie solche Umfrageergebnisse überhaupt zustande kommen und wie glaubwürdig diese sind.
Denn dass Umfragewerte drastisch daneben liegen können, sah man zuletzt im Saarland.
Vor der Landtagswahl waren laut Meinungsforschungsinstituten SPD und CDU gleichauf, am Ende lagen sie fast fünf Prozentpunkte auseinander. Vor der Wahl in Berlin im vergangenen Jahr prognostizierten einige Institute den Piraten nur ein Ergebnis bei fünf Prozent, schließlich erreichten sie knapp neun.
Der Politikwissenschaftler Joachim Behnke von der Zeppelin Universität in Friedrichshafen sagt: "Umfragen sind viel unzuverlässiger als angenommen." Der Ruf der Institute gründe darauf, dass sie an Wahlabenden nah dran seien, dort befragten sie jedoch nicht tausend Menschen wie bei Telefonumfragen, sondern 20.000, die frisch aus der Wahlkabine kämen. Dem Bürger mag dieser Unterschied nicht immer bewusst sein.
Stellenweise nehmen nur zehn Prozent der Angerufenen an Umfragen teil
Klaus-Peter Schöppner, Geschäftsführer von TNS Emnid, sagt, die Umfrage nach wissenschaftlichem Maßstab könne es gar nicht geben. Denn "die Leute müssen ja nicht mitmachen. Wenn wir 60 Prozent erreichen, wissen wir nicht, wie die anderen 40 Prozent entschieden hätten". Und das ist schon optimistisch gedacht. Joachim Behnke sagt, dass stellenweise nur zehn Prozent der Angerufenen an Telefonumfragen teilnehmen würden, was zu Verzerrungen führe, "da diejenigen, die nicht teilnehmen, sich anders zusammensetzen als die Teilnehmer". Die Werte würden dann noch interpretiert und durch die Zahlen der vorangegangenen Wochen geglättet.
Die Forschungsgruppe Wahlen trennt zwar zwischen erhobenen Zahlen (die eine "Stimmung" widerspiegeln) und geglätteten Werten (die eine "Projektion" darstellen). Doch Behnke bemängelt, dass die Institute nicht offenlegten, "welche genauen Zahlen sie erheben und nach welcher Methodik sie verfahren, um ihre Prognosen abzuleiten". Er habe schon gehört, dass der Chef eines Instituts mit den Zahlen in sein Büro gegangen sein soll und danach gesagt habe, was veröffentlicht würde.
Dazu passen die Erfahrungen von Holger Liljeberg, Gründer und Leiter des Meinungsforschungsinstituts Info GmbH, der im vergangenen Jahr als einziger neun Prozent für die Piraten ermittelte. Liljeberg sagt: "Die Kollegen trauen manchmal ihren eigenen Ergebnissen nicht." Das Wahlverhalten gleiche aber nun mal eher einem Aktienkurs als einer glatten Linie, so Liljeberg: "Wenn man sicher ist, sauber befragt zu haben, muss man die Ergebnisse nicht mit Zahlen der letzten Wochen verwässern."
"Die Angst, die Öffentlichkeit zu beeinflussen, ist groß"
Martin Delius, Mitglied des Abgeordnetenhauses von Berlin und dort Parlamentarischer Geschäftsführer der Piratenfraktion, mutmaßt: "Die Angst der Meinungsforschungsinstitute, die Öffentlichkeit zu beeinflussen, ist groß." Bei der Hauptstadtwahl im vergangenen Jahr habe er das Gefühl gehabt, dass sich die Institute lange Zeit nicht trauten, die Fünfprozenthürde bei den Piraten zu überschreiten.
Emnid-Geschäftsführer Schöppner und Andrea Wolf, Vorstandsmitglied der Forschungsgruppe Wahlen, erklären derartige Sprünge wie bei den Piraten mit einem Spiraleffekt. Info GmbH hatte die Umfrage drei Tage vor der Wahl gemacht, die anderen Umfragen waren zumindest eineinhalb Wochen alt. "Der Ansporn, die Piraten über fünf Prozent zu bekommen, kann dazu geführt haben, dass Nichtwähler doch noch zur Urne gegangen sind", sagt Schöppner. Wolf sagt: "Es war in der Woche vor der Wahl absehbar, dass die Piraten stärker würden."
Neben den kurzentschlossenen Wählern gibt es für Meinungsforscher aber noch etwas, das ihnen das Leben nicht einfacher macht: Zwölf Prozent der Haushalte in Deutschland telefonieren ausschließlich mit dem Handy, sind also über Festnetz nur noch erreichbar, wenn sie eine Homezone-Nummer haben. Andere haben zwar einen Festnetzanschluss, aber nur, weil er zu ihrem DSL-Flatrate-Paket dazugehört. Ein Telefon muss nicht zwangsweise eingestöpselt sein. Eine Alternative zur telefonischen Befragung gebe es indes noch nicht. Denn "über das Internet können noch keine repräsentativen Stichproben gezogen werden", sagt Liljeberg.
Dafür bräuchte beispielsweise so gut wie jeder Bürger einen amtlichen Mail-Account, der in einem Verzeichnis registriert ist. Bis es soweit ist, müssen sich die Meinungsinstitute damit abfinden, wenn unterwegs Angerufene keine Lust haben, Auskunft zu geben - und sei es nur, um ihre Akku-Ladung zu schonen.
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