Umfragen-Fake CDU-Politiker fielen auf falsche Zahlen rein

Ein Fake-Account bei Twitter verbreitet erfundene Wahlumfragen - prominente Christdemokraten wie Thüringens CDU-Chef Mohring und Bundestagsfraktions-Manager Grosse-Brömer fielen darauf herein: Sie verschickten die Zahlen weiter.

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Thüringer CDU-Chef Mohring: Falsche Zahlen in der Parteitagsrede
DPA

Thüringer CDU-Chef Mohring: Falsche Zahlen in der Parteitagsrede


Berlin/Erfurt - Die SPD - abgestürzt auf acht Prozent im Freistaat! Damit zum ersten Mal niedriger in der Wählergunst der Thüringer als die AfD! Diese Umfragezahlen klangen nach dem spektakulären Untergang einer Volkspartei, aber: Sie sind frei erfunden. Über den Twitter-Account "PrognosUmfragen" werden seit Monaten vermeintlich aktuelle Zahlen verbreitet, doch ein Impressum oder ein Hinweis auf den Auftraggeber fehlen. Namhafte Politiker fielen trotzdem auf den Demoskopie-Schwindel rein.

So kostete beispielsweise der Parlamentarische Geschäftsführer der Union, Michael Grosse-Brömer, via Twitter die scheinbare Niederlage der SPD aus: "Nach der glorreichen Entscheidung für Rot-Rot-Grün in Thüringen liegt die #SPD laut Umfrage nur noch bei 8%. Das hat sich ja gelohnt...", schrieb der CDU-Politiker. Zu denen, die die Nachricht von "PrognosUmfragen" weiterverbreitetet und retweetet haben, gehört auch der Thüringer CDU-Bundestagsabgeordnete Christian Hirte.

Besonders pikant: Der CDU-Landesvorsitzende in Thüringen, Mike Mohring, saß den falschen Zahlen nicht nur via Twitter auf - er benutzte sie sogar in einer Parteitagsrede, um mit der neuen Landesregierung abzurechnen und als Beleg dafür, dass sich die SPD für die falsche Koalition entschieden habe.

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Dass die Umfragen nicht seriös waren, davon ist auch Matthias Cantow überzeugt. Er betreibt das Portal Wahlrecht.de und steht mit allen großen Meinungsforschern in Kontakt. "Hinter dem Twitter-Account steckt eine Einzelperson, die manchmal frei Zahlen erfindet, manchmal aktuelle Umfragen nimmt und sie in ihrem Sinne abwandelt", sagt er.

Der Name "PrognosUmfragen" soll offenbar an das Politikberatungs-Unternehmen Prognos AG mit Sitz in der Schweiz erinnern. In einem Interview beklagte sich das Unternehmen bereits darüber, dass sein guter Ruf durch den Twitter-Account in Mitleidenschaft gezogen werde.

Wer hinter dem Account mit den erfundenen Zahlen steckt, ist nicht bekannt.

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insgesamt 19 Beiträge
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Schnurrli 16.12.2014
1. Denglisch
Umfragen-Fake, Fake-Account... Geht's noch? Wieso kann es nicht heißen "Erfundene Umfragen" und ein "erfundenes Benutzerkonto"? Immer dieses bemühte "Am-Puls-der-Zeit-Sein", das immer weniger Sinn macht. Es nervt.
RSchubi 16.12.2014
2. Ha ha, tolle Story.
Aber fallen wir nicht alle auf einseitige, geschönte oder gar falsche Berichte herein? Warum wohl hat niemand mehr Vertrauen zu Presse und TV? Habe gerade einen Bericht über Pegida im Radio gehört. Da kamen ausschließlich Kritiker zu Wort, keine Erwähnung, daß sich nur wenige Rechte anhängen und somit Pegida eben nicht rechtsradikal, sondern aus der Mitte des Bürgertums ist. Trotzdem wird diese Bürgerbewegung madig gemacht, weil sie ihr Grundrecht ausübt. Die CDUler haben jetzt am eigenen Leib erfahren was es heißt, unrichtige Nachrichten vorgesetzt zu bekommen. Hoffentlich lernen sie daraus. Die meisten Bürger wissen mittlerweile, wie tendenziös die Medien berichten. Alle haben die selbe Meinung, was in einer pluralistischen Gesellschaft nahezu unmöglich ist.
Er det mig? 16.12.2014
3. Klammheimliche Schadenfreude?
Nein. Jedenfalls nicht klammheimlich. Nicht alles, was irgendwo "veröffentlicht" wird, entspricht der Wahrheit. Hilfreich ist es, wenn man erkennen kann, worin der Fehler besteht: Wurden zum Verständnis nötige orte/ Fakten/ Infos einfach weggelassen? Wie erscheinen Äußerungen in ihrem ursprünglichen Zusammenhang? Kann es sein, daß die vermeintliche Umfrage in Auftrag gegeben wurde- und wenn ja: von wem? Schön ist aber, daß nun gerade Herrschaften der erfolgsverwöhnten Partei, der Mutti vorsteht, sich so eine Blöße gegeben haben .... Manchmal hilft nachdenken, bevor man dem Drang, den Gegner mit Häme zu überschütten, nachgibt.
Er det mig? 16.12.2014
4. Klammheimliche Schadenfreude?
Nein. Jedenfalls nicht klammheimlich. Nicht alles, was irgendwo "veröffentlicht" wird, entspricht der Wahrheit. Hilfreich ist es, wenn man erkennen kann, worin der Fehler besteht: Wurden zum Verständnis nötige orte/ Fakten/ Infos einfach weggelassen? Wie erscheinen Äußerungen in ihrem ursprünglichen Zusammenhang? Kann es sein, daß die vermeintliche Umfrage in Auftrag gegeben wurde- und wenn ja: von wem? Schön ist aber, daß nun gerade Herrschaften der erfolgsverwöhnten Partei, der Mutti vorsteht, sich so eine Blöße gegeben haben .... Manchmal hilft nachdenken, bevor man dem Drang, den Gegner mit Häme zu überschütten, nachgibt.
genugistgenug 16.12.2014
5. und, wo ist der Unterschied?
Es ist doch allseits bekannt, dass jede Partei ihr bevorzugtes Meinungsforschungsinstitut hält oder es sogar vor der Pleite rettete. Die Gretchenfrage lautet doch eher: Was kann man der Presse/Politik überhaupt noch glauben? PS dass sogar Politiker auf diese nicht plausiblen Zahlen reinfallen, zeigt der IQ.
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